Von der Kraft der Veränderung
Als Lisa Talia nach Magdeburg kommt, ist die Stadt noch eine andere als heute. Seit 2001 lebt die gebürtige Irakerin an der Elbe. Vom heutigen Stadtbild ist damals wenig zu erkennen: Der Umbau des Katharinenturms steht noch nicht zur Debatte, das Hundertwasserhaus existiert noch nicht, viele Straßenzüge warten noch auf ihre Erneuerung. Lisa Talia ist zu dieser Zeit noch ein Kind. Heute ist sie 37 Jahre alt – und ihre persönliche Entwicklung ist eng mit der Entwicklung Magdeburgs verbunden.
„Am Anfang hatte ich großes Heimweh und habe viel geweint“, erinnert sie sich. In den ersten Jahren spricht sie kein Wort Deutsch. In Bagdad hat sie ihre Schule, ihr gewohntes Umfeld und ihre Freunde zurückgelassen. In Magdeburg beginnt sie mit einem Deutschkurs – und findet Schritt für Schritt ihren Weg. Mit der Sprache wächst auch die Sicherheit im Alltag. Sie besucht die fünfte Klasse, zeigt schnell gute Leistungen und erhält schließlich eine Gymnasialempfehlung. 2009 macht sie ihr Abitur. Zu diesem Zeitpunkt hat sie längst Anschluss gefunden, Freundschaften geschlossen und sich in der Stadt orientiert. Magdeburg wird ihre Heimat. „Ich bin hier aufgewachsen – deshalb stimmt dieser Begriff für mich“, sagt sie.
Als der Bruder ihr von seinem Job als Pharmazeutisch-technischer Assistenz (PTA) vorschwärmt, bekommt sie auch Lust, in den Job hineinzuschnuppern. Ein Interesse mit schönen Folgen: „Das war genau das, was ich auch machen wollte“, erinnert sich die heutige PTA. Was sich in ein paar Zeilen abbilden lässt, ist im wahren Leben eine Geschichte, die viele Facetten hat. Dass sie sich in Magdeburg so schnell zuhause fühlt, liegt für sie vor allem an den Menschen. „Viele waren von Anfang an sehr offen und herzlich“, sagt sie. Sie erinnert sich aber auch daran, dass sie in ihrer Klasse zunächst die einzige Schülerin mit Migrationshintergrund war. Heute ist das Bild vielfältiger geworden – und Lisa Talia ist längst eine Magdeburgerin mit voller Überzeugung: „Ich mag diese Stadt sehr.“
Diese Verbundenheit zeigt sich auch in einer Entscheidung als junge Frau: Nach einem Jahr im Ausland kehrt sie mit ihrem Mann aus dem Libanon zurück an die Elbe. „Ich konnte mir zunächst gut vorstellen, woanders zu leben – doch dann wollte ich zurück nach Magdeburg. Und mein Mann hat das genauso gesehen“, erinnert sie sich. Beruflich hat sie ihre Heimat ebenfalls gefunden. Sie arbeitet in der Pluspunkt Apotheke in der Innenstadt bei Inhaberin Claudia Meffert, die sich neben ihrer Tätigkeit in der Apotheke auch in verschiedenen städtischen Funktionen engagiert, unter anderem als Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskammer Magdeburg oder als Präsidentin des Landesschachverbandes Sachsen-Anhalt.
Die Unternehmerin hebt die Bedeutung internationaler Fachkräfte für die Stadt hervor: „Für uns zählt nicht, wo Menschen herkommen, sondern was sie können. Wenn wir Fachkräfte gewinnen und halten wollen, müssen wir offen sein und neue Wege gehen.“ Im eigenen Team wirbt sie schon vor langer Zeit dafür, weltoffen zu sein. Sie stellt die Frage in den Raum: „Wie gut sind wir darin?“ Die Antwort ist heute eine gelebte Offenheit für andere Kulturen. „Das muss auch so sein“, meint Claudia Meffert. „Ohne Fachkräfte aus anderen Ländern, können wir das Wirtschaftssystem in Zukunft nicht bewältigen.“ Auch aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Sport zieht sie diese Erfahrung: „Menschen aus unterschiedlichen Ländern bereichern unsere Stadt – im Beruf genauso wie im Ehrenamt“, sagt Claudia Meffert.
Lisa Talia und Claudia Meffert eint ein ähnlicher Blick auf ihre Heimat: „Magdeburg ist eine lebenswerte Stadt.“ Für Lisa Talia ist dabei besonders wichtig, dass sich etwas verändert hat – im positiven Sinne: „Natürlich gibt es manchmal noch Vorbehalte. Doch insgesamt habe ich hier eine große Offenheit erlebt. Und die wird immer stärker.“