Dirty Dancing beim Mauerfall

Karina Schwarz

 

Als sich am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße gegen 21.20 Uhr am 9. November 1989 die Öffnung der Mauer in Gang setzt, schaut sich Karina Schwarz im Kino gerade Dirty Dancing an. Als sie das Lichtspielhaus verlässt, sind die Straßen wie leergefegt. Es dauert einen Moment, bis die heutige Fachanwältin und Insolvenzverwalterin mit eigenen Kanzleien in Magdeburg, Hannover und Hildesheim weiß, warum. „Ich habe da gerade an der Ost-Berliner Humboldt-Universität begonnen, ‚Sozialistisches Recht‘ zu studieren“, sagt sie. Im Hörsaal droht man den Studentinnen und Studenten am nächsten Tag mit Exmatrikulation, würden sie das Land verlassen. „Wir wussten ja alle längst, dass die Mauer gefallen ist. Wir haben dann geschlossen den Saal verlassen. Die Humboldt-Uni musste sich auch irgendwie erst finden und stabilisieren.“ Kurze Zeit später geht sie nach Göttingen in Niedersachsen, weiterhin fokussiert auf ein Jura-Studium. „Ich wollte keine Zeit verlieren. Ich hatte schon genug verloren, weil die DDR eben war, wie sie war.“

Karina Schwarz wird in Finsterwalde in Südbrandenburg geboren, wo ihre Eltern eine Gärtnerei betreiben. Früh begeistert sie sich für Jura, doch ein Studienplatz scheint nahezu ausgeschlossen. „Es gab im Kreis nur einen zu vergeben und der war für die gleichaltrige Tochter des Kreisgerichtsdirektors reserviert“, erinnert sie sich. Doch sie und ihre Familie geben nicht auf. Mit Erfolg! „Meine Lebenslehre daraus: Traue nie dem Nein-Sager.“ Doch bevor es in Berlin losgehen kann, muss sie in der DDR eine zweijährige Arbeit in der Produktion absolvieren. „Für die Reife“, berichtet Karina Schwarz. „Und für Einblicke in die Wirtschaft.“ 24 Monate lang zählt sie in einem volkseigenen Schweißtechnik-Betrieb Elektroden, dann ist der „mehrjährige Kampf“ ums Studium geschafft. „Und dann kam die Wende und mit ihr eine große Irritation, gepaart mit Neugier. Ich war auch angstvoll, weil ich mich in der DDR schon beschützt gefühlt habe“, berichtet die begeisterte Sportlerin. „Aber ich habe auch die Chance gesehen, meinen Aufenthalts- und Berufsort jetzt frei wählen zu können.“

Karina Schwarz sagt heute, dass die Wiedervereinigung für sie zu einem guten Zeitpunkt gekommen ist. „Ich war jung, ich konnte umschwenken. Für meine Eltern mit ihrer Gärtnerei in Finsterwalde ging das alles kaum noch.“ Sie studiert in Göttingen erfolgreich Jura, macht ihre Referendariate in Magdeburg und Halle und schnuppert da zum ersten Mal ins Insolvenzrecht hinein. Sie geht in die Selbstständigkeit und entscheidet sich als Basis für den Magdeburger Stadtteil Sudenburg. Hier eröffnet sie ihre erste Kanzlei, baut sie aus, formt ein Team und überzeugt alle Zweifler mit Fleiß und Qualität „Ich war Frau und Ossi und bin damals oft genug auf Platzhirsche gestoßen“, sagt sie. Inzwischen gibt es Niederlassungen in Hannover und Hildesheim und ihre Insolvenzverwalter werden von den verschiedenen Gerichten, etwa in Bielefeld, Gifhorn, Magdeburg und Stendal bestellt. „Es war ein langer Weg, aber ich würde ihn immer wieder gehen.“

Magdeburg ist sensationell, sagt Karina Schwarz, die auch zeitweise im spanischen Barcelona und in Schweden lebt. „Meine Zentrale ist hier. Die Menschen und das Stadtbild sind so viel freundlicher geworden. Magdeburg hat sich gefunden“, urteilt die Anwältin. Sie erlebe eine Verjüngung, die mit mehr Kreativität einhergeht. „Früher habe ich immer gesagt, Magdeburg ist die verlorene Perle zwischen Berlin, Potsdam und Hannover.“ Karina Schwarz wünscht sich für die Zukunft der Stadt, dass sie eine stabile, wirtschaftliche Basis für Handel und Handwerk sein kann. „Es braucht viele Füße, auf die sich eine Stadt stellen kann. Eine gute Mittelschicht ist enorm wichtig.“

Die frühere Handballerin und Leichtathletin freut es sehr, dass Magdeburg auf dem internationalen Sportparkett große Erfolge feiern kann. „Ich sage immer, wir sind auch eine sportive Kanzlei; mit viel Biss und Kampfgeist.“ Und auch, wenn es Karina Schwarz immer wieder in die Welt hinauszieht, so ist eins für sie sicher: „Magdeburg bleibt mein Standort, weil hier Seele und Zuhause ist. Und das auch noch die nächsten Jahre.“


Ottostadt zur neuen Heimat

Markus Janscheidt

 

Als im November 1989 die Mauer fällt, ist Markus Janscheidt gerade zwölf Jahre alt. Wenn er heute daran zurückdenkt, sind es vor allem die großen Emotionen und die Freude, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. Er erinnert sich: „Die politischen und inhaltlichen Dimensionen konnte ich als Kind noch gar nicht in der ganzen Tragweite einordnen. Dennoch habe ich wie gebannt auf den Fernseher geschaut und wahrgenommen, dass etwas Großes passiert.“

Geboren in Essen, wächst Markus Janscheidt im Ruhrgebiet auf und studiert „um die Ecke“ in Bochum. Kontakte zur DDR und zum östlichen Teil Deutschlands hat er in dieser Zeit kaum. Das ändert sich erst mit seinem beruflichen Werdegang. Als Diplom-Ökonom startet er bei der Gelsenwasser AG im Bereich Controlling und übernimmt ab 2003 die Betreuung und Beratung von Stadtwerken in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, an denen Gelsenwasser beteiligt ist. Dienstreisen führen ihn regelmäßig in die neuen Bundesländer – so lernt er auch Magdeburg kennen, ohne zu ahnen, dass die Stadt bald sein Zuhause wird.

Bei seinen dienstlichen Besuchen beschränkt sich Markus Janscheidt zunächst darauf, die Städtischen Werke Magdeburg (SWM) zu begleiten und entscheidungsrelevante Themen für Gelsenwasser auf Gesellschafterebene abzustimmen. Als Leiter des Beteiligungsmanagements taucht er vor allem in die wichtigen infrastrukturellen Themen der SWM ein. Der erweiterte Blick auf Magdeburg klingt heute so: „Der Dom, das Domviertel, die vielen Grün- und Parkanlagen, die schönen Häuser und Straßenzüge, das Kultur- und Sportangebot, Magdeburg hat in allen Bereichen einfach sehr viel zu bieten.“

2024 wird ihm schließlich angeboten, die kaufmännische Geschäftsführung der SWM zu übernehmen. Der Essener zögert nicht lange: „Die Region war mir vertraut und die SWM auch. Ich hatte Lust, meine Stadtwerkeexpertise für die SWM einzubringen und die Verantwortung die kaufmännischen Themen der SWM zu übernehmen.“ Gemeinsam mit seiner jungen Familie zieht er an die Elbe – und erlebt sehr schnell die erste positive Überraschung. Was im Ruhrgebiet schwierig war, klappt hier auf Anhieb: Die Familie bekommt ihren Kita-Platz für den einjährigen Sohn. „Wir konnten sogar wählen und sind sehr zufrieden“, sagt Janscheidt.

Nicht nur der Nachwuchs fühlt sich so direkt pudelwohl in der neuen Umgebung – auch seine Mama findet schnell Job und Anschluss. Ein Jahr nach dem Umzug zieht Markus Janscheidt ein rundum positives Fazit: „Wir sind hier sehr gut angekommen, haben Freundschaften geknüpft und bereuen den Wechsel keinesfalls.“ Auch beruflich fühlt sich der kaufmännische Geschäftsführer sehr wohl, wie er sagt. Erste Projekte sind angestoßen, einige bereits umgesetzt. „Die SWM haben sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt“, weiß der Ökonom. „Wir gehen mit einer wirtschaftlich stabilen Basis in die Zukunft.“ Dass die Stadtwerke „ihrer“ Stadt auch etwas zurückgeben, ist für den Wahl-Magdeburger eine „runde Sache“. Ob Sport, Kultur oder sozialer Bereich – hier würden sich die SWM auch weiterhin in die Gesellschaft einbringen und für die Einwohner spürbar positive Beiträge leisten.

Apropos positiv: Markus Janscheidt ist gekommen, um zu bleiben. Magdeburg eröffnet ihm auch nach einem Jahr immer neue Seiten, meint er mit Blick aufs Private. Als versierter Unternehmer bescheinigt er der Stadt, eine „sehr gute infrastrukturelle und wirtschaftliche Entwicklung“ und „auf dem richtigen Weg zu sein, die Potenziale weiterhin auszubauen“. Als positiv bewertet er zudem, dass „Magdeburg alle infrastrukturellen Anforderungen einer Großstadt erfüllt, ohne wie eine überfüllte Großstadt zu wirken.

Diesen und viele andere Pluspunkte nennt er gern, wenn er mit Freunden, Bekannten oder der Familie über seine neue Heimat spricht. Viele von ihnen haben, wie er früher selbst, kaum Berührungspunkte mit der Stadt – bis sie zu Besuch kommen. „Die meisten sind dann sehr positiv überrascht“, berichtet er. Nun möchten er und seine Frau noch mehr Menschen ermutigen, nach Magdeburg zu ziehen. Erste Interessierte gibt es bereits. Für Familie Janscheidt ist klar: Die Ottostadt ist zur neuen Heimat geworden.