Zwischen Herkunft und Zukunft – jüdisches Leben in Magdeburg

Inessa Myslitska und Rimma Fil

 

Zwei Frauen, zwei Lebenswege – und eine gemeinsame Entscheidung: Magdeburg ist ihr neues Zuhause. Die Jüdische Gemeinde Magdeburg steht für gelebte Vielfalt, für Geschichte und für Zukunft. Inessa Myslitska und Rimma Fil prägen diese Entwicklung mit ihrem Engagement und mit ihren persönlichen Erfahrungen von Migration, Neuanfang und Zusammenhalt.

Inessa Myslitska kam 1993 als Kontingentflüchtling aus der Nordukraine nach Deutschland. Gemeinsam mit ihrer Familie ließ sie ein Leben zurück, das von Unsicherheit, einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und latentem Antisemitismus geprägt war. Sie und ihr Mann hatten gerade ihr Studium beendet und „wir wussten, dass es keine Arbeit gibt für zwei Geschichtslehrer an einem Ort und dass wir das Gebiet rund um Tschernobyl sowieso verlassen müssen“, sagt sie rückblickend und beschreibt damit eine Entscheidung, die nicht nur Mut, sondern auch Klarheit verlangte. Deutschland galt nach der Wende als politisch stabil und bot so eine Chance auf ein neues Leben.

Rimma Fil kam viele Jahre später, 2017, und aus einem ganz anderen Grund nach Magdeburg: „Ich habe niemals gedacht, dass wir umziehen werden, aber dann kam der Krieg im Donbass.“ Als erfolgreiche Journalistin und Politikerin in Donezk musste sie ihr Leben abrupt hinter sich lassen. „In einer Minute haben wir alles verloren“, beschreibt sie diese Zäsur. Der Neuanfang mit fast 50 Jahren war schwer – aber richtig: „Bis heute denke ich, das war eine sehr gute Entscheidung.“ Zum Glück kannten sie Magdeburg schon von Besuchen bei ihren Kindern, die hier studiert haben.

Beide Frauen verbindet die Erfahrung, in Magdeburg neu anzukommen und sich Schritt für Schritt ein Leben aufzubauen. Sprache, Arbeit, Orientierung im Alltag – nichts war selbstverständlich. „Die Sprache ist die Waffe, mit der man kämpft“, sagt Myslitska. Und doch erzählen beide auch von Unterstützung, von Offenheit und von Menschen, die geholfen haben.

Heute stehen sie an der Spitze einer lebendigen jüdischen Gemeinde. Besonders sichtbar wird das durch den Bau der Neuen Synagoge. Einem ganz besonderen Ort mitten in der Stadt und mitten im Leben. Für Myslitska ist die Synagoge viel mehr als ein Gebäude: „Ich fühle mich beflügelt von dieser Energie, diesem Ort der Freude und Dankbarkeit.“ Jahrzehntelanges Engagement, breite Unterstützung aus der Stadtgesellschaft und ein wachsendes Interesse am jüdischen Leben haben diesen Ort möglich gemacht.

Auch Rimma Fil beschreibt diesen Wandel als einen Schritt aus der Unsichtbarkeit: „Früher waren wir eher versteckt, jetzt haben wir ein Gesicht mitten in der Stadt.“ Die Synagoge ist dabei nicht nur religiöser Ort, sondern Begegnungsstätte – für Kultur, Austausch und Dialog. Ein Symbol dafür, dass jüdisches Leben selbstverständlich zu Magdeburg gehört.

Weltoffenheit ist für beide kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Realität und zugleich permanente Aufgabe. „Geschlossene Monokulturen können sich nicht weiterentwickeln. Wir brauchen diese Offenheit“, sagt Fil. Vielfalt bringt neue Energie, neue Ideen und neue Perspektiven. Gerade in einer Stadt wie Magdeburg, die immer internationaler wird, ist das entscheidend.

Gleichzeitig verschweigen beide nicht die Herausforderungen. Antisemitismus existiert immer und überall – sichtbar oder subtil. Und doch überwiegt für sie das Positive, die große Gemeinschaft und die Leidenschaft für neue Pläne. Daher sagen beide Frauen heute auch voller Überzeugung „Magdeburg ist unsere Heimat“ und damit längst mehr als ein Ankunftsort, sondern Lebensmittelpunkt und Zukunft zugleich. Ihr Engagement zeigt, wie Weltoffenheit konkret gelebt wird: Im Mut, neu anzufangen. Im Willen, sich einzubringen. Und in der Überzeugung, dass Vielfalt nicht trennt, sondern verbindet.