„Weltoffenheit ist kein Zusatz – sie ist unsere Zukunft“
„Weltoffenheit ist kein Zusatz – sie ist unsere Zukunft“
Dr. Ingo Gottschalk, Beigeordneter für Soziales, Jugend und Gesundheit
Beginnen wir mit den Zahlen: Wie international ist Magdeburg heute?
Dr. Ingo Gottschalk: Die Entwicklung ist bemerkenswert. Vor dem Jahr 2015 hatten lediglich rund acht Prozent der Magdeburgerinnen und Magdeburger einen Migrationshintergrund. Heute sind es mehr als 20 Prozent. Zum Stichtag März 2026 hatten 39.510 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ihren Hauptwohnsitz in Magdeburg. Das entspricht etwa 16 Prozent der Gesamtbevölkerung. Hinzu kommen Menschen, die inzwischen eingebürgert wurden. Insgesamt hat sich der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund innerhalb eines Jahrzehnts etwa verdoppelt. Das prägt unsere Stadt inzwischen sichtbar.
Warum kommen die Menschen nach Magdeburg?
Die Gründe haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Noch vor zehn Jahren standen vor allem humanitäre Fluchtursachen im Vordergrund. Heute ist das Bild deutlich vielfältiger. Rund ein Viertel der Menschen kommt aus humanitären Gründen, ein weiteres Viertel wegen einer Ausbildung oder einer Arbeitsstelle. Hinzu kommen Menschen, die aus familiären Gründen nach Magdeburg ziehen. Die Migration ist insgesamt vielfältiger und stärker mit Arbeit, Bildung und langfristigen Lebensperspektiven verbunden.
Gelingt es Magdeburg, diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren?
Ja, und zwar zunehmend besser. Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Das zeigt, dass Integration nicht nur über Sprache oder gesellschaftliche Teilhabe funktioniert, sondern vor allem über Arbeit. Wer arbeitet, findet schneller Anschluss, wird unabhängiger und gestaltet das Leben in unserer Stadt aktiv mit.
Magdeburg hat diese Entwicklung in relativ kurzer Zeit erlebt. Was war die größte Herausforderung?
Die Geschwindigkeit. Innerhalb weniger Jahre mussten wir lernen, mit einer deutlich größeren kulturellen Vielfalt umzugehen und auch Strukturen aufbauen. Dabei hat sich auch die Qualität des Zusammenlebens verändert. Anfangs ging es vor allem um eine Willkommenskultur. Heute sprechen wir über gemeinsames Leben, gemeinsame Nachbarschaften und gemeinsame Verantwortung. Andere Regionen Deutschlands hatten mehrere Jahrzehnte Zeit für diese Entwicklung. Wir haben vieles davon in deutlich kürzerer Zeit erlebt.
Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?
Vor allem bei der gegenseitigen kulturellen Akzeptanz. Menschen bringen unterschiedliche Gewohnheiten, Lebensweisen und Vorstellungen mit. Das ist normal. Man feiert anders, organisiert den Alltag anders und hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Diese Unterschiede müssen wir nicht beseitigen, sondern verstehen lernen. Deshalb setzen wir zunehmend auf konkrete Begegnungen. Ein Beispiel ist ein Projekt im Kannenstieg. Gemeinsam mit Wohnungsunternehmen und Akteuren im Stadtteil schaffen wir Gelegenheiten, damit Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Dabei übernehmen Menschen aus verschiedenen Kulturen selbst Moderationsrollen. Das funktioniert inzwischen seit anderthalb Jahren sehr erfolgreich. Konflikte können früher angesprochen und Missverständnisse besser geklärt werden. Wenn sich dieses Modell auf weitere Stadtteile übertragen lässt, wäre das ein großer Gewinn für die gesamte Stadt.
Was braucht ein gutes Zusammenleben in einer vielfältigen Stadt?
Respekt, Offenheit und die Bereitschaft, Konflikte konstruktiv zu lösen. Das klingt selbstverständlich, muss aber immer wieder neu eingeübt werden. Eine Stadtgesellschaft lebt davon, dass Menschen miteinander sprechen, unterschiedliche Sichtweisen aushalten und gemeinsame Lösungen finden. Diese Fähigkeit ist für mich ein zentraler Bestandteil von Weltoffenheit.
Magdeburg hat in den vergangenen Jahren viel für Integration und Teilhabe getan. Wie wichtig sind solche Strukturen?
Sie sind unverzichtbar. Es reicht nicht aus, Weltoffenheit nur zu formulieren. Man muss Räume schaffen, in denen sie gelebt werden kann. Deshalb haben wir beispielsweise Integrationslotsen, einen Integrationsbeirat oder die Interkulturelle Woche. Auch das Integrationskonzept der Stadt hat wichtige Impulse gegeben. Solche Ansätze und Strukturen sorgen für Verlässlichkeit und Orientierung. Sie machen deutlich, welche Werte wir vertreten und welche Erwartungen wir an das Zusammenleben haben. Wir sind überzeugt, dass Stadtverwaltung, Politik und Stadtrat dabei eine aktive Rolle übernehmen müssen. Integration darf nicht allein der Selbstorganisation überlassen werden.
Warum ist Weltoffenheit aus Ihrer Sicht auch ein wirtschaftlicher Standortfaktor?
Weil sie unmittelbar mit Zukunftsfähigkeit verbunden ist. Weltoffenheit entscheidet mit darüber, wie attraktiv eine Stadt für Fachkräfte, Unternehmen und Investitionen ist. Wenn wir internationale Fachkräfte nicht gewinnen und halten können, werden wir langfristig Schwierigkeiten haben, unseren Lebensstandard und viele gesellschaftliche Angebote aufrechtzuerhalten.
Das sieht man besonders deutlich in Bereichen wie der Pflege oder im Gesundheitswesen. Dort wird der Fachkräftebedarf in den kommenden Jahren weiter steigen. Gleichzeitig wollen die meisten Menschen, die zu uns kommen, arbeiten und sich einbringen. Deshalb müssen wir die Hürden möglichst niedrig halten und Wege schaffen, die den Einstieg in Ausbildung und Beschäftigung erleichtern.
Wenn Sie einen Wunsch an die Bundespolitik frei hätten – welcher wäre das?
Ich würde mir wünschen, dass Menschen stärker nach ihren Fähigkeiten betrachtet werden. Oft pressen wir Menschen in standardisierte Verfahren, statt ihre individuellen Stärken in den Mittelpunkt zu stellen. Sinnvoll wäre ein System, das Kompetenzen früh erkennt und darauf aufbauend gezielte Unterstützung ermöglicht. Wir sind häufig zu kompliziert. Weniger Bürokratie und mehr individuelle Förderung würden vielen Menschen helfen, schneller ihren Platz in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu finden.
Wie wird sich Magdeburg in den kommenden zehn Jahren entwickeln?
Ich bin optimistisch. Magdeburg hat gute Voraussetzungen, um als moderne und weltoffene Stadt weiter zu wachsen. Entscheidend wird sein, Arbeit, Bildung, soziale Teilhabe und Stadtentwicklung noch stärker zusammenzudenken. Wir wollen beispielsweise die Jugendarbeitslosigkeit bis 2030 deutlich senken und gleichzeitig Menschen unterstützen, die besondere Hilfe benötigen. Weltoffenheit zeigt sich nicht nur in internationalen Kontakten oder kulturellen Angeboten. Sie zeigt sich auch darin, wie wir mit Menschen umgehen, die Unterstützung brauchen. Magdeburg hat alle Chancen, als offene und internationale Stadt wahrgenommen zu werden. Dafür müssen wir uns die Fähigkeit zum Dialog bewahren. Respekt, Rücksichtnahme und die Bereitschaft zuzuhören bleiben die wichtigsten Grundlagen. Wenn uns das gelingt, wird die Stadt nicht nur vielfältiger, sondern auch stärker.