Magdeburg bietet Freiraum für Ideen

Uwe Strehlow

 

Als die Menschen am 9. November 1989 voller Freude und Erleichterung über die innerdeutschen Grenzübergänge strömen, übermannen auch Uwe Strehlow und seine Frau vor dem heimischen Fernseher die Emotionen. „Wir haben gesessen und geheult vor Glück“, erinnert sich der Gründer und Geschäftsführer der Strehlow GmbH Magdeburg. „Es war ja im Grunde schon lange klar: So geht es nicht weiter. Alle waren unzufrieden.“ Uwe Strehlow ist ein Magdeburger Kind. Hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und studiert. „Ich bin einfach nicht weggekommen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Hierbleiben war angesagt. „Im August 1989 hatte ich in der Nähe von Magdeburg ein altes Bauernhaus gekauft. Als die Wende kam, war ich mit Abrissarbeiten beschäftigt.“ Deswegen, so sagt Uwe Strehlow heute, wisse er auch noch ganz genau, wie das Wetter am Tag des Mauerfalls war. „Kalt und Nieselregen. Richtig mies.“

Als die DDR bereits in ihren letzten Zügen liegt, zieht es den studierten Elektrotechniker in die Selbstständigkeit. „In der volkseigenen Industrie wollte ich meinen Weg nicht gehen“, sagt Uwe Strehlow. Weil er vor dem Studium auch eine Ausbildung im Elektromaschinenbau absolviert hat, fühlt er sich gut gerüstet, um auf eigenen Beinen zu stehen. Er träumt vom eigenen Elektrobetrieb, der ihm von der Regierung verweigert wird. „Und dann hat jemand zu mir gesagt, dass es hier niemanden gibt, der Rollstühle repariert.“ Im Dezember 1988 legt Uwe Strehlow auf dem Hinterhof eines Mietshauses im Stadtteil Neustadt los. Aus der One-Man-Show macht der Unternehmer einen deutschlandweit tätigen Vollversorger in der Gesundheits- und Medizinbranche. Eine Entwicklung, die sich wenige Monate vor der Grenzöffnung natürlich noch nicht abgezeichnet hat. „1991 habe ich meinen ersten Mitarbeiter eingestellt. Inzwischen arbeiten mehr als 1.000 Menschen für die Strehlow-Gruppe.“

Hauptstandort des Familienunternehmens ist Uwe Strehlows Geburts- und Heimatstadt Magdeburg. In der ersten Zeit nach der Wiedervereinigung betreibt der Unternehmer viel Akquise in den neuen Bundesländern. „Alle waren neugierig und sehr hilfsbereit“, erinnert er sich. „Obwohl der harte Wettbewerb schon in Gange war, war das sehr bereichernd. Die Kontakte von damals bestehen immer noch.“ Bis heute ist der Geschäftsmann, der nicht nur von seiner Frau, sondern inzwischen auch von seinen Kindern im Unternehmen unterstützt wird, viel auf Reisen. Dadurch habe er „dieses gewisse Heimatgefühl entwickelt“, betont er. „Immer wieder schön, nach Hause zu kommen.“ Magdeburg ist für ihn mehr als der Ort seines unternehmerischen Kerngeschäfts. „Die Stadt hat einfach Charme. Und sie ist nicht zu riesig. Hier geht niemand verloren. Und sie punktet natürlich mit der Lage am Fluss.“

Ist Deutschland ein vereintes Land? Uwe Strehlow sagt: „Es gibt diese zwei Lager. Das Lager, was die Einheit lebt, ist aus meiner Sicht größer.“ Dass es Unterschiede zwischen Ost und West gibt, sei normal. „Es gibt sie aber auch zwischen Nord und Süd. Lokale Bezüge gibt es immer.“ Ohne die Grenzöffnung vor 35 Jahren hätte Uwe Strehlow eine Nische für sein Unternehmertum gefunden, da ist er sich sicher. „Ich denke, uns wäre es immer gut gegangen. Natürlich auf einem anderen Level.“

Wo für Uwe Strehlow alles anfing, sieht er auch seine Zukunft. „Meine Kinder sind nachgerückt und darüber bin ich sehr glücklich.“ Obwohl sie Magdeburg für Ausbildung und Studium zeitweise den Rücken gekehrt haben, sind sie wieder da und arbeiten mit. „Sie haben in einem gewissen Spannungsfeld ihren Freiraum für ihre Ideen“, beschreibt Uwe Strehlow die Familienkonstellation auf der Leitungsebene des mittelständischen Handels- und Dienstleistungsunternehmens. Der Mittelstand ist für Uwe Strehlow der Jobmotor in Deutschland; jene Kraft, die Wirtschaftswachstum produziert. „Magdeburg ist einfach ein guter Ort für kleine und mittlere Unternehmen. Super Infrastruktur, schlaue Menschen. Wir leben und arbeiten sehr gern hier.“ 


Ein Herz für Nachhaltigkeit und Wissenschaft

Prof. Dr.-Ing. Gilian Gerke

 

Was verschlägt eine Rheinländerin an die Elbe und wie geht es ihr mit ihrem westdeutschen Hintergrund im Osten. Diese Fragen könnte man sich bei der Geschichte von Gilian Gerke stellen. Den Fall der Mauer hat sie während ihrer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin in Burscheid, im Bergischen Land, erlebt. Besonders erinnern kann sie sich noch an eine Karikatur im Kölner Stadtanzeiger: „Das war ein Bild von Honecker mit der Hand am Lichtschalter. Auf dem Teppich unter ihm stand ‚DDR - Der Letzte macht das Licht aus‘.“ Ansonsten war sie bis dahin nur einmal in Ost-Berlin gewesen, auf dem Weg zu ihrem Bruder in West-Berlin.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung hat sie in einer Apotheke in Aachen gearbeitet. Allerdings zog es sie immer mehr zu den Studierenden. „Ich bin ein ehrgeiziger Mensch und lerne wahnsinnig gerne, das mache ich immer noch. Von daher wollte ich unbedingt studieren und mich weiterentwickeln“, erzählt sie. „Ingenieurin klang spannend und bei der Studienberatung wurde mir dann die Abfallwirtschaft empfohlen. Das entsprach meiner Vorstellung, etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu tun, auf das ich später mit Stolz zurückblicken kann.“ Nach der Promotion ging sie nach Köln zum Grünen Punkt und hatte von da an beruflich viel in Ostdeutschland zu tun.

Der Wechsel von der Wirtschaft in die Lehre und vom Westen in den Osten war eher zufällig: „Ich habe nicht nach einer Professur gesucht und Magdeburg kannte ich nur privat von einem Ruder-Wander-Treffen am Mückenwirt in Buckau.“ Ein Kollege hatte sie auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht und sie fand das Thema der Kreislaufwirtschaft sehr interessant. Also entschied sie spontan, sich zu bewerben und sich möglicherweise auf einen neuen beruflichen Weg einzulassen. Das Vorstellungsgespräch war dann am 11.11., für eine Kölner Närrin ein ganz besonderes Datum. Fast 2 Jahre später, im Oktober 2012, ist sie dem Ruf zur Professur an die Hochschule Magdeburg-Stendal gefolgt.

Der Start an der Elbe war allerdings nicht ganz so einfach. „Die Magdeburger sind schon recht norddeutsch verschlossen und von der Mentalität her ganz anders als die Kölner“, lacht sie. „Diese Unterschiede habe ich anfangs verkannt, daher war es auch nicht einfach Anschluss zu finden und neue Freundschaften aufzubauen.“ Heute lebt sie sehr gern in Magdeburg und es gibt viele Orte, an denen sie unterwegs ist. Von ihrem ersten Eindruck des grauen und kaputten Stadtteils Buckau ist zum Glück nichts mehr übrig. „Magdeburg hat sich total positiv entwickelt. Wir haben einen wunderschönen Campus und tolle Projekte.“ Darüber hinaus ist sie gern im Kino oder einem der vielen Cafés und sie engagiert sich ehrenamtlich als Palliativbegleiterin bei den Pfeifferschen Stiftungen.

Was den Vergleich zwischen Ost und West betrifft, so gibt es aus ihrer Sicht noch immer Struktur- und Gehaltsunterschiede sowie verschiedene Mentalitäten und auch Vorbehalte. Diese haben vor allem mit den unterschiedlichen Prägungen zu tun und auch mit der allgemeinen Entwicklung Deutschlands: „Wir waren das Land der Dichter und Denker. Jetzt sind wir eher das Land der Verhinderer und der Stagnation. Wir müssen wieder wichtig werden für Deutschland, für Europa und für die Welt.“ Um dies zu erreichen, müssen wir zusammenhalten und gemeinsame Ideen und Ziele entwickeln.

Für die Zukunft wünscht sie sich als Professorin noch mehr Internationalität und Interdisziplinarität. „Gerade an der Hochschule hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan und ich konnte meinen Horizont nochmal erweitert. Diese Freiheit in Forschung und Lehre sowie die Arbeit mit den jungen Menschen macht einfach Spaß“, freut sie sich. Daher würde sie auch nicht woanders arbeiten wollen. „Meine Mutter sagt immer - ganz liebevoll - ich bin promovierte Müllologin. Aber ich finde das Thema einfach spannend und ich liebe Abfall, denn das was wir wegwerfen, ist ein Spiegel unserer Kultur.“ Von daher wird es ihr weder beruflich noch privat in Magdeburg nicht langweilig werden.