Magdeburg und Pfeiffers gehören zusammen

Ulrike Petermann

 

Ulrike Petermann ist in Halle geboren und war am 9. November 1989 gerade 14 Jahre alt. Als junges Mädchen erlebte sie diese Zeit als sehr spannend und euphorisch und doch ganz anders als wohl die meisten Menschen in den neuen Bundesländern. „Ich komme aus einer Unternehmerfamilie“, erzählt sie voller Stolz. Die Eltern ihres Stiefvaters haben das Unternehmen Kathi aufgebaut und erfolgreich gemacht. In den 1970er Jahren wurden sie enteignet. Von daher gab es nach der Wende vor allem ein Thema in der Familie: „Wie können wir das Unternehmen zurückbekommen und reprivatisieren.“ Sie kannte noch die Gründerin Käthe Thiele, die alten Gebäude, Bilder und Geschichten. Das alles hatte einen großen emotionalen Wert für sie, brachte aber auch Verantwortung mit sich. „Bei uns in der Familie war sofort ein großes Gefühl von Aufbruchstimmung und neuen Chancen zu spüren“, erinnert sie sich. Daneben bekam sie bei ihren Mitschülern auch das Gegenteil mit, wie deren Eltern ihre Arbeit verloren, das Geld knapp wurde, eine gewisse Verunsicherung und Depression einsetzte. „Das war schon ein schwieriges Spannungsverhältnis, in dem ich irgendwie klarkommen und meinen Platz finden musste.“

Diese Phase hat sie stark geprägt und ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Um sich selbst und ihren eigenen Weg zu finden, ist sie nach dem Abitur erstmal für ein Jahr ins Ausland gegangen. „Ich wollte die Welt sehen, Sprachen lernen, neue Dinge ausprobieren und Erfahrungen sammeln“, fasst sie diese „Pause“ zusammen. „Daher war es ein großes Glück für mich, raus zu können und mich einzuordnen – wo komme ich her und wohin gehe ich gern zurück.“ Wieder in Deutschland entschied sie sich, ihrem Plan zu folgen und Theologie zu studieren: „Eigentlich wollte ich gern Pfarrerin werden.“ Aber wie das mit Plänen ist, manchmal kommt es anders als man denkt und so hat sie schon während des Studiums wieder im Familienunternehmen mitgearbeitet. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich ganz in das Unternehmen einzusteigen. „Gottesdienste habe ich dann nur noch ehrenamtlich gehalten und mache das bis heute.“ Hauptberuflich ist sie in die Wirtschaft gewechselt und dort mittlerweile auch außerhalb des Familienbetriebes überaus erfolgreich.

Raus aus der Kathi-Familientradition ist sie über das Diakonie-Werk in Halle und eine Anstellung im Bereich Marketing, Kommunikation und Fundraising dann zu den Pfeifferschen Stiftungen gekommen. „Der wichtigste Grund mich neu zu orientieren war, dass ich hier aus beiden Welten das Beste einbringen kann: Das Unternehmerkind auf der einen Seite und die Theologin auf der anderen Seite“, fasst sie ihre damalige Entscheidung zusammen. Nachdem sie von 2010 – 2019 schon einmal für neun Jahre in der Stabsstelle Unternehmenskommunikation bei den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg tätig war, ist sie seit dem letzten Jahr als Theologische Vorständin zurück in der Landeshauptstadt. „Nur allein in den fünf Jahren hat sich Magdeburg noch einmal stark verändert“, freut sie sich. „Die Stadt ist viel moderner, weltgewandter und gefühlt irgendwie größer geworden. Auch kulturell braucht sich Magdeburg nicht mehr zu verstecken, sondern hat eine große Bandbreite zu bieten“ und das aus dem Mund einer Hallenserin.

Die letzten Monate waren beruflich sehr herausfordernd für Ulrike Petermann. Umso stolzer ist sie, es geschafft zu haben und die Pfeifferschen Stiftungen wieder in besseren Zeiten zu wissen: „Die Stiftungen sind als Komplexträger mit vielen unterschiedlichen Versorgungsbereichen sehr eng mit der Stadt verbunden. Daher freut es mich sehr, dass wir diese Kompetenzen für die Menschen vor Ort erhalten konnten.“ Krisen sind immer auch eine Chance, Dinge anders zu betrachten und neu zu bewerten. Dieses „Brennglas“, wie sie es nennt, führt dazu, dass man Probleme direkt anspricht, aus Fehlern lernt, gemeinsam Lösungen sucht und dabei zusammenwächst. Das alles hätte sie ohne ihr Team aber nicht geschafft! Aufgrund dieser Erfahrungen schaut sie jetzt optimistisch in die Zukunft der Stiftungen und ihrer Stadt.


Magdeburg hat Raum zur individuellen Entfaltung

Simon Becker

 

Simon Becker ist ein Hansdampf in allen Gassen. Er ist Musiker, Manager und Mitbegründer der Villa Wertvoll – aber eigentlich ist er vor allem unheimlich neugierig, abenteuerlustig, kontaktfreudig und engagiert. Geboren im hohen Norden zog es ihn zwischenzeitlich für ein freiwilliges Jahr ganz in den Süden an den Rand der Alpen und später für ein Studium an einem kleinen Theologischen Seminar in die Nähe von Köln, bevor er 2008 in der Mitte Deutschlands hängenblieb. Magdeburg kannte er als gebürtiger Kieler bis dahin nur vom Handball und als stetigen Gegner des THW Kiel. „Ich wusste überhaupt nicht, wo die Stadt wirklich liegt, wofür sie steht und was sie für Potenzial hat“, sagt er heute. Er wusste nur, dass der Pfarrerberuf doch nichts für ihn ist und er sich lieber selbständig machen und als Musiker arbeiten wollte. Ein Kommilitone wurde dann Pastor in einer Gemeinde in Magdeburg und hat ihm von der Stadt vorgeschwärmt. „Er hat mir erzählt, was man in Magdeburg alles machen und wie man die Stadt noch gestalten kann“ erinnert er sich. „Das fand ich total spannend und von daher habe ich mich entschieden, hierher zu ziehen.“

Die Liebe zur Musik hat er von seiner Großmutter, die ihm als kleiner Junge das Klavierspielen beigebracht hat. Sie war schon damals überzeugt von seiner Begabung, sah seine Leidenschaft und hat ihn sehr gefördert. Ihm selber ist diese tiefe Verbindung erst klargeworden, als er im Teenageralter mit dem Songwriting anfing und später auch Gesangsuntergericht nahm. In Magdeburg machte er dieses Hobby zum Beruf, trat in den ersten Jahren in gefühlt jeder Kneipe auf und kam mit vielen Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt. Aus dem ganz persönlichen Antrieb heraus, neue Leute kennenzulernen und als Musiker Fuß zu fassen, sind nachhaltige Netzwerke entstanden, wie zum Beispiel das Kulturkollektiv, das es in neuer Trägerschaft noch immer in Stadtfeld gibt. „Ich musste mir damals alles selbst erarbeiten. Heute haben diese vielen kleinen Inseln in der Kulturszene eine Verbindung, die es für Künstlerinnen und Künstler deutlich einfachen macht“, erzählt er und freut sich über diese Entwicklung und das neue Netzwerk in der Freien Kulturszene.

Über den Trägerverein Sunrise e.V. entwickelten sich mit der Zeit immer mehr Projekte und die verschiedensten gemeinnützigen Ideen wurden umgesetzt. Ein ganz besonderes Projekt, was in dieser Gemeinschaft junger, engagierter Menschen seinen Höhepunkt gefunden hat, ist die Villa Wertvoll. „Das ist ein Kinder- und Jugendkulturhaus in Magdeburg Neue Neustadt, in dem wir künstlerische Workshops für 3- bis 17-Jährige in den Bereichen Tanz, Theater, Tonstudio, Film- und Kunstkurse anbieten“, erklärt er sein Herzensprojekt. „Wir laden Kinder und Jugendliche zu uns ein, kostenlos an diesen Workshops teilzunehmen und die Ergebnisse dann am Ende gemeinsam im großen Rahmen zu präsentieren.“ Auf diesem Weg wollen sie den Kindern zeigen, wie wertvoll sie sind und wie bedingungslos sie angenommen und geliebt werden, egal aus welchem Umfeld sie kommen. „Damit wollen wir die Selbstwirksamkeit und die Resilienz der Kinder stärken, damit sie ihre Zukunft und die Zukunft ihres Umfelds positiv gestalten können.“ Im September 2018 eröffnet, ist die Villa Wertvoll heute ein bundesweit anerkanntes Projekt mit überaus großer Resonanz.

Die Chance, dieses ganz besondere Konzept umsetzen zu können, ist für ihn sinnbildlich für Magdeburg: „Dieses Gefühl, hier etwas kreieren und schaffen zu können, hat mich damals schon gereizt. Andere Städte waren gefühlt schon so fertig, aber hier konnte man noch was bewegen und seinen Platz finden.“ Diese Potentiale und Freiräume sieht er auch heute noch in der Stadt. „Wie vor 17 Jahren gibt es in Magdeburg noch immer die Möglichkeit, neue Dinge zu gründen und Schätze zu heben“, ist er überzeugt. „Ich sehe hier noch Lücken und leere Häuser, die man bespielen kann, und ich sehe Menschen, die Ideen haben.“ Für ihn hat Magdeburg ganz viel Raum zur individuellen Entfaltung. Über dieses Engagement und die große Gemeinschaft hat er seine neue Heimat nicht nur besser kennen-, sondern auch lieben gelernt, sodass er sich heute ganz selbstverständlich als „Liedermacher aus Magdeburg“ bezeichnet.