Den Wandel gestalten
Marco Fehrecke
Obwohl der im Jahr 1974 geborene Marco Fehrecke im Wende-Herbst 1989 das unbeschwerte Dasein eines Jugendlichen lebt, kann er sich der Anspannung nicht entziehen. Die Montagsdemonstrationen sind in vollem Gange und lösen in dem Schüler ein Kribbeln aus.
„Ich habe diese Spannung gespürt. Es lag etwas in der Luft, dieses eigenartige Gefühl zwischen Aufbruch und Unsicherheit“, erinnert sich der heutige Geschäftsführer der Mitteldeutschen Verlags- und Druckhaus GmbH und Koordinator der Mediengruppe Magdeburg und Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung. „Immer mehr entschlossene und mutige Menschen waren auf den Straßen.“
Am 9. November 1989 sitzt Marco Fehrecke mit seiner Familie vor dem Fernseher. „Und dann fiel dieser Satz: Die Grenze ist offen.“
Auf die Stille folgte ungläubiges Staunen, blickt der Magdeburger auf diesen Moment zurück. „Dann kamen Freude, Fragen, Skepsis und Neugier. Alles auf einmal.“ Unvergessen sind bis heute die Bilder vom Brandenburger Tor, wo jubelnde Menschen die Nacht zur historischen Zäsur machten.
Plötzlich gab es Möglichkeiten, sich selbst für einen eigenen Weg und damit für die eigene Zukunft zu entscheiden. Überall herrscht Aufbruchsstimmung. Die Energie, die sich in all den Jahren angestaut hatte, schien sich plötzlich Bahn zu brechen.
Nach dem Abitur beginnt Marco Fehrecke eine verlagskaufmännische Ausbildung unter dem Dach der „Magdeburger Volksstimme“, die er 1996 abschließt.
Die Medienwelt, die Alternativen, die sich mit den neuen gesellschaftlichen und politischen Weichenstellungen für den Verlag eröffnen, faszinieren ihn. Dass er später hier eine Führungsrolle übernehmen würde, ist damals noch unvorstellbar. Doch der Magdeburger zeigt früh kaufmännisches Talent, denkt strategisch, handelt vorausschauend und gestaltet in verschiedenen Funktionen den Wandel des Hauses aktiv mit. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Es gab kaum eine Phase, in der unser Haus nicht gefordert war, sich anzupassen und stetig zu verändern“, sagt er.
Transformation ist Teil seiner Agenda – heute besonders im Zuge der Digitalisierung. Die Volksstimme wird längst nicht mehr nur gedruckt, sondern auch digital verbreitet, ergänzt durch Online-Artikel, Multimedia-Inhalte, Live-Streams, Podcasts und Social-Media-Formate.
„Die Volksstimme ist mehr als eine Zeitung. Sie ist seit 135 Jahren Teil der Identität dieser Stadt“, so Fehrecke.
2005 bekommt Marco Fehrecke das Angebot, in der SAP-Beratung in Stuttgart zu arbeiten. „Ich war nur kurz weg. Mir hat das hiesige Verlagsleben gefehlt. Und ich wollte hier etwas bewegen. Ich kann mir nicht vorstellen, woanders mit meiner Familie zu leben. Hier sind unsere Wurzeln. Magdeburg ist meine Heimat.“
Dieses Heimatgefühl prägt nicht nur ihn persönlich, sondern auch die Haltung des Hauses, das er führt: „Als Dienstleister für die Magdeburger liegt es uns am Herzen, die Stadt positiv mitzugestalten. Seit unserer Gründung im Jahr 1890 haben wir viel für Magdeburg getan und bringen uns auch künftig aktiv in Initiativen und Vorhaben ein“, sagt Marco Fehrecke.
Was die Stadt für ihn auszeichnet? „Die Lage, die kulturellen und sportlichen Angebote und vor allem die lebendige Stadtgesellschaft. Die Menschen halten zusammen und wollen etwas bewegen“, sagt der zweifache Familienvater. Auch wirtschaftlich sieht er Magdeburg auf einem guten Weg: „Die Stadt hat sich enorm verändert und entwickelt, ist eine aufstrebende Stadt mit Potenzial, moderner Infrastruktur und hoher Lebensqualität“.
Dass die Menschen hier den Willen haben, etwas zu bewegen, zeigt sich vor allem auf dem Gebiet des Profi- und Leistungssports, durch den Magdeburg in alle Welt hinausstrahlt. „Der 1. FC Magdeburg und der SC Magdeburg sind großartige Aushängeschilder. Doch Magdeburg hat sportlich noch viel mehr zu bieten – so beispielweise im Schwimmen, in der Leichtathletik oder im Boxen. Sport gehört einfach zu Magdeburg“, ordnet er ein.
Er denkt nicht in Ost-West-Kategorien. „Den Osten“, sagt er, „gibt es für mich so nicht“. Für ihn zählt etwas anderes: „Wir haben vielleicht unterschiedliche Biografien, aber wir haben eine gemeinsame Zukunft. Wenn ich heute junge Menschen in Magdeburg sehe, dann denke ich nicht in geografischen Kategorien. Ich sehe Menschen mit Ideen, Ambitionen und Zuversicht“, sagt Marco Fehrecke.
Dieser Gedanke gilt für ihn sowohl gesamtdeutsch als auch lokal. „Magdeburg ist eine Stadt voller Geschichte und voller Zukunft. Seit der Wende hat sich enorm viel bewegt. Und es geht weiter. Wir wissen, was wir an unserer Stadt haben.“
Hier ist einfach Vieles möglich
Prof. Dr. Daniela Dieterich
Gut 500 Kilometer Luftlinie ist das beschauliche Städtchen Aalen in Schwaben von der Berliner Mitte entfernt. Daniela Dieterich, 1974 in Aalen geboren, ist also vor 35 Jahren alles andere als ganz nah dran an den Umbrüchen in der geteilten Großstadt. Und doch erinnert sie sich an den 9. November 1989. „Wir saßen zu Hause vor dem Fernseher. Ich war 15 Jahre alt. Ich weiß noch, dass es plötzlich ganz still wurde, als wir die Bilder sahen“, blickt die heutige Dekanin der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität zurück. „Und obwohl erst einmal keiner was gesagt hat, haben wir uns alle im Stillen gefragt: Was wird nun werden?“ Durch ihren Vater ist die Teenagerin damals auch mit den Reformen eines Michail Gorbatschow befasst, innerhalb der Familie gibt es Flüchtlingsbiografien. „Die Trennung beider deutscher Staaten war bei uns kein unmittelbar familiäres Thema. Aber es gab natürlich ein großes Interesse am Geschehen. Mich hat das als junges Mädchen damals gleichzeitig bedrückt und fasziniert.“
Daniela Dieterich liebt die Musik und lebt das als Saxophonspielerin aus. Jazz, Blues und Klassik begleiten sie schon ihr gesamtes Leben. „Nach der Grenzöffnung sind wir dann auch mit dem Jugendorchester irgendwann in den Osten gereist und immer herzlich empfangen worden.“ Vieles sei aus der Perspektive von Jugendlichen damals gleich, aber vieles auch vollkommen anders gewesen. Nach der Schule verlässt Daniele Dieterich die schwäbische Heimat. Sie geht zum Studium nach Hannover, wo sie Biochemie studiert. „Ich habe mir damals gesagt: Hier studierst du, das gefällt mir. Dann muss ich eben hochdeutsch lernen“, sagt das Arbeiterkind mit einem Lächeln. Sie rutscht immer weiter „ins Neurofeld hinein“ und bekommt so Kontakt zu Magdeburg. „Die Frage war ja immer, worauf ich mich als Forscherin konzentrieren will.“ 1997 kommt sie zum ersten Mal für ein mehrwöchiges Praktikum bei grauem und nassen Herbstwetter nach Magdeburg. Noch heute hört sie ihren Freund im Auto sagen: „Kann ich dich hier allein lassen?“ Eine Skepsis, für die heute absolut kein Grund mehr besteht. „Ich kann an dieser Stelle schon verraten, dass derselbe Mann und ich heute mit unseren Kindern in Magdeburg leben und hier wunderbar glücklich sind. Wir haben 2008 unsere Traumwohnung mit Dachterrasse in der Altstadt gekauft und da wohnen wir immer noch.“
Auf das Diplom 1999 in Hannover folgt 2003 die Promotion in Magdeburg. „Und dann wollte ich weiter neugierig sein“, sagt die Mutter von Zwillingen. „Mein Mann und ich sind in die USA gegangen. Wir haben fünf Jahre am Caltech in Kalifornien geforscht. Ein Glücksfall!“ Fast, verrät Daniela Dieterich, wären sie für immer dortgeblieben – unter der Sonne Kaliforniens. „2008 kam ich als Stipendiatin des Emmy Noether Programms zurück nach Magdeburg. Fast zufällig, nein aufgrund der Menschen und dem Forschungsnetzwerk am Standort. Und hier bin ich. Bis heute.“ Im März 2012 wird Daniela Dieterich Professorin für Pharmakologie und Toxikologie an der Medizinischen Fakultät, seitdem leitet sie auch das entsprechende Institut. 2020 wird sie erstmals zur Dekanin gewählt. Auf dem Gebiet der Forschung konzentriert sie sich auf synaptische Plastizität in Neuronen und Gliazellen – Grundlagenforschung mit medizinischer Relevanz. Als Dekanin liegt ihr besonders die Förderung des wissenschaftlichen wie ärztlichen Nachwuchses am Herzen. „Man sagt ja gerne, die Magdeburger sind nicht so ganz zugänglich. Ich widerspreche und sage: Nein, die sind pragmatisch und unglaublich verlässlich“, betont die Wissenschaftlerin. „Hier ist einfach vieles möglich. In der Stadt und auf dem Campus. Ich schätze dieses offene Klima und diesen gesunden Pragmatismus.“
Ist Deutschland ein vereintes Land? „Nein“, kommt es Daniela Dieterich sofort über die Lippen. Und sie ordnet ein: „Fragen sie mal die Bayern und die Schwaben, ob die ein vereintes Süddeutschland sind.“ In ihrer Familie wird nicht zwischen Ost und West unterschieden, für ihre Kinder ist das alles gar kein Thema mehr. „Wie sehr kann man Geschichte verarbeiten und daraus etwas Positives ziehen?“ Das sei die Frage, die zu stellen ist. Daniela Dieterich ist bis heute froh über den Systemwechsel vor 35 Jahren. „Ich hätte wahrscheinlich einen anderen Weg genommen und wäre heute nicht hier. Und Magdeburg entwickelt sich zu einem immer spannenderen Wissenschaftsstandort und wir sind glücklich hier.“