Mit Herz und Verstand mit dem Handwerk verbunden
Christina Lautenbach
Christina Lautenbach ist im Handwerk groß geworden – inmitten von Kreissäge, Hobelbank und Werkstattatmosphäre. Ihr Weg in den Familienbetrieb war dabei nicht von Anfang an geplant. Doch nachdem ihr ein Studium verwehrt blieb, entschied sie sich, in die von ihrem Vater gegründete Tischlerei einzusteigen – und Tischlerin zu werden.
Schon 1982 gründete ihr Vater Thomas Lautenbach die Tischlerei in Magdeburg – gut sieben Jahre vor dem Mauerfall. Christina ist damals Schülerin, macht später Abitur und anschließend ihre Ausbildung. „Ich durfte meine Ausbildungszeit auf anderthalb Jahre verkürzen. Und dann bin ich einfach meinen Weg gegangen.“ Sie lernt ihren Mann kennen, der fürs Studium nach Magdeburg gekommen ist und bei ihr an der Elbe bleibt.
Die Umbrüche nach 1989 beschreibt sie heute als „surreal“. „Alles war plötzlich anders. Man hat geglaubt, es wird besser – doch nicht alles ist besser geworden.“ Für den Handwerksbetrieb bedeutet die Zeit eine Herausforderung: neue Materialien, andere Techniken – und ein riesiger Nachholbedarf in Sachen Sanierung. Die Auftragslage war gut, aber fordernd. „Alle wollten auf einmal Kunststofffenster – um nur ein Beispiel zu nennen“, erinnert sich Christina Lautenbach. Seit 2002 führt sie die Tischlerei Thomas Lautenbach in zweiter Generation – mit einem Team von zehn Mitarbeitenden. 1993 hatte sie sich entschlossen, den Meistertitel zu erwerben - „Ich hatte damals nicht den Drang, meinen Vater oder Magdeburg zu verlassen. Ich wollte im Unternehmen bleiben. Mein Vater hat mir da viele Freiheiten gelassen.“ 1997 war es dann so weit. „Ich habe mir meinen Platz im Handwerk mit Fleiß und Ausdauer aufgebaut“, sagt sie heute. Ihr Vater habe sie dabei immer unterstützt: „Er hat gesagt: Wer mit dir als Frau nicht redet, braucht mit mir auch nicht reden.“
In den vergangenen 35 Jahren hat die Tischlerei Thomas Lautenbach an vielen Stellen das Stadtbild Magdeburgs mitgeprägt – etwa bei der Sanierung der denkmalgeschützten Beims- und Curiesiedlung. Heute kümmert sich das Team teilweise um die Wartung oder Erneuerung von Projekten aus der eigenen Vergangenheit. „Da fährt man durch die Stadt und denkt: Das haben wir gemacht – das macht schon stolz“, sagt Lautenbach.
Selbst an der Säge stehen oder mit dem Hobel arbeiten – das ist für die Tischlermeisterin nicht mehr drin. „Ich bin nur noch Managerin“, sagt sie lächelnd. Ihre Aufgaben liegen in Organisation, Kundenkontakt und Unternehmensentwicklung. „Früher kam alles mit der Post, heute per E-Mail. Da muss man dann einfach schnell reagieren.“
Magdeburg ist für Christina Lautenbach weit mehr als ein Arbeitsort – es ist ihr Zuhause. „Ich brauche den Dom – sonst fehlt mir was“, sagt die Mutter einer Tochter mit einem Lächeln. Die Stadt habe sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt – kulturell, landschaftlich und sportlich. Was sie dennoch vermisst, ist eine stärkere industrielle Basis: „Magdeburg war früher ein Zentrum des Schwermaschinenbaus. Heute ziehen viele Großbetriebe ins Umland – das finde ich schade.“
Auch die deutsch-deutsche Einheit bleibt für sie ein Thema mit Nachklang: „Es hat sich vieles angenähert, aber man spürt an manchen Stellen noch Unterschiede – gerade in den Köpfen.“ Für sie steht jedoch fest: Mit jeder neuen Generation wächst das Zusammengehörigkeitsgefühl weiter.
Nachdenklich wird sie beim Blick auf den Generationenwechsel im Handwerk. „Wenn erfahrene Gesellen und Meister in den Ruhestand gehen, verlieren wir nicht nur Fachkräfte, sondern auch jahrzehntelang gewachsenes Wissen.“ Umso wichtiger sei es, dieses Wissen aktiv weiterzugeben - die Tischlerei Thomas Lautenbach, die regelmäßig ausbildet, versucht genau hier anzusetzen.
Für die Zukunft sieht Christina Lautenbach ihr Unternehmen, ihre Familie – und sich selbst – ganz klar: in Magdeburg.
Wir hatten Pilsator für 1,03 Mark im Stadt Prag
Timo Harland
Zwischen Weihnachten und Neujahr 1989 sitzen Timo Harland und ein paar Freunde im Bus einer neu eingerichteten Linie, die seine Geburts- und Heimatstadt Braunschweig mit Magdeburg verbindet. Ein paar Wochen ist der Mauerfall bereits her und die junge Reisegruppe treibt die blanke Neugier an. Immerhin sind Magdeburg und Braunschweig schon seit Dezember 1987 als Partnerstädte verbunden, es wusste nur niemand, wie es beim jeweils anderen so aussah. „Ich war 17 Jahre alt und erinnere mich ehrlicherweise nur schemenhaft an das Magdeburg von damals“, sagt Timo Harland, der seit 2002 Geschäftsführer von Creditreform Magdeburg ist. „Aber wir hatten im Stadt Prag Pilsator-Bier für 1,03 Mark. Das weiß ich noch ganz genau.“
Persönlich, so sagt der gebürtige Niedersachse, habe er keinen Bezug oder familiäre Verbindungen zu Magdeburg oder in die DDR gehabt. „Wenn man so will, haben wir im Zonenrandgebiet gewohnt und ich weiß, dass wir manchmal die Transitstrecke nach Berlin gefahren sind.“ An den 3. Oktober 1990 kann er sich nicht erinnern, wohl aber an den 9. November 1989. „Es gab einen Aufruf unserer Stadt, dass man Menschen aus der DDR beherbergen sollte. Viele kamen ja, um das Begrüßungsgeld abzuholen und der Weg war schon weit. Bei uns zu Hause ist damals für ein oder zwei Nächte eine Familie aus dem Raum Schönebeck untergekommen. Braunschweig war damals zwar überfüllt, aber voller guter Laune.“
Dass er einmal in Magdeburg seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt haben wird, steht in Zeiten von Begrüßungsgeld und Pilsator für Timo Harland überhaupt nicht zur Debatte. Wohl aber für seinen Vater, der noch 1989 als Geschäftsführer von Creditreform Braunschweig an die Elbe kommt, um hier eine Geschäftsstelle der Wirtschaftsauskunftei aufzubauen, die vor allem Bonitätsbewertungen von Unternehmen und Privatpersonen sowie Inkasso-Leistungen bietet. „Mein Vater hat die Mauer mit eingerissen“, sagt Timo Harland mit einem Schmunzeln. Er geht nach dem Abitur 1992 erst einmal in den Zivildienst und anschließend zum Jura-Studium nach Göttingen. „Während meiner einjährigen Wartezeit aufs Referendariat bin ich über verschiedene Praktika bei Crediteform gelandet. Anfang 2002 habe ich dann die Geschäftsführung am Standort Magdeburg übernommen. Und ich kann sagen: Das habe ich nie bereut.“
Seitdem blickt Timo Harland aus einem ganz bestimmten Winkel auf die Stadt, deren Wirtschaftskraft und Potenziale sowie auf die Menschen und Erfolge. „Das Stadtbild mit dem neuen Blauen Bock, der neuen Brücke, dem Stadion, der Getec-Arena, dem Hundertwasserhaus und, und, und – das ist aus meiner Sicht extrem positiv. Das sieht gut aus, das wirkt. Und dann feiern wir inzwischen im Stadion und in der Getec-Arena allergrößte, sportliche Erfolge. Das schätze ich für die Außenwirkung Magdeburgs sehr hoch ein, was übrigens für alle Sporterfolge gilt, die von hier kommen.“ Bezogen auf die Wirtschaft sieht er, verglichen mit „dem Westen“, noch Unterschiede. „Es fehlen einfach mehrere Jahrzehnte freie Wirtschaft und es fehlt beispielsweise Vermögen, das vererbt wird. Auch, wenn das nur ein kleiner Ausschnitt ist, den ich da betrachte.“ Magdeburg sei ein „hochinteressanter Standort“, nicht nur wegen der guten Verkehrsanbindung, sagt Timo Harland. Und er sagt auch: „Um all die Potenziale bestmöglich zu nutzen, braucht es auch Menschen aus dem Ausland. Mit Blick auf die Wahlergebnisse mache ich mir da allerdings ein wenig Sorgen.“ Trotzdem beschreibt er sein Magdeburg Fremden gegenüber gern als „lebendig und offen“. Aus dem eigenen Erleben und aus fester Überzeugung heraus.