„Vielfalt und Weltoffenheit bereichern uns ungemein“
„Vielfalt und Weltoffenheit bereichern uns ungemein“
Dr. Christian Richter
Können technische Systeme Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse erkennen und nachvollziehen? Dr. Christian Richter sagt: ja. Die Eigenschaften der Empathie als wichtiger Baustein zwischenmenschlicher Kommunikation ist auch auf Technik-Technik-Interaktionen übertragbar und kann etwa intralogistische Prozesse störungsfreier und effizienter gestalten. Der promovierte Ingenieur am Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und –automatisierung IFF in Magdeburg nennt ein Beispiel: Im Lager eines Logistikdienstleisters sind zwei fahrerlose Transportfahrzeuge unterschiedlicher Hersteller unterwegs, die sich in einem Gang begegnen. Ihre Reaktion aufeinander kann durchaus empathisch sein, etwa in Form gegenseitiger Rücksichtnahme. Das verhindere Störungen – vor allem die kurzzeitigen und unscheinbaren.
Christian Richter leitet am Standort Magdeburg das Projekt „EMOTION“, an dem sieben Fraunhofer-Institute in Deutschland und Österreich beteiligt sind. Im Kern geht es um selbststeuernde Produktionssysteme. Das Projekt leistet einen wichtigen Beitrag zum übergeordneten Zielbild des Fraunhofer IFF, der Automatisierten Manufaktur, bei der auch individuelle Prozesse effizient automatisiert werden sollen. „Wir können es uns nicht mehr leisten, dass Mitarbeitende zwischen ihrem Arbeitsplatz und dem Lager hin und her rennen, um eine Kiste Schrauben zu holen“, bekräftigt Christian Richter. Das Fraunhofer IFF im Allgemeinen und das Team des Leitprojekts „EMOTION“ im Speziellen schätzen den wissenschaftlichen Austausch über Grenzen hinweg, der nahezu unverzichtbar scheint. „Netzwerken ist wichtig. Neue Ideen, andere Sichtweisen, Vielfalt und Weltoffenheit bereichern uns ungemein“, so der gebürtige Wittenberger, der in Stuttgart in Baden-Württemberg den Studiengang „Automatisierungstechnik in der Produktion“ belegt hat. Im Jahr 2010 kommt er als Jungingenieur an die Otto-von-Guericke-Universität und macht Magdeburg zu seinem Arbeits- und Lebensmittelpunkt. Die Vorzüge der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt hat er schätzen gelernt, beispielsweise die der sehr guten Kinderbetreuung und die der im Vergleich zu Stuttgart niedrigen Lebenshaltungskosten.
„Zwölf Jahre habe ich an der Uni am Institut für Logistik und Materialflusstechnik gearbeitet“, berichtet der Familienvater aus seiner beruflichen Vergangenheit. Über das gemeinsame Projekt „Speicher K“ im Magdeburger Wissenschaftshafen knüpft Christian Richter erste Beziehungen ins IFF. „Mitte 2021 wurde ich gefragt, ob ich Zusammenarbeit mit dem IFF weiter ausbauen möchte, und bin dann Anfang 2022 zu Fraunhofer gewechselt“, sagt er. Vor „EMOTION“ leitete er das Elbfabrik-Projekt, wo er bis heute im Bereich Forschung und Transfer involviert ist. Ein Grundsatz ist: „Man muss einen internationalen Austausch schaffen, um a) den Standort zu sichern und b) nicht im eigenen Saft zu schmoren.“ Wissenschaft und Forschung sei auch dafür da, Schnittstellen für an Ländergrenzen endende Standards zu schaffen. Das ist auch beim Projekt „EMOTION“ der Fall. „Wir alle arbeiten gemeinsam an interoperablen Dateninfrastrukturen, die Informationsaustausch und damit Empathie überhaupt erst möglich machen“, bekräftig Christian Richter. „Egal, in welchem Land.“
Dass Magdeburg den prägenden Fußstapfen des Schwermaschinenbaus entstiegen und in die der renommierten Wissenschaft getreten ist, sei auch der Verdienst unglaublich engagierter Menschen, die an Visionen glauben. „Und die internationalen Studierenden wissen um diese Verbindung, denn wir haben an der Otto von Guericke Universität eine starke Maschinenbau-Fakultät“, sagt der Ingenieur. Überhaupt glänze Magdeburg als Bildungsstandort mit einer starken Forschungslandschaft und hervorragend ausgebildeten Fachkräften. „Es liegen großartige Entwicklungen vor uns“, ordnet Christian Richter ein. „Das Fundament ist solide. Jetzt müssen wir dranbleiben.“