„Internationale Talente sind eine Chance für die ganze Stadt“
Prof. Dr. Manuela Schwartz, Rektorin der Hochschule Magdeburg-Stendal
Frau Prof. Schwartz, die Hochschule Magdeburg-Stendal ist heute deutlich internationaler als noch vor einigen Jahren. Wie ist dieser Wandel gelungen?
Das war kein einzelner Schritt, sondern ein längerer Prozess mit vielen Meilensteinen. Eine wichtige Rolle spielt sicherlich unsere strategische Partnerschaft mit der German-Jordanian University in Jordanien. Dieses Projekt fördert seit vielen Jahren den interkulturellen Austausch und die transnationale Bildung. Gleichzeitig haben wir früh den Weg in internationale Netzwerke gesucht. Ein wichtiger Schritt war beispielsweise unsere Mitgliedschaft in der European University Association. Dass der frühere Rektor, Prof. Dr. Andreas Geiger dafür gesorgt hat, dass wir als Fachhochschule aufgenommen wurden, war eine besondere Anerkennung. Vor zwei Jahren wurden wir auf EU-Ebene mit dem Seal of Excellence und unserem Antrag mit acht weiteren Hochschulen unter dem Namen Study EU Amber Road ausgezeichnet. Dieser Verbund sorgt erneut für internationale Verbindungen und Austausch und aktuell für einen erneuen EU-Antrag.
Hinzu kommt das große Engagement unserer Lehrenden. Viele Professorinnen und Professoren pflegen seit Jahren internationale Kontakte, entwickeln gemeinsame Projekte und bauen wissenschaftliche Netzwerke auf. Am Ende ist es die Summe vieler internationaler Aktivitäten und eine gelebte Weltoffenheit der Hochschule, die diese Entwicklung möglich gemacht hat.
Internationalität bedeutet heute längst mehr als Austauschprogramme. Wie wichtig ist die Forschung dabei?
Sehr wichtig. Wenn wir auf europäischer Ebene erfolgreich Forschungsanträge einwerben, zeigt das, dass unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler international konkurrenzfähig sind. Forschung und Lehre gehören zusammen. Unsere Professorinnen und Professoren vermitteln nicht nur Wissen, sondern arbeiten auch an internationalen Fragestellungen und Projekten mit. Das stärkt die Qualität unserer Hochschule insgesamt.
Die Hochschule bietet inzwischen auch Studiengänge an, die über die Region hinaus Aufmerksamkeit erzeugen. Welche Rolle spielen solche Angebote?
Eine sehr große. Wir haben einige Studiengänge mit klaren Alleinstellungsmerkmalen. Dazu gehört beispielsweise der englischsprachige Studiengang Water Management. Besonders erfolgreich entwickelt sich derzeit unser internationaler Studiengang Sustainable Resources, Engineering and Management, kurz StREaM. Allein in diesem Sommersemester haben wir dafür mehr als 600 Bewerbungen erhalten. 185 Studierende aus 21 Nationen konnten wir immatrikulieren. Wenn man dann durch die Mensa geht und Menschen aus aller Welt trifft, wird sichtbar, was Internationalisierung bedeutet. Es war beeindruckend zu erleben, mit welcher Begeisterung die Studierenden nach Magdeburg gekommen sind. Die Verbindung von Nachhaltigkeit, Ingenieurwissenschaften und Management trifft offensichtlich auf große Gegenliebe. Gleichzeitig wird der Studiengang für viele junge Menschen zum ersten Kontakt mit Magdeburg und Sachsen-Anhalt.
Wie gelingt es Ihnen, dass internationale Studierende nicht nur Teil der Hochschule, sondern auch Teil der Stadtgesellschaft werden?
Das ist eine zentrale Aufgabe. Wir wollen nicht, dass Studierende nur auf dem Campus bleiben. Deshalb schaffen wir gezielt Begegnungsmöglichkeiten. Ein Beispiel ist die jährliche Auszeichnung der Stadt für internationale Studierende der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Otto-von-Guericke-Universität. Nicht nur gute Noten, auch Sprachkenntnisse, gesellschaftliches Engagement, ehrenamtliche Aktivitäten oder die Mitarbeit in Vereinen werden bei dieser Auszeichnung berücksichtigt. Solche Beispiele sollen allen zeigen, wie Integration gelingen kann. Darüber hinaus organisieren wir Veranstaltungen wie das Festival der Kulturen oder unser Christmas Dinner für internationale Studierende. Verpflichtende und freiwillige Deutschkurse spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Sprache ist der Schlüssel, um sich in einer Stadt zuhause zu fühlen und Kontakte zu knüpfen.
Die vergangenen Jahre waren nicht immer einfach. Welche Verantwortung hat eine Hochschule in solchen Situationen?
Eine große. Nach dem schrecklichen Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt war es uns beispielsweise wichtig, für unsere internationalen Studierenden da zu sein. Viele waren verunsichert und hatten Fragen. Gerade dann muss eine Hochschule zeigen, dass sie Verantwortung übernimmt, zuhört und Sicherheit vermittelt. Weltoffenheit bedeutet nicht nur, Menschen willkommen zu heißen. Sie bedeutet auch, sich um sie zu kümmern und ihnen zu zeigen, dass sie Teil der Gemeinschaft sind.
Sie erleben die Entwicklung der Stadt seit vielen Jahren sehr intensiv. Wie hat sich Magdeburg verändert?
Magdeburg ist deutlich internationaler, aufgeschlossener geworden. Das sieht man in der Stadt, auf den Straßen, in den Unternehmen und natürlich auch auf unserem Campus. Wir können stolz darauf sein, dass die Stadt vielfältiger, bunter und weltoffener geworden ist. Gleichzeitig sehe ich noch Potenzial. Manchmal sind es kleine Dinge im Alltag, die eine große Wirkung haben. Mehr englischsprachige Informationen im öffentlichen Raum wären beispielsweise hilfreich. Weltoffenheit zeigt sich oft in alltäglichen Situationen.
Wie wichtig ist diese Offenheit auch mit Blick auf den Fachkräftemangel?
Aus meiner Sicht ist sie unverzichtbar. Viele Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt werden wir ohne internationale Fachkräfte nicht lösen können. Hochschulen können dazu einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie junge Menschen aus aller Welt nach Magdeburg holen, qualifizieren und möglichst langfristig an die Region binden. Wenn es gelingt, diese Chancen mit einer gelebten Willkommenskultur zu verbinden, profitieren alle Seiten davon: die Studierenden, die Unternehmen und die Stadtgesellschaft insgesamt.
Welche neuen Schritte gehen Sie bei der Internationalisierung?
Wir entwickeln unsere Angebote kontinuierlich weiter. Ein aktuelles Beispiel ist das Modul Diversity-Inclusion-Participation. Es ist ein englischsprachiges Modul, das gezielt internationale Studierende nach Magdeburg und Stendal für ein Semester holen wird.
Inhaltlich geht es um Diversität, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe. Gleichzeitig stärken wir die Englischkenntnisse und interkulturellen Kompetenzen unserer Studierenden. Auch Lehrende und Mitarbeitende der Verwaltung werden in diesen Prozess einbezogen. Internationalisierung betrifft schließlich die gesamte Hochschule.
Die Hochschule arbeitet aktuell an einer neuen Internationalisierungsstrategie. Welche Ziele verfolgen Sie damit?
Wir wollen unsere internationalen Aktivitäten stärker bündeln und strategisch weiterentwickeln. Dabei bauen wir auf einem Netzwerk auf, das inzwischen von Malaysia über den Nahen Osten, von Skandinavien bis nach Nord- und Südamerika reicht. Auch Osteuropa und Südosteuropa werden künftig noch wichtiger für uns werden. Unser Ziel ist nicht nur ein moderater Zuwachs internationaler Studierender. Es geht vor allem darum, internationale Perspektiven noch stärker in Forschung, Lehre und Verwaltung zu verankern.
Lassen Sie uns nach Jordanien schauen! Die Zusammenarbeit mit der German-Jordanian University gilt als Vorzeigeprojekt. Wie geht es dort weiter?
Die Partnerschaft soll weiterwachsen. Gemeinsam arbeiten wir beispielsweise daran, einen gemeinsamen Masterstudiengang zu etablieren. Studierende würden dann Abschlüsse beider Hochschulen erhalten. Wir ermöglichen gemeinsame Erlebnisse, wie etwa die Academic Bicycle Challenge. Besonders wichtig ist uns auch, mehr deutsche Studierende für einen Aufenthalt in Jordanien zu begeistern. Ein weiteres spannendes Feld ist die Pflegeausbildung. Hier ist es uns gelungen, einen Studiengang der GJU zu unterstützen, der gezielt auf den deutschen und Sachsen-Anhaltischen Arbeitsmarkt ausgerichtet ist.
Wenn Sie zehn Jahre vorausblicken: Wie soll die Hochschule Magdeburg-Stendal dann wahrgenommen werden?
Als eine Hochschule, die regional stark verwurzelt und gleichzeitig international vernetzt ist. Als eine Hochschule, die Weltoffenheit nicht nur predigt, sondern lebt. Internationale Studierende bereichern unsere Hochschule ebenso wie unsere Stadt. Sie bringen neue Perspektiven, Erfahrungen und Ideen mit. Davon profitieren auch die deutschen Studierenden. In einer globalisierten Welt wird diese Fähigkeit, über Grenzen hinweg zu denken und zusammenzuarbeiten, immer wichtiger. Deshalb werden wir unseren internationalen Weg konsequent weitergehen. Gleichzeitig möchten wir unsere Mitarbeitenden weiter qualifizieren, beispielsweise durch Sprachförderung und internationale Weiterbildung
Zum Schluss: Worauf freuen Sie sich besonders in den kommenden Jahren?
Auf die vielen Begegnungen, die entstehen werden. Schon im kommenden Jahr, 2027, wird es ein großes Treffen mit Alumni der German-Jordanian University und den deutschen Partnerhochschulen stattfinden. Das wird nicht nur unsere Hochschule international sichtbarer machen, sondern auch Magdeburg als weltoffene und attraktive Stadt präsentieren.