Zwischen Umbruch und Aufbruch

Thomas Fischbeck

 

„Spannend“, „bewegend“, „einzigartig“ – so beschreibt Thomas Fischbeck die Zeit kurz nach der Wende. Damals arbeitet er in verantwortlicher Position in der Staatsbank in Magdeburg. Für den beruflichen Weg hat er ein paar Umwege genommen. Der Rechtsanwalt blickt mit Stolz auf seine Ausbildung als Maschinenbauer mit Abitur zurück. „Ich bin ein Thälmannwerker“, sagt er. Heute ist Thomas Fischbeck Sprecher des Vorstandes der MWG-Wohnungsgenossenschaft. Seit einer Reihen von Jahren gestaltet er das städtebauliche Gesicht seiner Heimatstadt mit – eine tiefe Verbundenheit, die einst entstanden ist, weil die Großeltern in Magdeburg zuhause waren.  Geboren in Dessau, wächst Thomas Fischbeck im brandenburgischen Bad Saarow auf, wo sein Vater als Arzt tätig war. Nach Ausbildung und Abitur zieht es ihn an die Universität Leipzig, wo er Wirtschaftsrecht studiert. Er macht schnell Karriere, ist mit 29 Jahren bereits Direktor der Staatsbank Filiale Magdeburg.

Dann kommt die Wende. Die Grenzen öffnen sich. „Ich war vor allem neugierig – wie es weitergeht, was nun alles möglich ist“, erinnert sich Thomas Fischbeck. Es geht rasant weiter: „In der ersten Zeit passierten fast täglich bisher unvorstellbare Dinge.“ Menschen betreten die Bank mit Koffern voller Geld, fragen: „Was mache ich jetzt mit meiner Ost-Mark?“ Für die Mitarbeiter der Staatsbank am Domplatz beginnt eine Zeit des Umbruchs und großer Herausforderung – mit vielen Unsicherheiten, aber auch mit Chancen. „Wir mussten unsere Verantwortung als Staatsbank für die Mark der DDR, die ja eine Binnenwährung war, neu definieren“, sagt er. Fischbeck erinnert sich an Fahrten mit seinem Chef, zehn Millionen D-Mark im Kofferraum in kleinen Banknoten für die Ausgabe am Schalter. So ist das damals. Er pendelt zwischen Magdeburg und Berlin, plant, verwirft, organisiert – bis er gemeinsam mit einem väterlichen Freund die Filiale der Deutsche Kreditbank in Magdeburg eröffnet – die erste private Bank ihrer Art in unserer Heimatstadt. Insgesamt durchläuft das Bankensystem einen massiven Umbruch - und das in kürzester Zeit.

„Machen, kämpfen, nicht aufgeben“: Dieses Motto begleitet ihn durch die Zeit des Wandels. Er wird nach Niedersachsen entsandt, kann dort dazulernen und Karriere machen, erhält sogar ein Angebot ins Ausland für eine Großbank zu gehen. Doch er entscheidet sich bewusst für Magdeburg: „Ich bin Magdeburger. Meine Familie lebt hier. Mein Herz hängt an dieser Stadt. Sie ist und bleibt meine Heimat.“ Diese Entscheidung hat er nie bereut. In den „bewegten Zeiten“ schlägt Thomas Fischbeck beruflich neue Wege ein, arbeitet als Jurist – bis der Ruf in den Vorstand einer Genossenschaft kommt. „Das hat sofort gepasst“, sagt er rückblickend. Die genossenschaftliche Idee überzeugt ihn sofort: das Miteinander und Füreinander, eine soziale Verantwortung, die Nähe zur Stadt und der Grundsatz, dass alle erwirtschafteten Mittel den Mitgliedern und damit auch Magdeburg zugutekommen, waren ausschlaggebend. „Was unseren Mitgliedern nutzt, stärkt letztlich auch die Stadt“, so Thomas Fischbeck.

Die MWG engagiert sich weit über das Wohnen hinaus: in Sportvereinen, in der Kultur, in sozialen Projekten – das gilt auch für die MWG-Stiftung und den MWG-Nachbarschaftsverein. Seit mehr als 20 Jahren bringt sich Thomas Fischbeck hier ein, begleitet viele städtebauliche Entwicklungen. Mit Beginn des Stadtumbaus Ende der 1990er-Jahre saniert die MWG die Bestände in den „Neubausiedlungen“, frischt Tausende Wohnungen wieder auf. Sie setzt in fast allen Stadtteilen auch Zeichen mit. Zudem prägen Großbauvorhaben wie das neue Domviertel oder das Luisencarré mit seinem Luisenturm in der Erzbergerstraße oder das MWG-Forum die jüngste Geschichte der zahlenmäßig größten Wohnungsgenossenschaft Sachsen-Anhalts. „Magdeburg ist heute eine andere Stadt, und die MWG hat mit dazu beigetragen“, sagt Thomas Fischbeck stolz. Stillstand? Keine Option: „Wir hören nicht auf, unsere Stadt noch schöner zu machen.“ Für die Zukunft sieht Fischbeck eine zentrale Aufgabe darin, den Menschen noch stärker ein echtes „Heimatgefühl“ und den Stolz darauf zu vermitteln. „Wir jedenfalls“, betont er, „werden nicht aufhören, die Schönheit unserer Stadt immer wieder aufs Neue erlebbar zu machen und den Mitgliedern der MWG ein gutes und sicheres Wohnen zu ermöglichen.“


Magdeburg bauen, denken, leben

Peter Lackner

 

Die letzten Tage vor dem Mauerfall erlebt Peter Lackner als Zeitsoldat in einer Bundeswehr-Kaserne. Noch heute ist er „aus tiefstem Herzen“ dankbar, dass die Revolution friedlich verlief. „Wir hatten damals Angst. Niemand wusste, was passieren wird“, erinnert sich der heutige Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Magdeburg mbH (Wobau). Seit 35 Jahren lebt Peter Lackner in Magdeburg – länger als irgendwo sonst. Hier ist er verwurzelt. Die Wende lenkt sein Leben in Richtung Elbestadt.

Geboren in Niedersachsen, wächst er in einem 1.500-Seelen-Ort nahe Celle auf. Die innerdeutsche Grenze liegt nicht weit entfernt. Die Verwandten in der DDR sind dagegen fast unerreichbar. Peter Lackner hat Kindheitserinnerungen an schmerzvolle Familien-Erfahrungen. Die Obrigkeit verweigert willkürlich Besuche auf die andere Seite, selbst bei Beerdigungen.

Als die Grenzen offen und die Chancen greifbar sind, wählt Peter Lackner Magdeburg als Studienort, kommt ohne Vorbehalte, dafür mit viel Neugier in die für ihn fremde Stadt. Kurz nach der Wiedervereinigung ist er der erste „Weststudent“, der in Magdeburg Bauingenieurwesen studiert. „Hier war vieles ganz anders“, sagt er. Doch der Niedersachse integriert sich schnell: Er spielt im regionalen Fußballverein, richtet mit seiner Freundin eine Wohnung in der Curiesiedlung her. Nach dem Studium bleibt er, steigt als Bauleiter bei einer Ingenieurgesellschaft ein. Es ist eine bewegte Zeit.

Der frischgebackene Ingenieur leitet sofort große Projekte, saniert die Kasernen, aus denen die russischen Soldaten abziehen – nicht nur in Magdeburg. Er ist viel unterwegs, kehrt schließlich aus Berlin nach Magdeburg zurück, um als Projektentwickler bei der Wobau zu arbeiten. „Es gab unheimlich viel zu tun“, erinnert sich Lackner. Parallel dazu absolviert er ein zweites Studium an der Hochschule Magdeburg-Stendal, wird Wirtschaftsingenieur. In seinen Arbeiten denkt er Magdeburgs Stadtumbau voraus. Seine Diplomarbeit behandelt die Aufwertung des Stadtteilts Neustädter Feld.

Als Deutschland ab 2001 in eine Phase wirtschaftlicher Stagnation rutscht, entscheidet sich Lackner für einen neuen Weg: Er wird Vorstand einer Wohnungsgenossenschaft in Minden, reiht sich von 2004 bis 2011 auf der Autobahn in den Pendlerstrom ein. Dann kehrt der Vater einer Tochter und eines Sohnes – beide in Magdeburg geboren – als Prokurist und Abteilungsleiter Technik zur Wobau zurück, genau in der Zeit, als der Katharinenturm entsteht. „Eine Riesenherausforderung“, wie er sagt.

Heute sieht der Wobau-Geschäftsführer viele herausragende Gebäude, Quartiere und Straßenzüge, die er und sein Team geprägt haben: „Ich bin sehr stolz darauf, was wir hier seit der Wende geleistet haben.“ Die Magdeburger Welle, das neue Domviertel, die Wobau-Zentrale in der ehemaligen Staatsbank oder die sanierte Beimssiedlung – sie alle tragen die Handschrift der Wobau – und sind nur ein paar Beispiele. Dazu kommt, dass die Wobau einen riesigen Bestand pflegt, sich auch in der Verantwortung sieht, guten, bezahlbaren Wohnraum bereitzustellen.

Die Wobau hat sich zudem als Treiber von Innovationen etabliert. Ein zukunftsweisendes Beispiel sind die energieautarken Reihenhäuser – für Peter Lackner sind sie ein „ökologisches Meisterwerk“, ein Modellvorhaben für das Wohnen und die Energiegewinnung von morgen. „Wir tun das vor allem, um neue Erkenntnisse zu erlangen“, sagt er. „Unsere Lösungen müssen Antworten auf die Fragen der Zeit finden.“

Auch persönlich übernimmt Lackner Verantwortung: etwa im Aufsichtsrat des 1. FC Magdeburg. Ein neues Projekt verbindet Wobau und Verein: Im Stadtzentrum entsteht eine Ausstellung mit Archiv zur blau-weißen Vereinsgeschichte. „So zeigen wir die Vereinskultur und Strahlkraft des FCM“, so Lackner. Diese Strahlkraft sieht er auch in der Stadt selbst. „An Magdeburg kommt man nicht vorbei“, sagt der Wobau-Chef. „Es liegt nun an uns allen, weiter zu zeigen, wie wir aufgestellt sind. Magdeburg wird sich weiter sehr gut entwickeln. Davon bin ich fest überzeugt.“