Familie als Ankerpunkt

Dr. med. Dorle Katrein Steinführer

 

Wenige Wochen vor dem Mauerfall am 9. November 1989 ist Dorle Katrein Steinführer voll approbiert. Von da an darf sie als Ärztin arbeiten und in Praxen oder Kliniken tätig sein. Das Ziel der gebürtigen Schönebeckerin: Fachärztin für Augenheilkunde werden. Ihr Medizinstudium der Humanmedizin nimmt sie Anfang der 1980er Jahre in Leipzig auf, 1988 geht sie für ein praktisches Jahr am Ende ihres Studiums nach Elsterwerda, das heute in Brandenburg liegt. „Die dortige Klinik hat mich dann nach Hoyerswerda delegiert“, blickt die Augenärztin mit eigener Praxis in Magdeburg auf diese spannende Zeit des Umbruchs zurück. „Ich war Assistenzärztin in Ausbildung zur Augenärztin.“ In Hoyerswerda (heute Sachsen) und anderswo sind die Montagsdemos zu diesem Zeitpunkt auf ihrem Höhepunkt. „Ich war jung und interessiert und natürlich bin ich da auch hingegangen. Ich bin mitgelaufen, habe mir die Reden angehört und immer gemischte Gefühle gehabt.“ Unter die Gewissheit, dass sich etwas ändern muss, mischen sich bei der jungen Ärztin auch immer wieder Irritation und Verunsicherung. „Die Änderung, die kommen musste, war unausweichlich. Ich stand voll hinter dem, was da auf den Demos thematisiert wurde.“ In ihrem spartanischen Zimmer im Schwesternwohnheim ist ein altes Radio damals die einzige Verbindung zur Außenwelt. „Als die Mauer aufging, saß ich vor diesem kleinen Ding.“ 

Dorle Katrein Steinführer wird, wie so viele andere, in den „Chaos-Strudel“ nach der Wiedervereinigung gerissen. „Ich erinnere mich, dass ich Anfang 1990 einen Brief von der Klinik in Elsterwerda bekommen habe. Es war meine Kündigung. Und die Aufforderung, alle gezahlten Monatsgehälter von je 560 Mark zurückzuzahlen.“ Ein Schock für die junge, engagierte Ärztin. „Sie wussten ja auch nicht, was kommt. Sie wollten mich als Kostenpunkt loswerden. Ich war komplett überfordert.“ In dieser problematischen Zeit bewirbt sie sich „in alle Himmelsrichtungen“, wie sie sagt. „Ich bin dann in Magdeburg gelandet. Ich steckte damals in dem Sonderkonstrukt, von der Krankenkasse bezahlt zu werden. Ich brauchte eben nur einen Arbeitsvertrag.“ Im November 1991 setzt Dorle Katrein Steinführer ihre Facharztausbildung fort, sucht sich ein Promotionsthema und geht weiter ihren Weg. „Ich habe Mitte der 1990er Jahre promoviert“, berichtet die Medizinerin. „Ich wollte als Augenärztin immer meine operativen Ambitionen ausleben. Ich wollte in den OP, das war mein Traum damals.“ Die heutigen Probleme der fachärztlichen Unterversorgung hat es damals nicht gegeben. „Doch es gab mehr Konkurrenz, was für die Ärzte zur damaligen Zeit schwierig und herausfordernd war.“

Auf Dresden und Cottbus folgt das St. Martinus-Krankenhaus in Düsseldorf in Nordrhein-Westfalen, wo Dorle Katrein Steinführer von 2002 bis 2013 als Oberärztin tätig ist. „Ich bin damals schon viel zwischen Schönebeck und Düsseldorf gependelt, weil es meinen Eltern immer schlechter ging und ich mich um sie kümmern musste.“ Als sie zu Hause dringend gebraucht wird, kündigt sie fristlos ihre Düsseldorfer Stelle und kehrt nach Sachsen-Anhalt zurück. Sie schaltet eine Annonce, um wieder in Arbeit zu kommen. „Das war gleich ein Treffer. Wichtig war mir, weiter operieren zu können.“ 35 Jahre nach dem Mauerfall betreibt Dorle Katrein Steinführer gemeinsam mit Dr. Susan Schmitz eine renommierte Praxis für Augenheilkunde in der Magdeburger Innenstadt. „Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre ich als Frau wohl nie an den OP-Tisch gekommen“, betont sie. „Rückwirkend muss ich sagen: Die Wende kam für mich zur richtigen Zeit.“

Dr. Dorle Katrein Steinführer ist glücklich darüber, dass aus dem „Magdeburger Grau-in-Grau“ längst Helligkeit und Freundlichkeit geworden ist. „Überall, wo man hinguckt, gibt es Veränderung. Die Tristesse ist verschwunden.“ Der Rheinländer sei mehr der „leichtlebige“ Typ Mensch, der gemeine Sachsen-Anhalter mehr gradlinig und zuverlässig. Für das Zusammenwachsen von Ost und West hat die Augenärztin große Hoffnung. „Noch ist da einiges zu tun. Aber im Grunde richtet sich doch das alles nicht nach der Himmelsrichtung, oder?“ Sicherlich habe es Lebensgeschichten voller Verlust und Scheitern gegeben. „Da darf man auch nicht drüber bügeln“, sagt sie. „Da braucht es Zuhören, Verständnis und Empathie. Dann klappt das. Und die junge Generation wächst doch schon ganz anders auf. Für die gibt es keine Grenzen.“ 


Fitness- und Gesundheitsbewusstsein ist populär geworden

Roland Ballin

 

Das Squash und Fitness Center Magdeburg oder besser das SFC in Fermersleben ist wahrscheinlich den meisten Einheimischen ein Begriff, die Geschichte dieses ersten Magdeburger Sportstudios und seines Geschäftsführers kennen aber bestimmt nur wenige. Roland Ballin ist schon in seiner Jugend viel herumgekommen: In Hannover geboren und in der Nähe von Bremen aufgewachsen, ging er zum Studium nach München, wo er auch die Zeit der Wende verbrachte. Trotz dieser westdeutschen Kindheit kannte er die neuen Bundesländer und speziell auch Magdeburg, denn sein Vater ist hier geboren und so mancher Verwandtenbesuch führte ihn schon vor der Grenzöffnung in die Stadt. Daher waren der Fall der Mauer und die deutsch-deutsche Wiedervereinigung auch ganz besondere Ereignisse für ihn, die ihm in Erinnerung geblieben sind.

Die Idee zur Gründung des SFC ist durch ein ähnliches, bereits Ende der 80er Jahre in Wolfsburg eröffnetes Projekt, entstanden. „Meinen Partnern, zu denen auch mein Bruder gehört, wurde eine Bauruine in Magdeburg angeboten, um möglicherweise auch hier eine Multifunktionsanlage mit gesundheitsorientiertem Fitnessangebot, Squash- und Wellness-Bereich sowie Gastronomie zu eröffnen“, erzählt Ballin. Nach mehreren Besichtigungen und Ideenfindungen entschieden sie sich, die Chance zu nutzen und ein Sportcenter zu eröffnen. So verschlug es Ballin mit dem Sportdiplom in der Tasche nach Magdeburg, wo er ab 1994 erst den Bau managte und seit der Eröffnung im Januar 1995 das SFC. „Das war schon ein spannendes Erlebnis und eine ganz neue Erfahrung für mich“, erinnert er sich. „Denn ich verstehe was von Sport, hatte aber wenig Ahnung vom Bauen und allem, was damit zusammenhängt.“ Doch diese einmalige Chance, sich unmittelbar nach Abschluss des Studiums direkt in die Hauptverantwortung und Geschäftsführung zu begeben, konnte er sich natürlich nicht entgehen lassen. „Dieser für mich höchstmögliche Karrierestart hat mich einfach gereizt, da habe ich mir über mögliche Probleme und Unterschiede zwischen Ost und West keine Gedanken gemacht.“ Für ihn ging es damals wie heute einfach nur ums MACHEN!

Die Resonanz der Magdeburgerinnen und Magdeburger war von Anfang an überragend: „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie wir zur Eröffnung einen Tag der offenen Tür gemacht haben und hier eine Menschenschlange vor dem Haus stand.“ Die Leute haben sich einfach gefreut, jetzt auch so ein Angebot in ihrer Stadt zu haben und dementsprechend waren vor allem die Squash-Plätze immer Wochen im Voraus ausgebucht. „Von diesen Mitgliedern der allerersten Stunde sind einige noch heute aktiv im SFC“, darüber freut sich Ballin ganz besonders, „denn diese Konstanz zu einem Studio ist mittlerweile sehr selten.“ Um diese Marktpräsenz zu halten, haben sie sich in den vergangenen 30 Jahren immer weiterentwickelt und neue Angebote für verschiedene Zielgruppen etabliert. Seine Expertisen aus der Fitnessbranche und der Sportwissenschaft haben ihm dabei immer geholfen. „Unsere Hauptmitglieder sind mittlerweile eher etwas älter und sehr gesundheitsbewusst. Sie wollen lange fit und vital bleiben und wissen dabei unsere Erfahrung sehr zu schätzen.“

Genauso wie die Fitnessbranche hat sich auch Magdeburg immer weiterentwickelt und gewandelt. Heute gibt es nicht nur unzählige Sport- und Fitnessstudios in der Stadt, sondern darüber hinaus auch viele andere Kultur- und Freizeitangebote. „Die Stadt ist insgesamt viel moderner geworden und hat für jeden was zu bieten“, ist Ballin überzeugt. „Manchmal vergessen wir nur in der Rückblende, wie es früher in Magdeburg aussah und wie positiv sich die Stadt entwickelt hat.“ Jetzt geht es darum, die vorhandenen Potentiale intensiv zu nutzen und auch zukünftig neue Dinge zu entwickeln, damit Magdeburg weiter in Bewegung bleibt. Denn auch wenn er sich vor gut 30 Jahren vor allem wegen der beruflichen Herausforderung für Magdeburg entschieden hat, so hat er diesen Schritt nie bereut.