Ihre Wege kreuzen sich zum ersten Mal an der Universität in Bogotá. Carlos und Beatriz-Elena Martinez sind Anfang 20, als sie sich in ihrer Heimat Kolumbien kennenlernen. Heute leben sie gemeinsam in Magdeburg. Der Weg dorthin ist weit, voller Entscheidungen und neuer Perspektiven.
Carlos Martinez studiert damals Musikproduktion. Doch schon früh spürt er, dass er weiter hinausmöchte – musikalisch, persönlich und gesellschaftlich. Die Kriminalität in Kolumbien empfindet er zunehmend als einengend. Nach einigen Semestern beginnt er deshalb, nach neuen Möglichkeiten im Ausland zu suchen. Schließlich stößt er auf die Hochschule Magdeburg-Stendal und den Diplomstudiengang Musiktherapie. Die Kombination aus einem grünen Campus, bezahlbarem Leben und gebührenfreiem Studium überzeugt ihn sofort. „Und der Studiengang war wie für mich gemacht“, erinnert er sich. Er kommt nach Magdeburg – und bleibt. Schnell findet er Anschluss, nicht nur im Studium, sondern auch in der Kulturszene der Stadt. „Der vielseitige Musiker spielt unter anderem Kontrabass und ist seit vielen Jahren Teil der Magdeburger Band „Foyal“, die Folk- und Weltmusik verbindet. Vor allem die Offenheit der Menschen habe ihn geprägt. „Ich habe mich hier willkommen gefühlt“, sagt Carlos Martinez. „Und über die Jahre ist Magdeburg immer internationaler geworden. Die Stadt ist offener, vielfältiger und weltoffener als noch Ende der 90er.“ Magdeburg wird für ihn zum Zuhause. Sein Berufsweg bleibt dabei eng mit Musik, Pädagogik und gesellschaftlichem Engagement verbunden. Er arbeitet viele Jahre als Musiktherapeut, engagiert sich in Kitas und sozialen Einrichtungen, später in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie in der Schulsozialarbeit. Heute unterrichtet er Musik und Geografie an der Evangelischen Sekundarschule in Magdeburg.
Auch der Weg von Beatriz Elena Martinez ist geprägt von Kunst, Leidenschaft und internationalen Erfahrungen. Die Sopranistin zählt in Südamerika zu den renommierten Interpreten zeitgenössischer Musik. Über zwei Jahrzehnte arbeitet sie als Professorin und Leiterin der Gesangsabteilung an der Hochschule der Künste in Bogotá. Seit den 1990er-Jahren gibt sie Solo- und Kammerkonzerte in zahlreichen Ländern Südamerikas und Europas. Außerdem ist sie Mitgründerin des „Círculo Colombiano de Música Contemporánea“, einer Organisation zur Förderung zeitgenössischer Musik. Ihr Leben, ihr Netzwerk und ihre künstlerische Heimat hinter sich zu lassen, fällt ihr nicht leicht. „Das war eine schwere Entscheidung“, sagt Beatriz Elena Martinez. „Aber ich hatte einen guten Grund.“ lächelt sie.
Die Liebe spielt dabei eine entscheidende Rolle. Über all die Jahre bleiben sie und Carlos in Kontakt, besuchen sich gegenseitig – irgendwann wird aus einer langen Verbindung ein gemeinsames Leben in Magdeburg. Bevor sie 2022 endgültig in die Elbestadt zieht, pendelt Beatriz Elena Martinez zwischen Bogotá und Magdeburg hin und her und nimmt sich bewusst Zeit, um nachzudenken, ob ein neues Leben hier möglich wäre. Im Vergleich zu Bogotá wirkt für sie Magdeburg ruhig, fast entschleunigt. „Anfangs konnte ich darin wenig Lebendigkeit erkennen, aber heutzutage kann ich diese Ruhe auch sehr schätzen“, erzählt sie.
Auch Carlos Martinez genießt diese Ruhe. „Metropolen sind mir inzwischen zu anstrengend“, sagt er. „In Magdeburg habe ich das Gefühl, wirklich etwas beitragen zu können.“ Und genau das tun beide – mit ihrer Kunst, ihrer Erfahrung und ihrer Offenheit. Beatriz-Elena Martinez gibt Konzerte in ihrer neuen Heimatstadt und erlebt dabei immer wieder besondere Begegnungen mit dem Publikum. Gleichzeitig bleibt sie eng mit Kolumbien verbunden, arbeitet weiter an internationalen Projekten und hält Kontakt zu Familie und Freunden. „Wir fühlen uns hier angekommen“, sagt sie. Und Carlos Martinez ergänzt mit einem Lächeln: „Unsere Heimat ist Kolumbien. Aber wenn wir dorthin reisen und zurückfliegen, dann kehren wir nach Hause zurück – nach Magdeburg.“