Dieser kleine Lotto-Laden war die bunte Welt

Sebastian Schulze

 

Alltagsleben im DDR-Grenzgebiet? Da hat Sebastian Schulze eigene Erinnerungen dran. Es sind die eines damals Zehnjährigen, der regelmäßig unter den gegebenen Umständen die beiden Großelternpaare im Sperrgebiet rund um Oebisfelde besucht. „Als die Mauer 1989 fiel, war ich gerade bei meiner Oma und wir sind ruckzuck über die Grenze“, erzählt der Architekt und gebürtige Magdeburger. „Und dann standen wir plötzlich in so einem kleinen Lotto-Laden und es war für mich die bunte Welt. Kaugummis, Lollis, Zeitschriften. Alles bunt und grell. Ich weiß es noch ganz genau.“ Auch bei Verwandten in Berlin ist er kurz danach mit seinen Eltern gewesen. „Es gibt ein Foto mit mir und einem winzigen Stück Mauer.“ Und in „seinem Kiez“, dem Neustädter Feld, hat Sebastian Schulze heute noch die schier unendlichen Menschenschlangen vor Augen. „Alle wollten in die Kaufhalle. Ich glaube, es war die erste in der Stadt, die auf Westprodukte umgestellt wurde.“

Der Architekt und Geschäftsführer der META architektur GmbH in Magdeburg sagt, er sei früher „etwas irritiert“ gewesen, dass es rund um die Wiedervereinigung zwei Daten gibt. „Da gibt es den 9. November und den 3. Oktober. Das eine ist das Absolute und das andere etwas politisch Formelles.“ Die ersten Jahre im wiedervereinigten Deutschland erlebt Sebastian Schulze als Kind und Teenager. 1998 macht er Abitur, studiert Architektur in Magdeburg, hängt seinen Master in Dessau dran und verabschiedet sich dann erst einmal aus seiner Heimatstadt – zumindest an den Werktagen unter der Woche. „Berlin, Nürnberg, München, Hamburg. Ich war mittendrin im Transaktionsbusiness und jeden Tag mit ganz vielen Excel-Tabellen beschäftigt. Dann wurde mir bewusst, dass ich nicht Architektur studiert habe, um Zahlen von rechts nach links zu schieben.“ Sebastian Schulze will gestalten. Machen. Kreativ sein. Und das im besten Fall in seiner Heimatstadt.

2009 gründet er mit Andreas Müller das Architekturbüro META und setzt das erste Großprojekt auf dem ehemaligen Schlachthofgelände um. Das oft zitierte Ost-West-Ding spielt im gut durchmischten META-Team keine Rolle. „Da gucken wir dann doch lieber darauf, was die Leute können“, sagt Schulze. Projektarbeit sei bis heute immer auch ein Stück weit Übersetzungsarbeit auf allen Ebenen. „Wenn du das Stadtbild durch dein Tun verändern willst, dann bist du zwar der kreative Gestalter, aber immer auch ein Vermittler zwischen Interessen und Zahlen. Ein sehr politisch geprägtes Feld.“

Magdeburg ist damals wie heute für den Gestalter urbaner Lebensräume der Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. „Natürlich ist die Stadt heute auf keinen Fall mehr die meiner Kindheit, doch sie ist die Stadt der Potenziale. Damals nach der Wende ebenso wie heute“, bekräftigt der zweifache Familienvater, der stets mit dem „Auge eines Architekten“ durch sein Magdeburg geht. Magdeburg, sagt Sebastian Schulze, sei über Jahrhunderte immer ein Vorreiter im Städtebau und eine Vorzeigestadt des Sozialismus gewesen. „Die BUGA brachte einen riesigen Schub. Das wird leider oft vergessen. Und das Hundertwasserhaus in der Innenstadt wurde ganz selbstverständlich als multifunktionales Gebäude mit enormen Strahlkraft etabliert.“

Für das, war architektonisch in Magdeburg geschieht beziehungsweise bereits geschehen ist, wünscht sich der ehrenamtliche Präsident des Rotary Clubs Magdeburg mehr Offenheit und Vertrauen von den Menschen. „Nicht gemeckert ist ja hier schon fast gelobt“, sagt er mit einem Schmunzeln. Sebastian Schulze weiß: „Magdeburg ist unglaublich attraktiv. Ich kenne viele, die vor Jahren beispielsweise nach Berlin gezogen und inzwischen wieder hier sind.“ In Zukunft könnte für heimatverliebte Rückkehrer auch das ehemalige Werksgelände des Reichsbahnausbesserungswerks, kurz RAW, interessant sein. Das META-Team rund um Sebastian Schulte steht an der Spitze dieser Quartiersentwicklung im Auftrag eines internationalen Investors. „Wir vereinen öffentliche Nutzung in den Denkmälern mit attraktivem Wohnen in den Neubauten“, verrät der Architekt. So, wie es in Magdeburg schon viele Male mit Erfolg gelungen ist.


Die DDR wäre implodiert

Dr. Karl Gerhold

 

Die DDR, sagt Dr. Karl Gerhold 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, sei ihm nie fremd gewesen. Der gebürtige Nordhesse Jahrgang 1950 hat im Zonenrandgebiet gelebt und ist schon als Schüler in Erfurt gewesen. „Mit geschmuggeltem Geld, um mir Bücher und eine Praktika-Kamera zu kaufen.“ Zudem wohnt ein Bruder seiner Frau damals in Leipzig. Aus diesen und anderen Gründen hat ihn der Mauerfall 1989 „sehr bewegt“. Als der studierte Volkswirt am 11. November 1989 zu einem Vortrag in den Norden Deutschlands aufbricht, brennt sich ein Bild fest. „Die A7 in Richtung Hamburg war voller Trabis. Das war sehr bewegend.“ Die Deutsche Einheit sei ein „großes Geschenk“, sagt der Vater dreier Töchter. „Der Eiserne Vorhang hat vieles zerschnitten und zerstört. Die DDR wäre implodiert. Ich habe schon zuvor mit meinen Studienkollegen darüber diskutiert, wann dieses Wirtschaftssystem zusammenbricht. Auf Dauer war das nicht tragfähig. Einige schätzten im Jahr 2000, andere 2020. 1990 hat keiner gesagt.“

Kurz nach dem 9. November 1989 wird seine Abteilung im Niedersächsischen Innenministerium in Hannover eine Art Kontaktstelle ins benachbarte Sachsen-Anhalt, das noch gar nicht existiert. „Im April 1990 haben wir unser Verbindungsbüro in der Magdeburger Hegelstraße eröffnet“, blickt der Ex-Politiker zurück. Einen Monat später wird Karl Gerhold offiziell Beauftragter des Landes Niedersachsen für Sachsen-Anhalt, um in der Causa „Regierungsbildung“ notwendige Verwaltungshilfe zu leisten. 1990 macht ihn der erste sachsen-anhaltische Ministerpräsident Gerd Gies zum Chef der Staatskanzlei in Magdeburg.

Karl Gerhold erlebt die erste Zeit nach der Wende auf der politischen Bühne und spricht heute von einem „Fenster der Geschichte“. „Ich war teilweise fassungslos über diverse Auflösungsprozesse. Bei aller Euphorie war das auch alles nicht einfach. Für niemanden. Viele Menschen haben viel verloren.“ Als die ersten Herausforderungen gemeistert und die grundlegenden Strukturen geschaffen sind, wechselt Karl Gerhold von der Politik in die freie Wirtschaft. 1993 gründet er die GETEC Gesellschaft für Energietechnik und –Management mbH, die 1996 zur GETEC AG umfirmiert wird. Die heute äußerst vielfältig aufgestellte GETEC GRUPPE mit einer ganzen Reihe von ortsansässigen Gesellschaften gestaltet Magdeburg entscheidend mit. Bis in die Gegenwart ist das so. „Diese Stadt liegt mir sehr am Herzen“, sagt der engagierte Investor. Ein aktuelles Beispiel ist das Altstadtquartier, früher Altstädtisches Krankenhaus in Magdeburg, die die Firmengruppe der GETEC Immobilien GmbH im Juni 2016 über eine Tochterfirma erwirbt. Das Ensemble mit seiner mehr als 200-jährigen Geschichte wird zu einem Musterbeispiel der Wiederbelebung eines historischen Standorts unter Berücksichtigung und Einbeziehung seiner Historie, vor allem mit Blick auf die Bausubstanz. Längst ist es eröffnet und in Betrieb.

„Sein Unternehmertum führt ihn seit jeher auch in die Gefilde des Sports, allen voran in die des Handballs. Obwohl ich ja mehr der Fußballer bin.“, lächelt er. GETEC ist der Hauptsponsor des national und international erfolgreichen Erstligisten SC Magdeburg, die Heimspielstätte trägt den Namen des Sponsors: GETEC-Arena. „Sport ist ein ganz zentrales und immens wichtiges Thema in Magdeburg“, weiß Karl Gerhold. „Das strahlt ja auch aus. Und für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet der Name auf den Trikots nicht nur Identifikation, sondern auch Motivation.“

Wirtschaftlich biete die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts beste Bedingungen. „Intel wäre eine Challenge gewesen“, sagt Karl Gerhold. Nun wird der damit in Verbindung stehende High-Tech-Park vor den Toren Magdeburg dennoch entwickelt und das sei richtig und wichtig. „Es wird Bereitschaft von Unternehmen geben, sich hier anzusiedeln. Auch, weil die Politik hier noch was erreichen will. In anderen deutschen Großstädten steckt man schon lange nicht mehr so viel Energie in Gewerbegebiete. Um Magdeburg mache ich mir gar keine Sorgen.“