"Internationalisierung ist keine Einbahnstraße"
Prof. Jens Strackeljan, Rektor der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ist eine vergleichsweise junge Universität. Aus einer regional verankerten Hochschule ist ein international sichtbarer Wissenschaftsstandort geworden. Wie hat sich dieser Weg entwickelt?
Prof. Jens Strackeljan: Wer heute über unseren Campus geht, begegnet Menschen aus über 100 Nationen. Das war bei der Gründung der Universität vor über 30 Jahren noch nicht so ausgeprägt der Fall. Aus einer jungen, regional verankerten Universität -schon mit einem starken internationalen Netzwerk - ist Schritt für Schritt ein attraktiver internationaler Studien- und Forschungsstandort geworden. Diese Entwicklung hat der Universität neue Perspektiven eröffnet und auch die Stadt Magdeburg sichtbar verändert. Aber dieser Wandel ist nicht einfach geschehen. Weltoffenheit ist eine Haltung, aber sie braucht auch verlässliche Strukturen: englischsprachige Studienangebote, Deutschkurse, Beratung und ein Campusleben, in dem Begegnung selbstverständlich wird. Daran arbeiten wir jeden Tag, denn eine international aufgestellte Universität entsteht nicht in Strategiepapieren, sondern dort, wo Menschen miteinander lernen und forschen.
Welche Rolle spielen internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser Entwicklung?
Wissenschaft lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen dieselbe Frage aus verschiedenen Richtungen betrachten. Internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bringen Netzwerke, neue Denkweisen und oft auch den Mut mit, Routinen zu hinterfragen. Wenn sie sich bewusst für die Universität Magdeburg entscheiden, ist das nicht nur ein Gewinn für die Universität. Es ist auch ein Vertrauensbeweis für den Forschungsstandort Magdeburg. Unsere Aufgabe ist es, Bedingungen zu schaffen, die überzeugen: klare Forschungsschwerpunkte, eine leistungsfähige Infrastruktur und ein Umfeld, in dem Ideen wachsen können. Dann wird aus einer wissenschaftlichen Fragestellung internationale Sichtbarkeit und manchmal auch ein Produkt, ein Unternehmen oder eine Entwicklung, die weit über Magdeburg hinauswirkt.
Wo lässt sich diese internationale Sichtbarkeit besonders gut erzählen?
Ein sehr gutes Beispiel ist die Entwicklung innovativer Medizintechnik und Bildgebung. Am medizintechnischen Forschungscampus STIMULATE der Universität wurde ein kompaktes MRT-System für Säuglinge und Kleinkinder entwickelt und durch die Neoscan Solutions GmbH zur Marktreife gebracht. Darin zeigt sich, was wir als Transfer in die Gesellschaft leisten können: Aus einer Idee entsteht eine Anwendung, die Kindern und Familien zugutekommt. Auch die Forschungsinfrastruktur im Bereich Bildgebung zieht Spitzenforschung nach Magdeburg. Wir haben hier europaweit den leistungsstärksten 7-Tesla-Magnetresonanztomograf MRT. Mit dem MAGNETOM Terra.X Impulse Edition können künftig mit einer bisher am Standort unerreichten Präzision Hirnfunktionen und -strukturen abgebildet und gemessen werden, um so krankhafte Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Damit ist der Magdeburger Universitätscampus weltweit der zweite Standort eines MRT dieser Stärke, ein weiteres Gerät steht an der University of California, Berkeley, in den USA. Wer hierherkommt, findet nicht nur besondere Ausstattung und Technik, sondern auch Kooperationspartner. So wächst ein wissenschaftliches Netzwerk Schritt für Schritt und über Ländergrenzen hinweg.
Welche Bedeutung haben internationale Studierende für die Universität und die Stadt?
Bei der Gründung der Universität Magdeburg vor über 30 Jahren lag der Anteil internationaler Studierender bei 2,6 Prozent. Heute kommt nahezu jede beziehungsweise jeder Zweite aus dem Ausland. Diese Entwicklung verändert die Universität – und stärkt die Stadt Magdeburg. Gerade in den technischen Fächern und angesichts des demografischen Wandels brauchen wir junge Menschen, die hier studieren, ihre Ideen einbringen und vielleicht nach dem Abschluss in der Region bleiben.
Wie wird aus dem Studienort ein Ort, an dem Menschen bleiben möchten?
Ein Studium ist dafür nur der Anfang. Wer aus einem anderen Land nach Magdeburg kommt, muss hier ankommen können: in der Sprache und im Alltag. Dazu braucht es Deutschkurse und Beratungsmöglichkeiten genauso wie Sportangebote, studentische Netzwerke und Kontakte in die Stadt oder zu Unternehmen. Das ist eine Gesamtaufgabe von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft.
Wie verändert diese Entwicklung die Landeshauptstadt Magdeburg?
Man sieht diese Veränderung und Internationalisierung nicht nur in Balkendiagrammen und Statistiken. Man erlebt sie in den Hörsälen, in Forschungsteams, in den Unternehmen, in Cafés und in den Familien, die hier ihren Alltag aufbauen. Menschen aus vielen Ländern bringen Wissen, Erfahrungen und neue Blickwinkel mit. Sie machen Magdeburg vielfältiger und tragen dazu bei, dass die Stadt aktiv gestaltet werden kann. Für eine Stadt, die Talente gewinnen und halten will, ist diese Offenheit entscheidend. Eine gute Zukunft entsteht dort, wo Menschen sich wohl und sicher fühlen, sich einbringen und eine Perspektive für sich und ihre Familien sehen. Deshalb ist Internationalisierung keine Einbahnstraße. Menschen kommen an die Universität, um hier zu lernen und zu forschen. Zugleich bringen sie etwas mit: ihre Erfahrungen, ihre Ideen und ihre Sicht auf die Welt. Genau in diesem Austausch liegt eine große Chance.
Wie zeigt sich Weltoffenheit und Zukunftsorientierung konkret auf dem Campus und im Umfeld der Universität?
Weltoffenheit zeigt sich bei uns jeden Tag: auf den Campuswiesen, in den Hörsälen, in den Laboren und seit Neuestem auch in unserem Studierendenhaus, in dem über 60 studentische Initiativen ein Zentrum der Begegnung gefunden haben. Menschen aus vielen Ländern machen die Universität lebendig und leistungsfähig. Uns ist aber wichtig, dass junge Menschen nicht nur für ein Studium nach Magdeburg kommen, sondern Teil der Stadtgesellschaft werden. Dafür brauchen sie Orte der Begegnung, gute Unterstützung, moderne Studienbedingungen und verlässliche Verbindungen zwischen Campus und Stadt. Zukunftsorientierung bedeutet für uns deshalb auch: Die Universität öffnet sich in die Stadt hinein, ist Teil der Innenstadt und kein abgeschlossener Raum. Sie ist ein Ort, an dem neue Ideen entstehen und aus internationalen Studierenden vielleicht künftige Fachkräfte, Gründerinnen und Gründer oder engagierte Bürgerinnen und Bürger Magdeburgs werden.
Haben Sie ein Beispiel dafür, wie eine enge Vernetzung von Universität und Stadt möglich ist?
Ein besonderes Beispiel für diese Vernetzung ist die Zusammenarbeit mit der Integrierten Gesamtschule Willy Brandt, der ersten „Universitätsschule“ des Landes Sachsen-Anhalt. Gemeinsam werden wir neue Lehr- und Lernkonzepte entwickeln, wissenschaftlich begleiten und direkt im Schulalltag erproben. Das ist ein innovativer Ansatz, von dem beide Seiten profitieren: Die Schule erhält unmittelbaren Zugang zu wissenschaftlicher Expertise und zu Infrastrukturen auf dem Campus, während die Universität neue Erkenntnisse für die Lehrerbildung und Bildungsforschung gewinnt. Solche Projekte machen deutlich, wie eng Wissenschaft, Stadtentwicklung und gesellschaftliche Offenheit heute miteinander verbunden sind.
Welche Herausforderungen und Aufgaben kommen in den nächsten Jahren auf die Universität zu?
Wir müssen unser Profil weiter schärfen, nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels. Die Zahl potenzieller Studierender verringert sich aufgrund sinkender Abiturientenzahlen. Deshalb müssen wir früh und strategisch über die Zukunft nachdenken. Dabei geht es nicht nur darum, insbesondere internationale Studierende für die Universität zu gewinnen, sondern ihnen auch langfristige Perspektiven zu eröffnen. Ein wichtiger Ansatz ist, sie frühzeitig mit Unternehmen in der Region zu vernetzen. So entstehen Kontakte zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und potenziellen Fachkräften schon während des Studiums. Wir müssen den Mut haben, gemeinsam neue Wege zu gehen, und daran glauben, dass wir als Universität und Wissenschaftsstandort international konkurrenzfähig sein können. Dieses Selbstverständnis ist entscheidend für die weitere Entwicklung. Wenn aus einem Studienort ein Arbeits- und Lebensmittelpunkt wird, gewinnen alle.