Trabi-Geruch im Osten, Waschmittel im Westen
Annelie Mrowetz
Annelie Mrowetz ist ein Berliner Mädchen. Sie kommt in der Metropole zur Welt und wird da groß, „wo das DDR-Fernsehen sitzt“ – im Stadtteil Adlershof. „Mein Opa war Meteorologe und hat im DDR-Fernsehen das Wetter gemacht“, erzählt die Einkäuferin am Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und –automatisierung (IFF) in Magdeburg. Die Mauer trennt und prägt nicht nur Berlin; sie trennt und prägt auch die Familie von Annelie Mrowetz. „Im Juni 1961, also kurz vor Beginn des Mauerbaus im August, hat meine Oma einen Zettel auf den Tisch gelegt, in dem sie mitteilte, dass sie nach West-Berlin in eine Flüchtlingsunterkunft geht“, erzählt sie aus der Familiengeschichte. „Sie hat nur ihre jüngste Tochter mitgenommen, die damals zehn Jahre alt war. Meine Mutter war 21 und blieb im Osten.“ Von da an habe sie bis zum Mauerfall eine „West-Oma“ gehabt, die in den 70er und 80er Jahren regelmäßig zu Besuch gekommen ist und sie dadurch auch gelegentlich „kleine Sachen aus dem Westen“ genießen durfte.
Annelie Mrowetz erlebt die Umbrüche und den Mauerfall im pulsierenden Berlin. Sie geht einige Male auf Demos, sieht den ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, über den sie heute sagt, dass wir ihm viel zu verdanken haben. Weil sie in der DDR direkt nach der Schule kein Abitur machen darf, absolviert sie nach einer Lehre zum Wirtschaftskaufmann in Dresden ein Studium an der Fachschule für Binnenhandel, die größte Ausbildungseinrichtung ihrer Art in der DDR. „Ich erinnere mich auch, dass wir im Juni 1989 wegen des Geburtstags meiner Oma rüber nach West-Berlin wollten und einen Antrag gestellt haben“, berichtet sie. Obwohl nur wenige Monate vor der Grenzöffnung, sind die Entscheider in der DDR streng mit ihr. „Meine Mutter und meine Schwester durften, ich nicht.“ Erst als Annelie Mrowetz die Unterschrift ihres Fachschuldirektors besorgt, öffnet sich der Schlagbaum. „Ich war zwei Tage in Westberlin. Ich sah das Schloss Charlottenburg und wir waren beim Italiener essen. Und obwohl da ja nur diese Mauer war, roch der Osten nach Trabi und der Westen nach Waschmittel.“ In der Zeit um den 9. November 1989 arbeitet sie im Berliner Kohlehandel und bekommt am eigenen Leib mit, wie Betriebe und Firmen abgewickelt und runtergewirtschaftet wurden. „Wir hatten plötzlich West-Chefs und die waren protzig wie Könige. Ich wünschte, da wäre einiges anders gelaufen.“
Im Januar 1990 lernt sie in Berlin ihren späteren Mann und Vater ihrer Tochter kennen. Nach der Wende kommt sie durch seine Arbeit nach Magdeburg. „Ich war vor 1990 nie hier. Und das, obwohl meine Familie hier verwurzelt ist. Allerdings haben 1954 meine Großeltern Magdeburg verlassen, da war meine Mutter 14. Meine Urgroßeltern hatten in Stadtfeld einen Drogeriegroßhandel und in Sudenburg eine Drogerie.“ Rückblickend beschreibt Annelie Mrowetz das Magdeburg von 1990 als „mir zu der Zeit unbekannt, aber in Gedanken als nicht so schön“. Sechs Jahre pendelt ihr Mann zwischen Berlin und Magdeburg, erst 1997 zieht die Familie in ein Haus in Niederndodeleben, das im Magdeburger Speckgürtel liegt. „Anfangs hatte ich viel Heimweh, aber dann fing ich an, das Landleben zu genießen.“
Nach mehreren beruflichen Zwischenstationen macht sie eine Nachbarin 1999 auf eine Stelle im Fraunhofer-Institut aufmerksam. Seitdem kümmert sich Annelie Mrowetz um den Einkauf, besorgt von Schrauben, Papier bis zur Maschine und Roboterarme so ziemlich alles, was den Betrieb des renommierten Technologie- und Forschungsinstituts am Laufen hält. Magdeburg ist Heimat geworden. „Ich nehme hier ganz viel Kultur mit“, sagt die begeisterte Radfahrerin und Naturgenießerin. „Meine Tochter wohnt jetzt in Neukölln. Berlin ist heute schnell, laut und krachig. Das ist nicht mehr mein Ding.“
„Ich wohne heute in der Nähe vom Elberadweg. Einfach toll, dass ich mit dem Fahrrad durch das grüne Umland zur Arbeit fahren kann.“ Von den Menschen in Magdeburg wünscht sie sich weniger Negativität und Gemeckere und mehr Optimismus und Zuversicht. Lieber geht sie mit einem Lächeln durch die Stadt, in der sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert arbeitet und glücklich ist. „Ich lebe im Hier und Jetzt. Und das Hier und Jetzt ist Magdeburg.“
Nicht ohne ein „Neues Deutschland“ für 5 Pfennig
Ralf Steinmann
Im Wendejahr 1989 steht für Ralf Steinmann im westfälischen Münsterland die Abschlussfahrt als Zehntklässler an. London oder Berlin, inklusive Abstecher in den Ostteil der Stadt? Die Klasse soll abstimmen, der politisch sehr interessierte Ralf Steinmann entscheidet sich für Berlin. „Letztendlich gab es eine Pattsituation und die Lehrerin hat entschieden, dass wir im Mai 1989 in die geteilte Stadt fahren“, berichtet der heutige Niederlassungsleiter Portfolio der Ströer Deutsche Städte Medien GmbH für Magdeburg und Erfurt. „Der Tag im Osten war total spannend. Ich kann mich genau erinnern, wie einem die Unterschiede förmlich ins Auge gesprungen sind.“ Ralf Steinmann saugt das Anderssein von Ost-Berlin in sich auf. „Für mich war klar: Ich werde ohne ein Exemplar ‚Neues Deutschland‘ auf keinen Fall zurückfahren.“ Am Alexanderplatz kauft er sich dann die Tagesausgabe der bekannten Zeitung in der DDR. „Für wenige Pfennige. Ich glaube, es waren 5. Das war völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft.“ Ebenso wie der Fall der Mauer am 9. November 1989, kurz nach der Klassenfahrt. Seitdem wächst für den gebürtigen Westfalen Stück für Stück zusammen, was zusammengehört.
Ralf Steinmann wird 1972 geboren und wächst in Laer im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen auf. Er lässt sich zum Kfz-Elektriker ausbilden und macht dann auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur. 1994 lernt er in Münster die „Liebe seines Lebens“ kennen, wie er sagt. „Meine Frau war damals aus Dessau-Roßlau für die Ausbildung zu uns in die Region gekommen“, erzählt er. „Hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben, wir wären uns nie über den Weg gelaufen.“ Über sie und ihre Familie in Sachsen-Anhalt ist Ralf Steinmann Mitte der 1990er Jahre plötzlich ganz nah dran an all den Umbrüchen. „Es baute sich ja im Osten ein neues Gesellschaftssystem auf“, betont er. „Für die Menschen hat sich die Welt verändert. Ich habe das damals hautnah mitbekommen.“
Er und seine Frau gehen nach Gießen, wo er ein Studium der Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Volkswirtschaftslehre und öffentliches Recht erfolgreich absolviert. Über Fulda geht es im Herbst 2002 nach Düsseldorf. „Ich habe bei Rheinmetall ein einjähriges PR-Volontariat gemacht und bin im Anschluss daran nach Magdeburg gegangen.“ Ralf Steinmann wird Pressesprecher der Magdeburg Marketing Kongress und Tourismus GmbH, kurz MMKT, und kann mehr als ein Jahrzehnt in einem „spannenden Netzwerk vieler Akteure“ die Stadt mitgestalten und entwickeln, vor allem touristisch. „Wenn ich mir überlege, dass es 2003 überhaupt kein Problem war, in der Innenstadt von Magdeburg entspannt einen Parkplatz zu finden … Das kannte ich einfach gar nicht“, erinnert er sich.
Innerhalb der MMKT geht Ralf Steinmann seinen Weg, der ihn auch zum Marketingleiter und 2014 für zehn Monate zum Interimsgeschäftsführer macht. Ihn fasziniert Magdeburg als „Stadt der Kontraste“ bis heute. Die Entwicklungen, so der Diplom-Sozialwissenschaftler, seien enorm. „In meiner MMKT-Zeit haben so viele Akteure an einem Strang gezogen. Hundertwasserhaus, Domplatz, Festungsanlagen, Ottostadt-Kampagne und, und, und. Ich bin wirklich stolz, dass ich da mitgearbeitet und mitgewirkt habe. Und es war eine Freude, die Touristen- und Übernachtungszahlen stetig steigen zu sehen.“
Im März 2015 wechselt er zur Ströer-Gruppe. Das Medienhaus mit Hauptsitz in Köln spezialisiert sich auf Außenmedien, Online- und Dialogmarketing. „Durch meine Position als Leiter der Niederlassung in Magdeburg habe ich auch nach meinem Wechsel nie den Bezug zur Stadt und seinen Akteuren verloren“, sagt Ralf Steinmann, der sich auch ehrenamtlich als Vorstandsmitglied im Presseclub Magdeburg engagiert. „Dass Magdeburg auch international mehr Aufmerksamkeit bekommt, hat das Beispiel Intel gezeigt. Seitdem werden die Ottostadt und das Land Sachsen-Anhalt noch einmal ganz anders wahrgenommen.“ Es geht vorwärts.