„Weltoffenheit ist ein konkreter Beitrag zur Zukunft des Handwerks“

„Weltoffenheit ist ein konkreter Beitrag zur Zukunft des Handwerks“

Andreas Dieckmann, Präsident der Handelskammer Magdeburg

 

Wie hat sich das Handwerk in den vergangenen Jahren verändert?

Andreas Dieckmann: Das Handwerk hat in den vergangenen Jahren enorm an Attraktivität gewonnen. Viele junge Menschen sind heute stolz darauf, einen Handwerksberuf zu erlernen. Gleichzeitig sind die Anforderungen deutlich gestiegen. Die Digitalisierung verändert nahezu alle Gewerke, doch am Ende braucht es immer qualifizierte Fachkräfte, die Technologien installieren, warten und instand halten. Jemand muss dafür sorgen, dass Leitungen verlegt werden, intelligente Gebäudetechnik funktioniert oder moderne Anlagen zuverlässig betrieben werden können. Hinzu kommt eine zunehmende Spezialisierung. In Bereichen wie der Elektromobilität und Hochvolt-Technologie sind neue Anforderungen und Berufsbilder entstanden. Deshalb ist es entscheidend, dass wir mit unseren Bildungszentren Schritt halten und aktuelles Wissen in der Gesellen- und Meisterausbildung vermitteln. Die Handwerkskammer versteht sich dabei als moderne Bildungswerkstatt mit einem klaren Auftrag: Wir qualifizieren den Fachkräftenachwuchs von morgen und schaffen die Grundlage dafür, dass das Handwerk auch künftig leistungsfähig bleibt.

Der Fachkräftemangel beschäftigt das Handwerk seit Jahren. Wie hat sich die Situation entwickelt?

In den 1990er Jahren hatten wir kaum Schwierigkeiten, Auszubildende zu finden. Mit dem demografischen Wandel hat sich die Situation jedoch grundlegend verändert. Heute konkurrieren Handwerksbetriebe ebenso wie Unternehmen anderer Branchen um Nachwuchs- und Fachkräfte. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Für die anstehenden Aufgaben gibt es schlicht zu wenige Menschen. Gleichzeitig bietet sich uns die Chance, Menschen mit Migrationsgeschichte für das Handwerk zu gewinnen und ihnen eine berufliche Perspektive zu eröffnen. Die Handwerkskammer unterstützt diesen Prozess mit verschiedenen Projekten und Initiativen. Davon profitieren alle Beteiligten: Die Betriebe gewinnen engagierte Nachwuchskräfte, und die Menschen erhalten eine qualifizierte Ausbildung sowie langfristige Perspektiven.

Welche Bedeutung haben internationale Fachkräfte für das Handwerk?

Internationale Fachkräfte sind für viele Betriebe längst unverzichtbar geworden. In meinem eigenen Unternehmen haben rund 25 Prozent der Beschäftigten einen internationalen Hintergrund. Sie bringen hohe Qualifikationen, neue Perspektiven und wertvolle Erfahrungen mit. Auf diese Kolleginnen und Kollegen möchte ich keinesfalls verzichten. Darüber hinaus bereichert die kulturelle Vielfalt auch das tägliche Miteinander. Entscheidend ist dabei, dass Integration gelingt. Unser Ziel sind keine Parallelgesellschaften, sondern ein gemeinsames Arbeiten und Leben.

Und wie ist es umgekehrt – welche Bedeutung hat das Handwerk für internationale Fachkräfte?

Arbeit ist einer der wichtigsten Schlüssel für gelungene Integration. Wer arbeitet, verdient sein eigenes Einkommen, knüpft soziale Kontakte und wird Teil der Gesellschaft. Anerkennung und Teilhabe entstehen oft dort, wo Menschen ihre Fähigkeiten einbringen und Verantwortung übernehmen können. Deshalb setzt sich die Handwerkskammer aktiv dafür ein, bestehende Hürden abzubauen und Betriebe wie Beschäftigte zu unterstützen. Wichtige Themen sind dabei die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse und vor allem der Erwerb der deutschen Sprache. Sprache ist die Grundlage für Ausbildung, Beruf und gesellschaftliches Miteinander. Je besser die sprachliche Integration gelingt, desto erfolgreicher ist auch die Integration in den Arbeitsmarkt und in unsere Gesellschaft insgesamt.

Wie spiegelt sich bei Ihnen im Arbeitsalltag Weltoffenheit und Vielfalt wider?

Weltoffenheit und Vielfalt sind im Handwerk gelebter Alltag. Für uns zählt nicht, wo jemand herkommt, sondern wohin er oder sie will. Unsere Betriebe arbeiten mit unterschiedlichen Menschen – mit Kundinnen und Kunden, Beschäftigten und Auszubildenden mit verschiedenen Lebenswegen. Wer motiviert ist, ein Handwerk zu erlernen, Verantwortung zu übernehmen und Teil eines Teams zu werden, verdient eine faire Chance. Als Kammer stehen wir für ein wertschätzendes Miteinander und für ein Handwerk, das in der Region verwurzelt und zugleich offen für neue Perspektiven ist.

Welche Maßnahmen und Strukturen fördern in Ihrem Umfeld die Integration?

Integration gelingt dort, wo Menschen Orientierung, Unterstützung und verlässliche Ansprechpartner finden. Als Handwerkskammer beraten wir Betriebe und Auszubildende unter anderem zu Ausbildung, Berufsanerkennung und zur Integration von Geflüchteten, Migrantinnen und Migranten sowie Auszubildenden aus dem Ausland. Wichtig ist dabei die enge Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Welcome Service Magdeburg. Gerade kleine Betriebe brauchen praktische Hilfe bei Fragen zu Sprache, Aufenthaltsrecht, Berufsschule oder Ankommen im Betrieb.

Welche Herausforderung gab oder gibt es dabei – und wie wurden und werden sie gelöst?

Die größte Herausforderung ist, dass Integration nicht mit einem Ausbildungs- oder Arbeitsvertrag endet. Viele Fragen entstehen erst im Alltag: Sprache, Wohnen, Behördenwege, Berufsschule, Prüfungen oderkulturelle Unterschiede. Unser Ansatz ist deshalb sachlich und lösungsorientiert: Wir hören den Betrieben und jungen Menschen zu, vermitteln Ansprechpartner, nutzen Netzwerke und begleiten Prozesse. Entscheidend sind klare Regeln, gegenseitiger Respekt und die Bereitschaft, Probleme gemeinsam zu lösen.

Beschreiben Sie bitte ein Beispiel, bei dem internationale Zusammenarbeit, Integration, Weltoffenheit Unternehmen oder Projekte entscheidend vorangebracht haben!

Ein gutes Beispiel ist VIETHOGA im Handwerk. Junge Menschen aus Vietnam werden für eine duale Ausbildung in Sachsen-Anhalt gewonnen, vorbereitet und in Handwerksbetriebe vermittelt. Das Projekt verbindet internationale Zusammenarbeit mit konkreter Fachkräftesicherung und eröffnet jungen Menschen eine berufliche Perspektive. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass VIETHOGA inzwischen in mehreren handwerklichen Berufsfeldern ankommt – unter anderem im Elektro-Bereich, im Metallbau, Lebensmittelhandwerk, Straßenbau, Kfz-Mechatronik und Textilreinigung. Für mich zeigt VIETHOGA sehr praktisch, wofür wir als Handwerkskammer stehen: für Chancen, Leistung, Zusammenhalt und ein respektvolles Miteinander. Weltoffenheit ist damit keine abstrakte Haltung, sondern ein konkreter Beitrag zur Zukunft des Handwerks.

Welche Botschaft haben Sie für Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Privatpersonen, die nach Magdeburg kommen wollen?

Meine Botschaft ist: Magdeburg bietet Chancen für Menschen, die hier arbeiten, lernen und ankommen wollen, und für Unternehmen, die Teil einer starken Region werden möchten. Das Handwerk steht für Verlässlichkeit, Leistung, Ausbildung und Gemeinschaft. Wer bereit ist, sich einzubringen, findet hier offene Türen, engagierte Betriebe und Unterstützung. Wir brauchen Menschen und Unternehmen, die mitgestalten wollen – und wir heißen sie willkommen

Welche Entwicklungen haben den Wirtschaftsstandort Magdeburg besonders geprägt?

Nach der Wiedervereinigung hat unsere Region einen tiefgreifenden Transformationsprozess durchlaufen. Der technologische Fortschritt und die zunehmende Digitalisierung haben Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändert. Diesen Wandel haben wir insgesamt sehr erfolgreich bewältigt. Heute verfügen wir in vielen Bereichen über einen hohen Automatisierungsgrad und eine starke Forschungslandschaft. Einrichtungen wie das Fraunhofer-Institut stehen beispielhaft für die Innovationskraft unserer Region. Diese Entwicklung zeigt, dass Magdeburg den Sprung in die moderne Wissens- und Technologiewirtschaft erfolgreich gemeistert hat.

Erleben Sie die Ottostadt Magdeburg heute als eine weltoffene Stadt?

Magdeburg ist in den vergangenen Jahren deutlich internationaler und weltoffener geworden. Ich selbst habe viele Freunde mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und erlebe diese Vielfalt auch im Stadtbild und im gesellschaftlichen Leben. Gleichzeitig ist mir wichtig, immer wieder zu betonen, dass wir respektvoll miteinander umgehen müssen. Offenheit funktioniert dann am besten, wenn wir einander mit Anstand, Höflichkeit und gegenseitigem Respekt begegnen. Dazu gehört auch, Probleme offen anzusprechen und unterschiedliche Meinungen auszuhalten. Genau diese Haltung erwarten die Menschen von uns – sowohl im Handwerk als auch in den Institutionen, die das Handwerk vertreten.