Es ist entscheidend, wie wir mit dem Thema Fachkräfte umgehen

Klaus Olbricht, Präsident der Industrie- und Handelskammer Magdeburg (IHK)

 

Sie leben und arbeiten seit 1974 in der Region. Wie hat sich Magdeburg wirtschaftlich und gesellschaftlich seitdem verändert?

Klaus Olbricht: Im Vergleich zu damals hat sich die Region grundlegend verändert. Zu DDR-Zeiten war Magdeburg vor allem als Zentrum des Schwermaschinenbaus bekannt. Die Wirtschaft war geprägt von großen Kombinaten und industriellen Strukturen, die nach der Wiedervereinigung in weiten Teilen weggebrochen sind. Dieser Umbruch war einschneidend. Viele Unternehmen verschwanden, zahlreiche Menschen verließen die Region – und mit ihnen auch viel Know-how, das insbesondere in den westlichen Bundesländern stark nachgefragt war.

Gleichzeitig entstand aber etwas Neues. Aus dem industriellen Wissen und der technischen Kompetenz heraus entwickelten sich viele kleine und mittelständische Unternehmen. Heute haben wir eine Wirtschaftsstruktur, die deutlich breiter und flexibler aufgestellt ist. Viele Unternehmen aus der Region produzieren hochspezialisierte Produkte, die international wettbewerbsfähig sind und weltweit nachgefragt werden. Gerade die mittelständische Struktur ist ein Vorteil. Rund 80 Prozent unserer Kammer-Mitgliedsunternehmen gehören zum kleinen oder mittleren Mittelstand. Das sorgt in Krisenzeiten oft für mehr Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit. Insgesamt hat sich die Wirtschaftslandschaft radikal verändert – weg von wenigen großen Industriebetrieben hin zu einer vielfältigen, innovativen Unternehmensstruktur.

Auch die Stadt selbst hat sich enorm entwickelt. Magdeburg ist heute deutlich lebenswerter, moderner und internationaler geworden. Die Lebensqualität hat sich spürbar verbessert. Gleichzeitig ist die Stadt eine der grünsten Großstädte Deutschlands – etwas, das viele Menschen außerhalb der Region oft gar nicht wissen.

Wie kann Magdeburg diese wirtschaftliche Erfolgsgeschichte fortschreiben?

Entscheidend wird sein, wie wir mit dem Thema Fachkräfte umgehen. Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt sehr deutlich, dass wir künftig noch stärker auf qualifizierte Arbeitskräfte aus dem In- und Ausland angewiesen sein werden. Wenn wir wirtschaftlich stabil und wettbewerbsfähig bleiben wollen, brauchen wir Zuwanderung und internationale Talente. Dabei geht es nicht nur um die Sicherung bestehender Arbeitsplätze. Viele Unternehmen wollen investieren, wachsen und neue Märkte erschließen. Dafür braucht es Menschen mit Know-how, Ideen und Innovationskraft. Vielfalt wird deshalb zunehmend zu einem echten Standortfaktor.

Wie breit ist die Wirtschaft in der Region heute aufgestellt?

Sehr breit. Genau das ist eine unserer großen Stärken. Wir haben weiterhin klassische Industrie- und Maschinenbauunternehmen, gleichzeitig aber auch viele innovative Bereiche wie Medizintechnik, Hightech-Produktion, Ernährungswirtschaft oder die Glasindustrie. Diese Vielfalt macht den Standort insgesamt widerstandsfähiger und attraktiver für Investoren.

Wie international arbeitet die Wirtschaft heute im Vergleich zu den Jahren nach der Wiedervereinigung?

Da hat sich enorm viel verändert. Viele junge Unternehmen haben sich in den ersten Jahren nach der Wende zunächst nicht an internationale Märkte herangetraut. Das lag oft weniger an den Produkten als vielmehr an sprachlichen und strukturellen Hürden. Die Qualität der Produkte war immer hoch und häufig sehr präzise auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten. Aber viele Unternehmerinnen und Unternehmer hatten damals kaum Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere Englisch spielte in der Ausbildung der DDR-Zeit oft keine große Rolle.

Mit der nächsten Unternehmergeneration hat sich das deutlich verändert. Heute sind viele Firmen international deutlich besser aufgestellt. Die jüngeren Generationen sprechen selbstverständlich Englisch, denken internationaler und erschließen aktiv neue Märkte. Besonders innerhalb Europas sind die wirtschaftlichen Verbindungen inzwischen sehr eng geworden.

Auch die Industrie- und Handelskammer unterstützt Unternehmen intensiv dabei, internationale Kontakte aufzubauen und Exportmärkte zu erschließen. Die Exportquote ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Natürlich hat der Wegfall des russischen Marktes viele Unternehmen getroffen. Insgesamt waren die Auswirkungen der Sanktionen aber weniger dramatisch als zunächst befürchtet – auch hier hat sich die mittelständische Vielfalt der Region als Vorteil erwiesen.

Wie hat sich die Stadtgesellschaft durch diese Entwicklung verändert?

Magdeburg ist ohne Zweifel internationaler geworden. Das merkt man im Alltag sehr deutlich. Mein eigenes Unternehmen in Barleben ist dafür ein gutes Beispiel. Vor zehn Jahren kamen praktisch alle Beschäftigten aus der Region. Heute arbeiten bei uns Menschen aus unterschiedlichsten Ländern – darunter Ukrainer, Polen, Menschen aus afrikanischen Staaten und weitere Nationalitäten.

Auch das Stadtbild hat sich verändert. Man hört heute viel häufiger unterschiedliche Sprachen auf den Straßen. Gleichzeitig ist das kulturelle Angebot vielfältiger geworden – beispielsweise durch internationale Restaurants und neue Begegnungsorte. Das empfinde ich als echte Bereicherung für die Stadt.

Sie haben 2023 auf dem IHK-Neujahrsempfang mehr Englischsprachigkeit im Alltag gefordert – etwa in Behörden oder im Dienstleistungsbereich. Hat sich seitdem etwas verändert?

Ja, auf jeden Fall. Gerade in Geschäften, Restaurants oder im Servicebereich ist Englisch inzwischen deutlich selbstverständlicher geworden. Das hilft internationalen Fachkräften und Studierenden enorm im Alltag.

Bei Behörden sehe ich allerdings weiterhin Verbesserungspotenzial. Wenn wir als Standort internationaler werden wollen, müssen wir uns auch sprachlich stärker öffnen. Wir können nicht erwarten, dass Menschen sofort perfekt Deutsch sprechen, sobald sie hier ankommen. Sprache entwickelt sich oft im Alltag – durch Arbeit, soziale Kontakte und das tägliche Leben. Genau dieser Prozess ist gelebte Integration.

Wie blicken Sie auf die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Magdeburg?

Die Entwicklungschancen sind sehr gut. Wir verfügen über eine starke Infrastruktur, gut erschlossene Gewerbeflächen, leistungsfähige Unternehmen und hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Gleichzeitig erleben wir eine Verwaltung, die zunehmend lösungsorientiert und investorenfreundlich arbeitet. Ein sichtbares Beispiel dafür ist der Technologiepark in Barleben, der inzwischen vollständig entwickelt und ausgelastet ist. Solche Projekte zeigen das Potenzial der Region. Natürlich hängt vieles auch von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und weltweit ab. Viele Investoren agieren derzeit vorsichtiger. Deshalb ist es wichtig, dass Politik, Wirtschaft und Institutionen gemeinsam für den Standort werben und Perspektiven schaffen.

Abschließend gefragt: Ist Magdeburg heute weltoffener als früher?

Davon bin ich überzeugt. Ich habe die Entwicklung über Jahrzehnte hinweg miterlebt – auch bei internationalen Unternehmensreisen oder wirtschaftlichen Kooperationen. Früher waren wir in vielen Bereichen deutlich zurückhaltender und weniger international vernetzt.

Heute ist die Wirtschaft professioneller, offener und internationaler aufgestellt. Gleichzeitig hat sich auch die Mentalität verändert. Die Menschen sind neugieriger geworden, internationaler Austausch ist viel selbstverständlicher als noch vor einigen Jahrzehnten. Deshalb blicke ich insgesamt sehr optimistisch auf die Zukunft der Region.