Mosaik-Hefte vom Dom-Kiosk

Jörg Uhle-Wettler

 

Jörg Uhle-Wettler verbringt die ereignisreichen Wendezeit in der Nähe von Frankfurt/Oder. Er ist Gemeindepraktikant und abgelegen bei einem Bauern untergebracht. Es gibt keinen Fernseher oder irgendein anderes mediales „Guckloch“. Am 9. November 1989 geht er gegen 23 Uhr ins Bett. Ahnungslos, was vor sich geht. „Am nächsten Morgen war die Welt eine andere“, sagt der Magdeburger Domprediger. Er fährt noch am selben Tag nach Berlin, wo er sich mit seiner Freundin und jetzigen Ehefrau trifft, die aus Leipzig in die ehemals geteilte Stadt anreist. „Ich kann sagen: Das war eines der schönsten Wochenenden meines Lebens.“ Jörg Uhle-Wettler wird 1965 in Dessau als Sohn eines Pfarrers geboren. Vier Jahre später kommt die Familie nach Magdeburg, 1979 geht es weiter nach Brandenburg an der Havel und 1987 nach Berlin zum Theologiestudium. „Da bin ich immer an dem verfluchten Betonmonster vorbeigefahren. Immer vorbei an dieser Mauer. Nicht ahnend, dass die mal fällt“, bricht es emotional aus ihm heraus.

Zu DDR-Zeiten lebt er das typisch ambivalente Leben eines Pfarrersohns. Privilegien auf der einen, Einschränkungen auf der anderen Seite. „Meine Kindheit in Magdeburg war eine ungetrübte. Mein Vater war Studentenpfarrer, unser Mittelpunkt war die Wallonerkirche“, erzählt der dreifache Vater. „Als Kind war ich nie hinterm Bahnhof. Da kam ich nicht hin.“ Wichtig sei für ihn damals nur eins gewesen: „Meine Mosaik-Hefte vom Kiosk am Dom.“ Er habe zwar einerseits einen „anderen Bildungszugang mit Büchern und Musik“ gehabt, durfte aber andererseits kein Abitur machen. Er geht ab 1982 in die Ausbildung; und das gleich zweifach. „Ich habe eine Ausbildung zum Fachverkäufer für Waren des täglichen Bedarfs gemacht. 46 Frauen und ich als einziger Mann allein im Konsum. Ich weiß es noch genau.“, schmunzelt er.

Eine zweite Ausbildung machte er zum Heilerziehungspfleger in der Behindertenpflege

Nach der Grenzöffnung saugt er „die neue Weite“ in sich auf, stillt seinen Durst nach der Welt und reist. „Zweimal bin ich mit dem Interrail 30 Tage durch Europa“, berichtet Jörg Uhle-Wettler. „Und auch durch die USA - Von Küste zu Küste.“ Er entschließt sich, den Weg seiner Vorfahren einzuschlagen und evangelischer Pfarrer zu werden. „Ich bin die 9. Generation.“, sagt er stolz. Er geht nach Erfurt ins Kloster, legt 1993 sein Examen ab und wird 1995 Gemeindepfarrer im nordsächsischen Bad Düben. Dort bleibt er 20 Jahre. „In all der Zeit habe ich nie den Kontakt nach Magdeburg verloren“, erinnert sich Jörg Uhle-Wettler, der ein großer Dackelliebhaber ist. „Ich war unter anderem zehn Jahre in der hiesigen Kirchenleitung aktiv.“ Als er über die ausgeschriebene Domprediger-Stelle stolpert, sagt er zu seiner Frau: „Da muss ich mich bewerben. Ich ärgere mich sonst, wenn ich’s nicht mache und dann erfahre, wer‘s wird.“

2016 wird Jörg Uhle-Wettler Domprediger in der ältesten gotischen Kathedrale Deutschlands. Es sei schön, wieder in Magdeburg zu sein und in einer der wohl außergewöhnlichsten Wohnungen mit der wohl schönsten Terrasse zu leben. „Wenn der Dom schließt, gehört der Innenhof mir“, sagt er mit einem zufriedenen Lächeln. „Ich präge nicht den Dom, der Dom prägt mich.“ Jörg Uhle-Wettler ist mit seiner Frau und seiner Tochter in die Landeshauptstadt gekommen, die beiden Söhne leben in Dresden und Leipzig. „Wir lieben die Elbe und den Rotehornpark. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass der viel schöner ist, als der New Yorker Central Park.“

Eine Einschätzung, die er ohne Wiedervereinigung niemals hätte abgeben können. Für Jörg Uhle-Wettler ist die Wende vor 35 Jahren damals ein Ereignis von großer Dringlichkeit. „Höchste Eisenbahn. Die DDR wäre zu einer Mondlandschaft verkommen. Schorlemmer hat schon sehr treffend gesagt: Wo Häuser verkommen, verkommen auch Menschen.“ Ein Schicksal, dem Magdeburg erfolgreich entgangen ist. „Sauber, schön und vor allem grün. Als ich vor neun Jahren meine Stelle im Dom angetreten bin, da war das wie heimkommen. Es ist viel passiert und es wird noch mehr passieren. Wenn meine Zeit im Dom rum ist, muss ich gucken, was kommt. Bis dahin fließt aber noch reichlich Wasser die Eibe hinunter.“   


„Klick-klick“ im Telefon

Prof. Dr. Eva Heidbreder

 

In der im schönen Münsterland verlebten Kindheit von Eva Heidbreder war die DDR allgegenwärtig. Ein „Teil des Aufwachsens“, wie sie heute sagt. „Wir hatten als Familie sehr intensive Verbindungen in die DDR. Ich möchte fast sagen, sie war ständig Thema“, blickt die Professorin für Politikwissenschaft an der Fakultät für Humanwissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität zurück. Als Pfarrerstochter sei für sie „eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Staatsregime“ omnipräsent gewesen. „Mein Vater hat mit uns beispielsweise darüber gesprochen, wie dort die Kinder in den Pfarrhaushalten aufwachsen. Wir wussten, wer die Stasi ist, und das sie mithört. Denn wir kannten dieses ‚klick-klick‘ im Telefon, wenn wir zum Beispiel mit dem Patenonkel aus Leipzig telefoniert haben.“ Zu Weihnachten kommt der Stollen aus der DDR und ausrangierte Spielzeuge gehen als Westpaket dorthin. „Ich erinnere mich sehr gut, an den Familienbesuch nahe Leipzig 1987“, berichtet Eva Heidbreder, die 1977 im nordrhein-westfälischen Münster das Licht der Welt erblickt. „Schon als Kind war mir bewusst, was Freiheit ist und dass nach dem Mauerfall neue Möglichkeiten entstehen.“

Eva Heidbreder legt ihr Abitur in Greven ab und geht von 1993 bis 1994 als Austauschschülerin nach Südafrika. Das Reisen sowie das Leben und Arbeiten in anderen Ländern werden von diesem Zeitpunkt an zur Konstante in ihrem Leben. „Ich bin an so vielen Orten gewesen. Ich habe in Wien und London studiert, in Florenz promoviert und bin unter anderem Gastdozentin in Antwerpen und Grenoble gewesen“, erzählt sie. „Aber das liegt in der Logik der Karriere.“ Im April 2017 kommt sie nach Magdeburg an die hiesige Universität. Weder Stadt noch Hochschule sind Eva Heidbreder damals ein Begriff. „Mir war die Aufgabe wichtiger“, sagt sie. „Die Universität beginnt zum Zeitpunkt meines Ankommens eine große Strukturreform umzusetzen. Es gab viele Veränderungen, viel war im Umbau.“ Eva Heidbreder leitet als Professorin für „Multilevel Governance in Europe“ (Regieren im Europäischen Mehrebenensystem) den Bachelor- und Masterstudiengang European Studies. „Als ich nach Magdeburg gekommen bin, ging es für mich zunächst vor allem darum, Entscheidungen, die vor mir getroffen worden sind, umzusetzen.“ 2022 wird Eva Heidbreder mit dem Jean-Monnet-Lehrstuhl ausgezeichnet, der von der Europäischen Kommission gefördert wird. Da ist die Ottostadt Magdeburg längst ihr Zuhause. Empfängt die Politikwissenschaftlerin heute Gäste, so zeigt sie ihnen voller Stolz die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. „Dann erlebe ich Begeisterung.“ 

Eva Heidbreder liebt die Elbe, das viele Grün und die Vielfalt der Architektur. „Magdeburg ist eine sehr historische Stadt. Mit einem ganz tief ausgeprägten Bewusstsein für Geschichte und für den Reichtum dieser Geschichte.“ Das sei etwas Besonderes, ordnet Eva Heidbreder ein. „Aus diesem Bewusstsein erwächst die Motivation, Dinge neu zu gestalten. Das Erinnern bringt die Magdeburger ebenso zusammen, wie das gemeinsame Formen von Projekten und Visionen.“ Und sie betont: „Wenn alle diesen Geist leben, dann geht etwas voran.“ Ganz egal, ob jemand seine Wurzeln im Osten oder Westen Deutschlands hat. „Nur, wenn Ängste und Sorgen aufkommen, schaut man mehr, wer von wo kommt. Die Sensibilität ist schon noch da.“

Eva Heidbreder fragt sich, was wir 35 Jahre nach dem Mauerfall als „vereint“ definieren und was wir erwarten. „Das wird ja immer auf Ost und West projiziert und als Fremdheit definiert“, sagt sie. Beständig den Stand des deutsch-deutschen Vereinigungsprozesses abzufragen, störe das Zusammenwachsen. „Weil wir da etwas ansetzen, von dem wir gar nicht wissen, was das ist.“ Anpassung sei nicht das Ziel, vielmehr gehe es doch um die Vielfalt der Ansichten und Lebensgewohnheiten. „Das sollten wir mehr hören und sehen.“ In Magdeburg sieht Eva Heidbreder an jeder Stelle ganz viel Potenzial. „Wir sind in einem Moment, in dem wir massive Umbrüche haben. Aber wir haben die Möglichkeiten und Ressourcen, ganz viel daraus zu machen. Magdeburg hat da aus meiner Sicht viel anzubieten.“