Erwacht aus dem Dornröschenschlaf
Auf dem Weg zu seiner Ausbildungsstelle hat Hussain immer den E-Scooter dabei. Den braucht er auch, denn, wenn er die Straßenbahn im Magdeburger Stadtteil Rothensee verlässt, muss er noch eine ordentliche Wegstrecke zurücklegen. Den E-Roller hat ihm die Firma OTTOSTAHL GmbH zur Verfügung gestellt – er darf ihn auch privat nutzen. Einen Helm hat sich Hussain selbst gekauft. „Wer ohne Helm fährt, verliert bei uns das Recht des Rollerfahrens“, erklärt OTTOSTAHL-Geschäftsführer und Vertriebsleiter Fabian Illmer. Das seit 2021 bestehende Stahlbearbeitungs-Unternehmen mit mehr als 40 Mitarbeitenden gewährt seinen Azubis dieselben Benefits wie allen anderen im Team. Für Fabian Illmer eine lohnenswerte Investition in die Zukunft. „Stahl ist nicht sexy. Noch klappt das mit der Nachwuchsgewinnung, aber es wird immer schwieriger.“ Illmer sagt, es brauche viele gut ausgebildete junge Leute, die diese Gesellschaft in den nächsten Jahren „weitertreiben“. So wie Hussain, der im Jahr 2016 im Alter von 15 Jahren mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und so dem Krieg in seinem Heimatland entflohen ist. Seit 2019 ist Magdeburg ihre Heimat – mit guten Jobs, Freunden, Freizeitaktivitäten und allem Drum und Dran.
Dass Hussain in Deutschland eine gute Ausbildung macht, war für ihn klar. „Ich habe bei der Agentur für Arbeit im Internet recherchiert“, blickt er zurück. Was er über OTTOSTAHL liest, überzeugt ihn. Er fasst sich ein Herz und ruft an. „Er hat sich einfach telefonisch kurz bei uns beworben“, berichtet sein Chef. „Da kann ich nur sagen: Hut ab vor dieser Leistung.“ Seine durchaus mutige Initiative überzeugt ebenso wie seine handwerklichen und schulischen Leistungen, die er inzwischen vorbringt. „Ich lerne Maschinen- und Anlagenführer. Das dauert zwei Jahre“, erzählt Hussain, der in Kundus in Afghanistan geboren ist. Für Fabian Illmer ist er einer der „jungen Wilden“, die die betriebliche Alterspyramide wieder ein bisschen „geraderücken“. Hussain hat sich sofort gut eingegliedert, was für Fabian Illmer ganz entscheidend daran liegt, dass er sehr gut deutsch spricht. „Integration ist Sprache. Punkt. Man muss die Maschinen verstehen, man muss in der Berufsschule alles verstehen und man muss sich mit den Kolleginnen und Kollegen austauschen können“, betont er. „Das B2-Sprachniveau ist Voraussetzung für uns, ansonsten ist es ganz egal, woher unsere Azubis und Mitarbeitenden kommen.“
Der gebürtige Göttinger Fabian Illmer ist wie Hussain ein Zugezogener und beide bezeichnen Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt inzwischen als ihr Zuhause. „Ich bin im August 2022 mit meiner Familie aus Duisburg gekommen“, erzählt der dreifache Vater. Und das überrascht ihn rückblickend selbst am meisten. „Ich bin ehrlich. Hätte mich jemand vor 15 Jahren gefragt, ob ich Lust hätte, nach Magdeburg zu ziehen, hätte ich geantwortet: Nie und nimmer.“ Die Stadt habe lange im Dornröschenschlaf gelegen und lange nach seiner Identität gesucht, ordnet der Unternehmer ein. Wo bin ich? Was kann ich? Und wo will ich hin? „Magdeburg hat darauf Antworten gefunden und das lässt mich heute ohne jeden Zweifel sagen, dass ich mit der Familie hier zu Hause bin.“
Schon allein die Existenz von Hochschule und Universität trage automatisch eine gewisse Weltoffenheit in die Stadt. „Alles steht und fällt mit den Menschen. Natürlich gibt es immer Luft nach oben, aber ich erlebe Magdeburg als eine behütete Welt im Vergleich zu anderen Städten, beispielsweise im Ruhrpott.“ Auch Hussain möchte sich hier etwas aufbauen und denkt – wie auch der Rest seiner mittlerweile voll integrierten Familie – nicht über Weggang nach. „Wir sind alle hier und möchten hier gerne weiter bleiben und leben.“ Einen Job hat er in der Stadt mit der langen Stahl- und Anlagenbau-Tradition sicher. Und das, so sagt er, sei das Wichtigste.