Wir haben alle auf was Neues gewartet
Kirstin Pahl
Eifrig und mit einem klaren Ziel im Kopf, steckt Kirstin Pahl mitten im Studium an der Universität „Otto von Guericke“ in Magdeburg, als am 9. November 1989 die Mauer fällt. Top ausgebildet in Maschinenbau/Verfahrenstechnik, will sie danach gern Karriere im Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (SKET) oder dem VEB Schwermaschinenbau „Karl Liebknecht“ (SKL) machen – seinerzeit die Wirtschaftsschwergewichte in ihrer Wahlheimatstadt Magdeburg. „Das war zumindest mein Plan“, sagt die gebürtige Harzerin heute mit einem Schmunzeln. Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten lässt die Vorhaben von Kirstin Pahl, die in Benneckenstein aufgewachsen ist und in Wernigerode Abitur gemacht hat, null und nichtig werden. „Aber ich habe zu Ende studiert, das war mir wichtig. Sehr viele in meinem Umfeld haben den Umbruch genutzt, um sofort etwas völlig anderes zu tun. Aber ich hatte bisher keine berufliche Ausbildung, also habe ich das Studium durchgezogen.“
1993 wird sie fertig – und findet sich in einer sehr angespannten Arbeitsmarktsituation wieder. Kirstin Pahl bekommt erst einmal keinen Job. Über das Arbeitsamt entschließt sie sich zu einer Umschulung beziehungsweise Weiterbildung. „Der Maschinenbau in Magdeburg war ja inzwischen komplett zusammengebrochen. Da bin ich in Richtung Versorgungstechnik gegangen, was ein absolut richtiger Schritt war“, berichtet die Diplom-Ingenieurin über ihre berufliche Neuorientierung. Und die hat auch mental stattgefunden. „Ich denke, wir haben in der DDR in geordneten Verhältnissen gelebt. Doch wir haben alle auf etwas Neues gewartet“, sagt Kirstin Pahl. Als die Mauer fällt, machen sich „berechtigte Ängste“ unter den Menschen breit. „Gerade die Arbeitswelt stand plötzlich Kopf. Das habe ich ja selbst auch erlebt.“ Doch statt limitierter Konsum ist da jetzt Überfluss. „1992 haben wir als Familie unsere erste Flugreise nach Tunesien gemacht. Unvergesslich. Die neue Reisefreiheit war wirklich etwas tolles.“
Auch beruflich geht es für die heute dreifache Mutter ab Mitte der 1990er Jahre bergauf. Sie arbeitet zunächst für sieben Jahre in einem kleinen Ingenieurbüro in Westeregeln im Salzlandkreis und kommt im Jahr 2000 zur iwb Ingenieurgesellschaft mbH (heute iwb Ingenieure Energie GmbH & Co. KG) nach Magdeburg. In dem bundesweit agierenden Unternehmen mit acht Standorten klettert Kirstin Pahl die Karriereleiter hoch – von der Konstrukteurin zur Geschäftsführerin. Mittlerweile arbeiten in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt 20 Männer und Frauen, die sich um alle Objekt- und Fachplanungen der technischen Ausrüstung kümmern. Am sich stetig verändernden Magdeburg haben die Expertinnen und Experten von iwb tüchtig mitgewirkt. Die Chefin nennt ein paar bekannte Beispiele: „Mitbeteiligt waren oder sind wir am Bau des Jahrtausendturms, an der Renaturierung der Deponie Cracauer Anger, der Modernisierung der Beimssiedlung, am Neubau von IKEA, an der aktuell laufenden Sanierung der Stadthalle und an der Quartiersentwicklung in der Innenstadt rund um den Dom.“ Als Unternehmen legt iwb großen Wert auf ein soziales, gesellschaftliches, kulturelles und sportliches Engagement.
Magdeburg habe als Stadt in den vergangenen Jahren einen tollen Entwicklungsprozess mitgemacht. „Es ist viel neu gebaut, und auch viel saniert und erhalten worden“, bekräftigt Kirstin Pahl, die seit nunmehr 25 Jahren in einem Haus im Stadtteil Alt-Olvenstedt wohnt. „Magdeburg hat auch diese gesunde Größe. Alles ist überschaubar, doch niemals langweilig.“ Die Diplom-Ingenieurin schätzt das breite kulturelle Angebot, das viele Grün und die guten Einkaufsmöglichkeiten. „Ich bin oft in Berlin oder Hamburg, aber tauschen möchte ich nicht. Ich genieße hier in Magdeburg die Übersichtlichkeit und kurzen Wege in der Stadt und auch das ruhigere Fahrwasser.“
35 Jahre nach der Wende sieht Kirstin Pahl eine „große Annäherung“, trotzdem noch keine endgültige Vereinigung. „Wenn die Menschen nicht mehr da sind, die über das frühere Ost und West sprechen, dann wird das sicher ganz schnell gehen.“ Und ergänzt, dass sie froh ist, in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem die Herkunft überhaupt keine Rolle spielt. Und ganz sicher wird auch Magdeburg als „kleine Großstadt“ aus dem Osten weiter ihren positiven Weg machen.
Magdeburg und die Region haben so viel Potenzial
Andreas Smykalla
Andreas Smykallas Weg nach Magdeburg war umwegig und doch irgendwie vorgezeichnet. Er erinnert sich an frühe Besuche: „Wir lebten als schlesische Spätaussiedler seit 1987 in Braunschweig. Traum meines Opas war es, die Stadt Magdeburg zu besuchen. Er hatte einst beim Studium in Dresden eine Magdeburgerin als Freundin gehabt. Also erfüllten wir Opas Traum, am Dom einen Kaffee zu trinken, im Dezember 89. Im Cafe wurden wir vom selbst gewählten Tisch an den Eingang zurückbeordert – und bekamen den Tisch dann offiziell zugewiesen. So förmlich ging es zu in der DDR. Und die Fahrt über Landstraße zeigte ein damals graues Land.“ Doch die Elbe und der Dom fand Smykalla schon beeindruckend schön. Nach der Wende ging er zur Schule in Braunschweig. „Dann ging ich als Zeitsoldat vier Jahre zur Marine. Ich wollte die Welt sehen und mich abnabeln. Anschließend habe ich das Abi nachgeholt, bei Mercedes eine Ausbildung gemacht und die Autoliebe für mich entdeckt. So arbeite ich seither mit Autos. Von Mercedes ging es zu VW, dann zu Audi, Jaguar und schließlich zu Porsche.“ Der begeisterungsfähige Manager erklärt: „Ich habe mich in die Marke und in die Stadt verliebt.“ Er hält es für keinen Zufall, dass es ihn hierher verschlug. Schon in den 1990ern fuhr er aus Braunschweig oft zum Feiern ins Space nach Magdeburg. Zwei Jahre pendelte er; nun lebt seine Familie hier: „Das Haus im Westen ist verkauft, wir wohnen wunderbar am Domplatz. Man spürt, dass es eine Stadt im Aufbruch ist, mit Menschen, die gastronomisch, sportlich und kulturell die Stadt vorantreiben.“
Wir liegen geographisch goldrichtig; hier sind gute Fachkräfte unterwegs. Sogar nach der Intel Absage bieten sich Chancen, dadurch dass die Flächen hergestellt sind.“ „Hier in Magdeburg ist so viel noch möglich, wir sollten uns mehr zutrauen, als es oft geschieht. Ich habe viele Menschen in der Region kennengelernt, denen es wirtschaftlich gut geht. Das gibt Zuversicht.
Sport ist eine alte Leidenschaft von ihm. Schon in Göttingen unterstützte er den Basketball, nun konnte er in den Vorstand der SBB Baskets eintreten. „Ich möchte die Vision 2030 mit dem Aufstieg in die 1.Bundesliga unterstützen. Magdeburg hat neben dem sensationellen Handball und dem aufstrebenden Fußball als Sportstadt auch Platz für hervorragenden Basketball. Dieser Sport ist im Aufwind, gerade durch die Erfolge der Nationalmannschaft. Der SBB hat mit der Teilnahme an den PlayOffs die Chance, den Aufstieg zu schaffen.“
Die Wende 89 hält Smykalla für ein großes Glück. „Ich erinnere mich, wie ich als kleines Kind in Ostberlin war. Wie grau war da alles, und die Bewaffneten an der Grenze. Dann der Tapetenwechsel bei der Fahrt nach Westberlin: alles bunt, mit CocaCola. Solche Eindrücke prägen einen. Ich freue mich, was nun alles möglich ist, hier.“ Den Vereinigungsprozess hält er noch nicht für abgeschlossen: „Vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt, klar Deutschland ist ein vereintes Land. Doch als ich in Magdeburg anfing, merkte ich, dass es doch noch ein Thema ist. Im Segelverein wird man als Neuer erst mal gemustert. An einem langen Abend mit Whisky brach das Eis, als einer der Älteren, der jetzt ein guter Freund ist, sagte: ‚Andreas, Du bist zwar ein Wessi, aber trotzdem in Ordnung.‘ Da merkt man, dass das Ost-West-Ding hier noch mehr Thema ist. Ich hoffe, in zehn Jahren ist dies dann kein Thema mehr.“
Magdeburg entwickelt sich aus seiner Sicht dynamisch: „Unser vor vier Jahren neu gebautes Autohaus ist schon wieder zu klein. Wir haben viele lokale Kunden und bedienen den Umkreis von 80 Kilometern mit. Wir übertreffen die Vorgaben der Porsche Zentrale. Das gibt Zuversicht! Wir sind ein tolles Team mit viel Herzblut.“ Auch persönlich fällt sein Fazit positiv aus: „Ich habe nie bereut, hierher zu kommen. Hier habe ich den Sport, vor allem Rennrad fahren wieder für mich entdeckt. Und die Stadt hat noch so viel Potenzial, gerade an der Elbe.“