Ich bin in Magdeburg angekommen

Stefanie Günther

 

Die Verwandtschaft in Westdeutschland nicht spontan besuchen können oder sich ewig für einen Heizkörper anstellen? „Seltsame“ Anekdoten wie diese kennt Stefanie Günther als Wendekind nicht aus dem eigenen Erleben beziehungsweise Erinnern. „Aber meine Eltern haben mir von solche Geschichten berichtet“, sagt die Kaufmännische Leiterin der MEDIAN Klinik NRZ Magdeburg, die auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen ist. „In einem kleinen Dorf bei Grabow und Ludwigslust, inmitten eines privaten Landwirtschaftsbetriebs.“ Damals wie heute sind ihre Eltern in der Agrarwirtschaft tätig. Stefanie Günthers Vater leitet aktuell drei Betriebe in Brandenburg, die Mutter unterstützt ihn als Buchhalterin und Assistentin. Kurz nach der Wiedervereinigung gehen die Großeltern früh in Rente und kümmern sich um die private Landwirtschaft der Familie. „Sie haben sich da über Jahre eingebracht und es meinen Eltern in dieser Zeit ermöglicht, zudem Vollzeit arbeiten zu gehen.“

Stefanie Günther macht nach 13 Schuljahren ihr Abitur in Ludwigslust und geht gleich im Anschluss zum Studieren nach Rostock. Um sich danach beruflich zu orientieren, lebt sie ein Jahr lang in Berlin und entdeckt ihr aufkeimendes Interesse am Berufsfeld „Krankenhausleitung“. Nächste Station: Greifswald. „Dort habe ich meinen Master im Bereich Health Care Management gemacht.“ Es schließt sich eine umfangreiche „Arbeits- und Lernphase“ im Bereich Klinikmanagement bei Helios an, die auf dem Posten der Klinikgeschäftsführerin in Brandenburg an der Havel ihren vorläufigen Höhepunkt findet. „2014 habe ich meinen Mann kennengelernt – und Magdeburg“, sagt Stefanie Günther. „Ich war damals überzeugte Pendlerin, weil ich mich tatsächlich nie in Magdeburg gesehen habe. Ich wollte immer lieber nach Rostock.“ Doch es kommt alles anders – zum Glück, sagt Stefanie Günther heute. 2018 heiratet sie ihre große Liebe, ein Jahr später kommt die gemeinsame Tochter zur Welt. Am 1. Januar 2021, mitten in der ebenso aufregenden wie aufreibenden Zeit der Corona-Pandemie, wird Stefanie Günther Kaufmännische Leiterin im NRZ Magdeburg, wo Patienten mit neurologischen und neurochirurgischen Erkrankungen vollumfänglich behandelt werden.

„Mein Start im NRZ Magdeburg war insbesondere wegen Corona aufregend. Wir hatten einen Krisenstab und es war irgendwie ein 24/7-Job“, erinnert sich Stefanie Günther, die mit ihrer Familie nun in Pechau wohnt. Bis heute sei die gesundheitspolitische Lage sehr herausfordernd. Als Kaufmännische Leiterin kämpft sie unter anderem mit Personalbemessungsgrenzen, um Fachkräfte und dringend notwendige Investitionen. Ein deutschlandweites Problem in der Krankenhauslandschaft. Die Einheit von Ost und West ist für die Mecklenburgerin noch nicht endgültig vollzogen. „Ich würde es mir wünschen, sehe das aber so nicht“, urteilt sie. Doch Stefanie Günther ist zuversichtlich. „Für meine Tochter wird das in 20 oder 25 Jahren keine Rolle mehr spielen. Da wird sich die Ost-West-Trennung in den Köpfen der Menschen hoffentlich nahezu aufgelöst haben.“

An ihrer neuen Heimatstadt schätzt Stefanie Günter die vielen Angebote im Kultur- und Freizeitbereich und die wunderschönen Parks und Spielplätze. „Da hat sich enorm was entwickelt. Es gibt so schöne Ecken in Magdeburg“, schwärmt sie. „Und die Stadt wird noch wachsen, da bin ich mir sicher.“ Die Frage nach der Herkunft beantwortet Stefanie Günther heute mit einem überzeugten „Ich komme aus Magdeburg!“ Auch, wenn sie gleich im zweiten Satz Mecklenburg-Vorpommern erwähnt, wo sie bis heute mit ihrer Familie regelmäßig und gern zu Besuch ist. „Ich bin in Magdeburg angekommen. Und ich habe es nie bereut, hergekommen zu sein.“


Magdeburg bietet viele Möglichkeiten zum Gestalten

Dr. Dietrich Lührs

 

Das Ökumenische Domgymnasium gehört zu den ältesten freien Schulen der Stadt. Gegründet 1991 steht es fest in der Tradition der alten Magdeburger Domschule und ist damit wichtiger Bestandteil der städtischen Bildungslandschaft. Der heutige Direktor des Domgymnasiums und Vorstand der Domschulen Magdeburg, Dr. Dietrich Lührs, ist gebürtiger Göttinger und erst im Zuge der Wiedervereinigung hierhergezogen. „Vor 1989 kannte ich von Magdeburg nur den Dom“, erinnert sich Dr. Lührs. „In den 80er Jahren bin ich oft nach Berlin gefahren und von der Autobahn aus sah man immer die Domtürme. Dieser Anblick ist mir in Erinnerung geblieben.“ Allerdings hätte er sich damals natürlich nicht vorstellen können, jemals in Magdeburg zu leben und zu arbeiten.

Die erste Begegnung mit dem Osten, an die er sich noch sehr lebhaft erinnern kann, sind die Trabis: „Wir sind damals von Göttingen aus Richtung Eichsfeld gefahren und da kamen uns viele Trabis entgegen. Dieses Bild hat sich bei mir eingeprägt, denn es stand sinnbildlich für den Beginn der Wende.“ Die Wiedervereinigung war für ihn trotzdem überraschend und sehr bewegend. Vor allem hat sie sein Leben grundlegend verändert, denn im Juni 1992 bekam er das Angebot, als Lehrer nach Aschersleben zu gehen. „Ich hatte Latein und Griechisch studiert und wollte nicht an der Universität bleiben, sondern an einer Schule unterrichten“, erzählt Dr. Lührs. Da die Lehrersituation in Westdeutschland damals allerdings eine ganz andere war als heute, war das nicht so einfach: „Es gab einen Lehrerüberhang, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“ Vom Anruf mit dem Jobangebot bis zur Entscheidung hatte er damals 24 Stunden Zeit. „Ich sollte nach Sachsen-Anhalt gehen, genauer gesagt nach Aschersleben. Ich musste mich über Nacht entscheiden und wusste damals nicht mal genau, wo das eigentlich liegt.“ Er hat sich dann etwas erkundigt und spontan zugesagt: „Ich hatte einfach Lust auf was Neues und hab mich ins kalte Wasser gestürzt.“ So wurde er zum Latein- und Sozialkundelehrer im Osten. „Der erste Eindruck von Ascherleben war damals allerdings schon ein Schock,“ verrät Dr. Lührs. „Das war eine unheimliche Umstellung von einer modernen Universitätsstadt in eine baulich ziemlich verfallene Arbeiterstadt.“ Nach einem Jahr ist seine Frau mit den Kindern nachgezogen und sie haben sich schnell wohlgefühlt. Zudem ist er in die Kommunalpolitik gegangen und hat dadurch auch den direkten Bezug zu den Menschen bekommen. „Das war eine der interessantesten und wichtigsten Erfahrungen für mich“, sagt er heute.

1999 kam der nächste Umbruch für die Familie Lührs. Den Familienvater zog es weiter nach Magdeburg, als Lehrer an das Domgymnasium. Die ersten Jahre ist er allerdings von Aschersleben aus gependelt: „Magdeburger bin ich erst seit 2002.“ Mittlerweile fühlt er sich hier absolut zu Hause und will auch im Ruhestand hierbleiben. Magdeburg ist für ihn ein echter Geheimtipp – zum Leben und Arbeiten. Hier kennt man sich sehr schnell untereinander und kann sich ein funktionierendes Netzwerk aufbauen. „Als Schulleiter eines privaten Gymnasiums in München hätte ich nie so viel bewegen können“, da ist er sich sicher. „Hier hat man viel mehr Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten“, die Dietrich Lührs immer genutzt hat. Heute gehören das Domgymnasium und die Domgrundschule zu den besten Schulen der Stadt und es gibt jedes Jahr deutlich mehr Anmeldungen als freie Plätze. „Diese Entwicklung erfüllt mich natürlich mit Stolz“, gesteht er und blickt zufrieden auf das Geschaffene. Auf dieser Grundlage macht er sich auch keine Sorgen um die Zukunft seiner Schulen und der Stadt Magdeburg. Wenn er in gut einem Jahr in den Ruhestand geht, dann will er noch mehr das Leben in seiner neuen Heimat genießen und sich wieder intensiver seinen Hobbys widmen. Auf die Frage, ob er sich noch als Wessi oder eher als Ossi sieht, sagt er nur: „Ich habe die höchste ostdeutsche Auszeichnung bekommen, die da lautet, du bist gar kein echter Wessi“, lacht er. Er fühlt sich hier wohl und freut sich über die positive Entwicklung Magdeburgs. Er ist überzeugt: „Magdeburg entwickelt sich immer weiter.“