Magdeburg durch die Architektenbrille
Als Vui Van Duong im Jahr 2001 zum ersten Mal nach Magdeburg kommt, erweckt die Elbestadt bei ihm den Eindruck, ein Dorf zu sein. Kein Wunder, denn der gebürtige Vietnamese ist an südostasiatische Dichte und nicht an sachsen-anhaltische Weite gewöhnt. Vui Van Duong kennt das Gedränge, das Gewirr, die Straßen voller Motorroller, Streetfood und die kleinen Gassen und Läden der vietnamesischen Millionenmetropole Hanoi, in der fast 37 Mal so viele Menschen leben wie in Magdeburg. „Deshalb war ich zuerst der Überzeugung, ich muss unbedingt nach Berlin, Hamburg oder nach Frankfurt am Main gehen“, sagt der Architekt. Doch der Liebe wegen landet er in Magdeburg. Hier hat er Fuß gefasst, ein erfolgreiches Architekturbüro aufgebaut und eine Familie gegründet. Und er hat (mit)gestaltet und die architektonische Vielfalt der Elbestadt um einige unverwechselbare und zukunftsweisende Projekte abseits des Mainstreams reicher gemacht.
Vui Van Duong hat Architektur in Vietnam und bis 2007 in Hannover studiert. Weil er damals keinen Job in Magdeburg findet, wo seine vietnamesische Ehefrau seit Anfang der 1990er Jahre lebt und arbeitet, muss er seine kreativen Fühler doch erst einmal in Berlin ausstrecken. „Ich bin zwei Jahre gependelt, bevor ich in Magdeburg eine Anstellung als Architekt gefunden habe“, berichtet der zweifache Familienvater aus seiner Vergangenheit. 2015 macht er sich selbstständig, drei Jahre später eröffnet die Duong Architekten GmbH ihren Sitz am Breiten Weg. Der Unternehmensgründer schreibt fortan in diesen repräsentativen Räumen nicht nur an der baulichen Stadtgeschichte mit – er schaut aus den Bürofenstern direkt auf den „Dorfkern“. „Als ich anfangs von Vietnam aus erst einmal für ein Jahr nach Holland gegangen bin, habe ich zu meinen Eltern gesagt: Entweder ich komme zurück, oder ich gehe nach Deutschland.“ Heute weiß er: „Magdeburg ist für Familien einfach großartig. Das hätten wir in Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main niemals so gehabt.“
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Vui Van Duong ein Teil dieser „Magdeburger Großartigkeit“ ist. Der Architekt ist der Spezialist fürs Andere. Gigantische Industrieprojekte, futuristische Bürogebäude, funktionale Sport- und Kulturbauten sowie individuelle Ein- und Mehrfamilienhäuser gehören zum Portfolio von Duong Architekten. Die Frage nach dem Lieblingsprojekt kann er sofort beantworten: „Die Wobau-Welle.“ Und genau zu deren Füßen könnte nach den Vorstellungen und Visionen von Vui Van Duong eine neue Magdeburger Mitte entstehen. Sein Entwurf einer „neuen Altstadt“ auf dem Prämonstratenserberg hat ebenso begeistert wie schockiert – ein Spannungsfeld, in dem sich der Stadtgestalter gern bewegt. „Ich hatte die Idee, ein Stück des alten Magdeburgs durch dieses neue Quartier in Erinnerung zu rufen und die Vergangenheit wieder erlebbar zu machen.“ Architektur, so sagt Vui Van Duong, muss bei jedem Projekt neu erfunden werden. Von Handschriften, wie sie einige berühmte Architekten hinterlassen haben, hält der Visionär nicht viel. „Ich finde das gut, aber es ist langweilig.“
Den Charme und die Schönheit seiner Heimatstadt hält er auch mit seiner Kamera fest. Als passionierter Fotograf rückt er die besonderen Ecken Magdeburgs in die Öffentlichkeit und präsentiert sie auf Social Media. „Ich gehe mit dem Auge eines Architekten durch die Stadt. Und was ich erblicke, gefällt mir“, sagt er mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. „Magdeburg hat sich seit 2001 verändert, ist offener, freundlicher, attraktiver und einfach viel, viel besser geworden.“ Vui Van Duong sagt das als Mensch, Familienvater und Architekt. Die Großstädte Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main locken schon lange nicht mehr, denn es steht fest: „Ich will hierbleiben.“