Geliebte Wasser-Grün-Verbindung
Prof. Dr. Petra Schneider
Die Erinnerungen von Petra Schneider an den Mauerfall am 9. November 1989 sind an ein Foto aus dieser Zeit geknüpft. Es zeigt die Professorin für Internationale Wasserwirtschaft des Fachbereichs Wasser, Umwelt, Bau und Sicherheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal kurz nach diesem historischen Tag gemeinsam mit vier Kommilitonen und Kommilitoninnen. Offensichtlich überglücklich hielten sie auf dieser analogen Schwarz-Weiß-Fotografie ihre Ausweise mit dem kurzzeitig noch benötigten Stempel für die BRD in die Kamera. „Ich war zu dieser Zeit am Anfang meines Studiums an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg“, erzählt die gebürtige Lausitzerin. „Als wir im Radio von der Maueröffnung hörten, sind wir gleich zur Polizei. Und da wurde seinerzeit gestempelt und gestempelt. Das war ein Massenansturm. Erst haben sie noch 20 Mark genommen, dann haben sie das Geldkassieren aus Zeitgründen eingestellt.“ Sie waren „Stolz wie Bolle“, sagt die Diplom-Geologin. „Wir sind dann gleich rüber in den Westen.“ Jener „mysteriöse“ Teil Deutschlands, der für Petra Schneider und die anderen „hinter dem Zaun“ lag und eine große Unbekannte war.
Petra Schneider wird 1970 in Hoyerswerda geboren, das heute in Sachsen liegt. Noch zu DDR-Zeiten absolvierte sie eine duale Ausbildung zur Geologiefacharbeiterin mit Abitur beim VEB Braunkohlenbohrungen und Schachtbau Welzow. „Ich habe als junges Mädchen auf der Bohranlage gewohnt und Erkundungen gemacht“, beschreibt sie die Zeit damals. „Vom VEB aus wurde ich dann zum Studium delegiert.“ Nach der Wende erhielt sie die Auflösung des Delegierungsvertrags. Das Geologie-Studium in Freiberg lief unter den neuen Bedingungen weiter. „Parallel erwarb ich dann noch Abschlüsse als geowissenschaftliche Fachübersetzerin für Russisch, Englisch und Spanisch.“ 1994 hat sie ihr Diplom in der Tasche, ihre Arbeit drehte sich um das Thema Uranbergbausanierung. Eine Expertise, die die junge Frau kurz danach bis 1996 nach Bayreuth in Bayern verschlug. In den Folgejahren machte Petra Schneider vieles; ihr Know-how über Uranbergbausanierung und Braunkohlebergbausanierung war gefragt. „Ich war 20 Jahre in der Wirtschaft, davon acht Jahre mit mehreren Partnern im eigenen Ingenieurbüro in Chemnitz“, berichtet sie. Erste Hochschulluft schnupperte Petra Schneider 1999 in Zittau, wo sie Gastdozentin war. „Das hat mir gut gefallen und ich hatte das langfristige Ziel, an eine Hochschule für angewandte Wissenschaften zu gehen.“ 2006 promovierte sie berufsbegleitend an der Bergakademie Freiberg. Ihr Spezialgebiet: Hydrogeologie.
2015 bewarb sich Petra Schneider erfolgreich auf eine Stellenausschreibung der hiesigen Hochschule. „Ich las ‚Professorin für Internationale Wasserwirtschaft‘ und dachte: Hey, das muss für mich sein.“ Seitdem leitet sie den Masterstudiengang „Ingenieurökologie“ und ist im Magdeburger Stadtteil Cracau zu Hause. „Ich liebe es, zu Fuß zur Arbeit zu gehen. Und ich liebe hier die Verbindung von Wasser und Grün.“ Zwar, so ordnet die Hochschulprofessorin ein, sei Magdeburg im Vergleich zu anderen Städten „unspektakulär“, aber sie habe ihr und ihrem mitgekommenen Lebensgefährten „von Anfang an gefallen“. Die Uhren gingen hier gefühlt etwas langsamer. Der oft gehörte Satz „Nu‘ machen’se mal keen Stress“ bilde das Gefühl gut ab.
Ohne die Grenzöffnung vor 35 Jahren wäre Petra Schneider, die auch öffentlich bestellte Sachverständige für die Erkundung, Sanierung und Bewertung von Altlasten ist, wohl noch immer in der Lausitz. „Ich hätte wohl weiter Lagerstätten erkundet, wäre mit dem Bohrwagen rumgefahren, hätte Bohrkerne interpretiert und Zeichnungen gemacht.“ Aber irgendwann, so denkt sie, hätte sie die immer viel zu kohlestaubige, dreckige Heimat wahrscheinlich doch verlassen. Die Wiedervereinigung und all die Chancen und offenen Türen kamen zur rechten Zeit. Vor zehn Jahren gingen Petra Schneider und ihr langjähriger Partner skeptisch und neugierig zugleich durch die „Magdeburg-Tür“. Heute sagt die Professorin: „Für mich stimmt hier das Setting. Und nein, ich bewerbe mich nicht weg. Ich bin angekommen und habe es keine Minute bereut.“
Hier ist zusammen, was zusammen gehört
Otmar Schork
Otmar Schork und der 1. FC Magdeburg – das gehört einfach zusammen. Der Sportchef ist längst tief in das blau-weiße Lebensgefühl eingetaucht und schreibt seit Herbst 2020 entscheidend an der Erfolgsgeschichte des Clubs mit. Dabei: Eine langfristige Verbindung war ursprünglich nicht geplant, als der gebürtige Hesse nach Magdeburg kommt. Einige Monate möchte Otmar Schork damals bleiben, Impulse setzen – getragen von dem festen Glauben an das Potenzial eines Fußballvereins, den er von Anfang an als „etwas ganz Besonderes“ empfindet. „Der FCM befand sich damals in einer sportlich sehr schwierigen Situation“, erinnert er sich. „Der Club stand auf dem vorletzten Tabellenplatz in der 3. Liga – also kurz vor dem Abstieg in die Regionalliga.“ Der drohende Abstieg kann abgewendet werden. Mit dem Klassenerhalt gelingt es, erste Weichen für den sportlichen Neuaufbau zu stellen. Für Otmar Schork beginnt damit seine eigene Geschichte beim FCM.
Erstmals kehrt der Mann mit der gefragten Expertise seiner Heimatregion langfristig den Rücken. Der gelernte Versicherungskaufmann war einst selbst aktiver Spieler, bekleidete verantwortungsvolle Positionen beim FC Erbach, VfR Bürstadt und SV Sandhausen. Obwohl tief in der Region Heidelberg verwurzelt, fühlt er sich in Magdeburg von Beginn an zuhause. Neben den Spielern und dem Verein sind es vor allem die Magdeburger, die ihn schnell Fuß fassen lassen. „Die Menschen hier leben und lieben den Fußball und unseren FCM. Das inspiriert und motiviert mich sehr. Es macht mir einfach großen Spaß, für diesen Club zu arbeiten“, sagt der Sportchef.
Doch der Neustart in Magdeburg ist nicht durchweg positiv: Die ersten Monate sind stark von der Corona-Pandemie geprägt. Die sportliche Talfahrt erschwert es, im Verein eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Zudem ist seine Familie weit entfernt. Aber Otmar Schork ist keiner, der den Kopf hängen lässt. Er tut 2020 das, was ihn auszeichnet: Er krempelt die Ärmel hoch und konzentriert sich auf die Arbeit, verfolgt seine: den Traditionsverein zurück auf die Erfolgsspur zu bringen. Das gelingt. Im Februar 2021 wird Christian Titz als Cheftrainer verpflichtet. Mit ihm bildet Schork ein ideales Duo, das den FCM stabilisiert und Schritt für Schritt weiterentwickelt. Bereits eine Saison später ist der Club wieder zurück in der 2. Bundesliga. Solche Erfolge bleiben in Fußball-Kreisen nicht unbeachtet. Wer erfolgreich ist, wird umworben – auch Otmar Schork erhält regelmäßig Angebote anderer Vereine. Doch: „Flatterhaftigkeit ist nicht mein Ding“, sagt er. „Wer mich kennt, weiß, dass mir Ausdauer, Kontinuität, Teamgeist und Zusammenhalt – gerade in schwierigen Zeiten – sehr wichtig sind.“
Von Anfang an hat sich Schork auch auf seine neue Heimat eingelassen. Wenn er heute auf das Magdeburg seiner Anfangszeit zurückblickt, fällt ihm vor allem auf, wie sehr sich die Stadt positiv verändert hat. Neue Gebäude, modernisierte Straßenzüge, lebendige Kieze – all das begeistert ihn ebenso wie die vielen Grünflächen, unberührte Natur und die neuen Rad- und Gehwege entlang der Elbe. Und natürlich schätzt er Magdeburg auch als Sportstadt: „Der FCM war zu DDR-Zeiten eine der erfolgreichsten Mannschaften, hat 1974 den Europapokal gewonnen, Meisterschaften und FDGB-Pokalsiege nach Magdeburg geholt. Die Handball-Teams, Schwimmer und Ruderer sind sehr erfolgreich – und doch sind keine Missgunst, keine Rivalitäten zu spüren.“ Eher Momente, die bleiben. Sportlich sind es für Otmar Schork „auf jeden Fall die großen Erfolge des FCM“ und auch der Olympiasieg von Lukas Märtens 2024, als fast die ganze Stadt mitfeierte. Und politisch? Der 3. Oktober 1990. „Mit diesem Tag hatten alle Menschen die Möglichkeit, sich frei und ohne Grenzen in Deutschland zu bewegen“, sagt Schork. Dieser Tag wurde für ihn zum Wegbereiter nach Magdeburg – einer Stadt, die er heute als zweite Heimat empfindet und in der er großes Entwicklungspotenzial sieht. Ob im Sport oder im Stadtbild: Stillstand passt nicht zu Otmar Schork.