Von Mali nach Magdeburg
Wenn Binta – die nur so genannt werden möchte – zum Schichtbeginn die Tür zum Hedwig-Pfeiffer-Haus öffnet, beginnt für sie ein Arbeitstag wie für viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Dass sie hier arbeitet, ist vor mehr als 20 Jahren nicht vorhersehbar gewesen. Damals führt sie ihr Weg aus Mali nach Magdeburg – und eher zufällig in eine Branche, die heute mehr denn je Verstärkung braucht. Der Fachkräftemangel stellt Pflegeeinrichtungen vor große Herausforderungen. Für viele von ihnen sind internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter inzwischen unverzichtbar geworden. Das gilt auch für die Pfeifferschen Stiftungen. Vorständin Ulrike Petermann ist allerdings noch etwas anderes wichtig: „Die Qualifizierung ist das eine. Für uns ist entscheidend, gute Menschen zu finden, die mit der richtigen Haltung agieren. Woher sie kommen, spielt dabei eher eine Nebenrolle.“ Dass Binta schon lange zur Belegschaft gehört, bezeichnet sie als Glücksfall. „Sie verkörpert die Werte, die wir hier vermitteln wollen. Es gibt Kollegen, die am liebsten nur mit ihr zusammenarbeiten möchten, weil sie immer fröhlich und optimistisch ist.“
Für Binta steckt in solcher Anerkennung mehr als für viele andere Menschen. Als sie vor mehr als 20 Jahren aus dem westafrikanischen Land nach Magdeburg kommt, ist die Stadt noch eine andere als heute. Damals ist sie die erste Afrikanerin auf ihrer Station bei „Pfeiffers“. Auf der Straße fühlt sie sich mitunter unwohl. Als sie in ihre Wohnung in Stadtfeld zieht, ist sie deshalb erleichtert, dass man sie und ihre Kinder so freundlich aufnimmt. „Meine Bedenken waren groß. Ich war nicht sicher, ob man uns mag“, erinnert sie sich. Doch im Mehrfamilienhaus wird sie von Anfang an willkommen geheißen. Die Hausgemeinschaft bezieht Binta und ihre Kinder schnell in das gesellschaftliche Leben ein.
Bei der Arbeit trifft sie dagegen anfangs auch auf Vorbehalte. „Viele wussten nicht so recht, wie sie mit mir umgehen sollten“, sagt sie. Dennoch geht sie ihren Weg, arbeitet zunächst in der ambulanten Pflege und kommt schließlich zu den Pfeifferschen Stiftungen. Dort begegnet sie Schwester Anne. Ihre damalige Chefin im Demenzzentrum lebt Toleranz ganz selbstverständlich vor. „Für sie sind alle Menschen gleich“, sagt Binta. „Wichtig war, dass wir uns gut um die Bewohner kümmern und unsere Arbeit ordentlich machen.“ Für Ausgrenzung ist dort kein Platz. Mit der Zeit verändert sich nicht nur der Zusammenhalt im Team. Auch die Stadtgesellschaft wird offener. Heute sagt Binta: „Ich habe hier viele Freunde gefunden, die wie eine kleine Familie für mich sind.“
Im Demenzzentrum ist sie längst nicht mehr die einzige Mitarbeiterin mit internationalen Wurzeln. Inzwischen gleiche das Team einer kleinen Weltgemeinschaft, sagt die Pflegehilfskraft. Und diese bringt die Welt auch in die Einrichtung. Kolleginnen und Kollegen aus Irland, Kolumbien, Marokko oder Mali zeigen Kleidung aus ihren Heimatländern, erzählen von Traditionen und bringen ihre Kultur mit in den Alltag.
In der sozialdiakonischen Komplexeinrichtung, deren Wurzeln bis ins Jahr 1889 zurückreichen, soll künftig noch stärker herausgestellt werden, was deutsche und internationale Mitarbeitende verbindet und wo Gemeinsamkeiten liegen, sagt Ulrike Petermann, Vorständin der Pfeifferschen Stiftungen. Dass Vielfalt in ganz Magdeburg zunehmend selbstverständlich wird, freut sie: „Allein das Stadtbild hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Das Leben ist bunter und vielfältiger geworden, und die Magdeburger gehen heute viel positiver mit Verschiedenheit um.“
Ulrike Petermann kennt viele Beispiele für Freundschaften zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft. Sie sagt: „Weltoffenheit ist nicht nur ein Wort, sie prägt viele Lebensbereiche. Das müssen wir bewahren und weiter stärken.“