Magdeburg – eine Stadt in Bewegung

Birgit Münster-Rendel

 

Mit 18 Jahren stehen einem alle Türen offen. Der erste große Lebensabschnitt ist abgeschlossen und es werden die Weichen für die Zukunft gestellt. So ungefähr war es auch bei Birgit Münster-Rendel und doch ganz anders. Denn kurz vor ihrem 18. Geburtstag fiel die deutsch-deutsche Grenze und auf einmal sahen ihre Welt und die sich bietenden Möglichkeiten ganz anders aus. „Das war schon eine wilde Zeit für uns junge Leute“, erinnert sie sich. „Plötzlich waren die Grenzen weg und nicht nur die tatsächlichen Grenzen, sondern auch die in der Persönlichkeitsentwicklung. Das war nicht immer leicht.“ Obwohl sie diesen neuen Aufbruch sehr genossen und viele Dinge gemacht hat, die „heute so gar nicht mehr möglich wären“, war es doch eine ungewisse Zeit mit vielen offenen Fragen und immer wieder neuen Entscheidungen und Wegen. „Ich habe damals vieles angefangen und wieder aufgehört. Schule, Studium, Arbeit – ich musste mich erstmal selber finden und sortieren“, so beschreibt sie die ersten Jahre nach der Wende.

Auf diesem Weg stellte sie fest, dass die Arbeit für die Schülerzeitung zwar viel Spaß gemacht hat, ihre Zukunft aber weniger im journalistischen Bereich liegt: „Ich bin eher zahlenaffin und am wirtschaftlichen Faktor in einem Unternehmen interessiert.“ Daher studierte sie schlussendlich Betriebswirtschaft in Magdeburg, schloss das Studium erfolgreich ab und war danach einige Jahre in verschiedenen Unternehmen tätig. Im Jahr 2008 kam sie zu den Magdeburger Verkehrsbetrieben und ist seit 2012 deren Geschäftsführerin. „Ich habe mich schon als Kind für den ÖPNV interessiert und hätte ich auf meinen Vati gehört, hätte ich gleich Verkehrsingenieurwesen studiert“, erzählt sie aus heutiger Sicht mit einem Lächeln. Aber wer hört schon mit 18 Jahren auf die Tipps seiner Eltern und am Ende hat sie ihr ganz eigener Weg über ein paar Umwege doch noch zum Ziel geführt.

Ihre jetzige Funktion als Kopf der MVB sieht sie als große Herausforderung, gleichzeitig auch als einmalige Möglichkeit zur Mitgestaltung. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Chance habe, mich in meiner Heimatstadt so intensiv einzubringen“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Gerade die neue, zweite Nord-Süd-Verbindung für die Straßenbahn ist natürlich eine unfassbare Herausforderung, aber auch ein bleibender Beitrag zur Stadtentwicklung und -gestaltung. Und am Ende gibt uns der Erfolg Recht!“ Die Entscheidung für dieses „visionäre Zukunftsprojekt“, wie sie es nennt, ist zwar schon einige Jahre vor ihrer Zeit gefallen, aber sie sieht sich jetzt in der Generation und Verantwortung, die dieses umsetzen darf. Dass das Projekt trotz aller Diskussionen, Probleme und Einschränkungen während der Bauphase schlussendlich erfolgreich sein wird, erkennt man aus ihrer Sicht schon jetzt an den stark gestiegenen Fahrgastzahlen in den bereits eröffneten Bauabschnitten.

Unabhängig aller zeitweiligen Herausforderungen ist eine Netzerweiterung in dieser Größenordnung beispielhaft in Deutschland. „Damit liegt Magdeburg voll im Trend der europaweiten Renaissance der Straßenbahn“ ist sich Münster-Rendel sicher. Außerdem trägt der ÖPNV auch zur weiteren Modernisierung und Zukunftsorientierung der Stadt bei. Was diese Entwicklung betrifft, so freut sie sich jeden Tag vor allem über das neue Leben an der Elbe: „An den Gebieten entlang der Elbe erkennt man heute am besten, wie sich Magdeburg entwickelt hat. Die Stadt ist näher an den Fluss gerückt und das macht sie zu einer überaus lebenswerten und lebendigen Stadt.“ Darüber hinaus empfindet sie die Stadt als grüner, bunter und attraktiver für Einheimische, Neu-Magdeburger und Gäste.

Diese neue Attraktivität spürt sie auch in ihrem Ehrenamt als Vizepräsidentin des SCM: „Magdeburg hatte schon viele sportliche Erfolge. Und mit dem Ausbau der sportgebundenen Infrastruktur, den vielen Möglichkeiten zur Nachwuchsförderung und dem Engagement aller Beteiligten werden wir noch attraktiver als Sportstadt.“ Kombiniert mit dem neuen Selbstbewusstsein der Stadt werden sicherlich noch viele junge Menschen ihren Weg nach beziehungsweise in Magdeburg finden und die Stadt auch zukünftig bereichern.


Menschen sind wichtiger als der Ort

Prof. Dr. med. Christian Scheller

 

Als der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher im Wendeherbst 1989 vom Balkon der Prager Botschaft zu den aufgebrachten Menschen spricht, ist Christian Scheller gerade 16 Jahre alt. Doch es sind Genschers Worte und die überbordende Reaktion der Masse, die ihn bis heute tief berühren. „Das ist sicher der emotionalste Moment für mich. Bis heute.“ An den 3. Oktober 1990 kann er sich nicht bewusst erinnern. Irgendwie nur „ein formales Datum“, wie er sagt. „Was ich aber sagen kann: Bei mir und in unserer Familie war die Freude über die offene Grenze sehr, sehr groß. Auch, weil wir viele Kontakte und familiäre Verbindungen in den Osten hatten.“ Denn Christian Scheller verfolgt Genschers Balkonrede nicht etwa von Magdeburg aus, sondern in seiner Geburts- und Heimatstadt Nürnberg. „Meine Oma kommt aus Berlin, mein Opa hat vor 1961 in Sachsen als Arzt gearbeitet und meine Mutter ist in Bautzen und Görlitz aufgewachsen“, sagt der Chefarzt für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Magdeburg. „Pakete packen für den Osten war für mich nie abstrakt, sondern immer ganz konkret. Und wir hatten auch viel Besuch von drüben.“

Christian Scheller geht in Nürnberg zur Schule und anschließend fürs Medizin-Studium an die Uni nach Erlangen-Nürnberg. 1997 beginnt er seine Doktorarbeit und geht nach Ulm. Als sein Doktorvater an die Saale nach Halle wechselt, entscheidet sich der junge Arzt dazu, ihm zu folgen. „Am dortigen Universitätsklinikum habe ich dann von 2007 bis Ende 2021 als Oberarzt in der Neurochirurgie gearbeitet“, berichtet der gebürtige Franke. „Und wie es das Schicksal so will, habe ich in Halle meine Frau kennengelernt, die genau wie ich aus Nürnberg kommt.“ Drei gemeinsame Kinder kommen zur Welt „Und das sind richtige Sachsen-Anhalter. Sachsen-Anhalt ist ihre Heimat, das ist ganz klar.“

Am 1. Juli 2022 übernimmt Christian Scheller, nach einem kurzen Abstecher an das Klinikum Bremerhaven, die Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie des Klinikums Magdeburg, das 23 Fachbereiche und Institute vorweisen kann. „Ich hätte auch in Bremerhaven bleiben können, habe mich aber bewusst für Magdeburg entschieden. Ich kannte die Stadt schon von verschiedenen Ausflügen und großen Kongressen“, sagt der passionierte Schach- und Tennisspieler. Der Mediziner liebt die Elbe und die Historie mit dem Dom und den Ottonen. „Im Mittelalter gehörten Magdeburg und Nürnberg zu den größten und wichtigsten Städten Deutschlands. Das muss man sich mal vorstellen.“

Christian Scheller liebt und lebt den Arztberuf. Er hat immer den Menschen im Blick und an die Sachsen-Anhalter sein Herz verloren. „Wenn man ihnen gegenüber bodenständig, gradlinig, aufrichtig und ehrlich ist, dann bekommt man ganz viel zurück“, sagt der dreifache Familienvater. „Menschen sind wichtiger als der Ort. Aber hier in Magdeburg kommt glücklicherweise beides zusammen.“ Innerhalb seines Teams im Klinikum Magdeburg bescheinigt er den Mitarbeitenden aus Magdeburg eine „ungeheure Identifikation mit ihrer Stadt“.

Der gebürtige Nürnberger sagt, dass nach der Wiedervereinigung natürlich Fehler gemacht worden sind. „Viele persönliche Schicksale wurden damals besiegelt, vielen hat man die Identität genommen“, erklärt er. „Für ausnahmslos jeden Einzelnen war die Wende sicher nicht gut, doch für das gesamte Land schon.“ Aber gerade weil Deutschland immer schon föderal strukturiert war, werde es immer regionale Unterschiede geben. Auch zwischen Ost und West, da ist sich Christian Scheller sicher. „Deutschland war noch nie ein zentralistisches Land. Das Zusammenwachsen beider deutscher Staaten ist noch nicht überwunden.“ Der Mediziner wünscht sich, dass die Menschen viel mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen, dass sie stolz sind auf das Miteinander. „Es wird immer Herausforderungen geben, doch man muss sie selbst lösen und niemals darauf warten, dass es jemand anderes tut.“ Magdeburg kann das.