Chancen ergreifen in Zeiten des Aufbruchs

Dirk Bartens

 


Als die Wende Deutschland verändert, ist Dirk Bartens Anfang 20, frischgebackener Vater, hat Kybernetik studiert, in einer Forschungsstelle gearbeitet und Verantwortung im Traktorenwerk Schönebeck übernommen. Als die Mauer fällt, steckt er mitten im Umzug, baut eine Wohnung aus – und beobachtet das historische Geschehen mit Ehrfurcht statt Euphorie.
„Ich hatte großen Respekt vor dem Ungewissen, doch auch gesehen, wie viele Chancen sich plötzlich boten“, erinnert er sich.

Mit dem „Westen“ hat Dirk Bartens zu DDR-Zeiten kaum Berührungspunkte. Weit gereist ist er dennoch: Er spielt an der Uni Basketball. Als Erstligist kommt das Team damals viel im osteuropäischen Raum herum. „Vielleicht lag es an meinen Wissenschaftsgenen – ich war eher pragmatisch eingestellt“, sagt der Magdeburger. Deshalb reiht er sich auch nicht in die ersten „Grenz-Konvois“ ein. Seine erste Westreise führt ihn Wochen später schnurstracks in einen Baumarkt: Fliesen kaufen.

Und doch: Als am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit vollzogen wird, spürt Bartens eine „positive Unruhe“. Er erinnert sich daran, wie er mit dem Trabi und einem Kanister voller „Gemisch“ nach Hannover fährt. Wie er dort auf der CEBiT steht und staunt. Wie er alle Prospekte mitnimmt, die er kriegen kann. Zum ersten Mal sieht der IT-Fachmann live, welche Ideen innovative Firmen auf den Markt bringen.

Im Rechenzentrum im „Kombinat Fortschritt“ arbeiten sie mit Rechnern des amerikanischen Unternehmens Digital Equipment Corporation – zu DDR-Zeiten ein Novum – und ein Vorteil für Dirk Bartens und seine Kollegen. „West-Technik“ ist ihnen nicht fremd und Ost-Technik kennen sie sowieso. „Uns war schnell klar, dass es im Traktorenwerk nicht weitergeht. Wir mussten selbst etwas machen“, sagt Dirk Bartens. 1991 gründet er mit Kollegen das IT-Unternehmen SBSK – und schreibt damit Erfolgsgeschichte. Die basiert in den ersten Jahren auf der Expertise im Umgang mit der im Osten bewährten Technik, die viele Unternehmen weiter nutzen – und die gewartet werden muss. Parallel dazu erschließen sie ein neues Feld: Glasfaser-Netzwerke für Betriebe. Schritt für Schritt wächst das Startup. Dirk Bartens erhält viele Angebote. In Kiel kann er arbeiten, in amerikanischen Firmen schätzt man die Expertise des Gründers. Doch der entscheidet sich, zu bleiben – weil die Familie hier lebt, das Umfeld stimmt und „weil er hier die Chancen nutzen möchte“. Eine Zeitlang füllt er die Hörsäle der Uni mit IT-Vorlesungen, immer baut er Brücken zu den jungen Fachkräften von morgen und praxisorientierten Professoren. Kontakte sind für ihn ein wichtiges Gut. Er gründet den Verband der IT- und Multimediaindustrie Sachsen-Anhalt (VITM) mit, gibt Wissen weiter, knüpft Kontakte.

Und Dirk Bartens schaut in viele Richtungen. Ab 2008 hebt er direkt oder indirekt fast jedes Jahr ein Startup mit aus der Taufe. Im Laufe der Jahre wird er zum Coaching-Partner, Berater, zum Anschub-Geber und gefragten Experten, der hilft, Ideen zu verwirklichen. Aus diesem Ansatz heraus entsteht zunächst das Software-Unternehmen SocialMap, das sich schon damals die Digitalisierung auf die Fahnen schreibt und Abläufe in Jugend- und Sozialämter effizienter macht. Es folgt ein Planungsbüro, das er mit drei Professoren aufbaut.

So kommt eins zum anderen. Ein effektives Netzwerk entsteht. Alle Startups laufen, alle sind mit Magdeburg verbunden. Als Motor für dieses unternehmerische Engagement nennt Bartens seine Zuversicht: „Ich wusste immer, dass es gut wird, und habe immer auf das vertraut, was ich kann.“ Generell hält er es „für wichtiger, nach vorn als nach hinten zu schauen“. So hält er es auch mit dem Blick auf seine Heimatstadt. Magdeburg hat sich aus seiner Sicht stark entwickelt – als Sportstadt, als grüne Stadt mit starken Bildungsstätten. Er sagt: „Das Renommee ist inzwischen sehr positiv.“ Als Unternehmer wünscht er noch mehr Raum für Innovation, privat, „dass es hier noch mehr internationaler zugeht“. Seine Entscheidung für Magdeburg bereut er indes nicht: „Ich habe hier viele interessante Menschen kennengelernt – und alle fühlen sich wohl. Genau wie ich.“


Von Fernmeldehandwerk und Bundeswehr zur Kirchenmusik

Matthias Mück

 

An die Wendezeit kann sich der in Mainz geborene Kirchenmusiker noch gut erinnern: „Ich war als Fernmeldetechniker nach meinem Grundwehrehrdienst noch weiter im zivilen Beruf bei der Bundeswehr tätig. Bei der Maueröffnung waren wir alle bewegt und glücklich. Vor dem Fernseher staunten wir über die nach Westen strömenden DDR-Autos. Die Vereinigung im Oktober 90 wurde kurz vor meinem Studienbeginn als Kirchenmusiker vollzogen. Da gab es bei uns Festgottesdienste. Mein Großvater hat Verwandte in Brandenburg. Wir konnten die dort verbliebenen Verwandten nie besuchen. Ich leitete nebenberuflich einen Kirchenchor in Mainz. Zu dessen Partnerchor in Halle hatten wir Beziehungen und besuchten uns gleich im Jahr 1991.  Auch in Berlin war ich vor dem Mauerfall schon gelegentlich und hatte so Kontakt mit der DDR.“

Groß geworden ist Mück in der katholischen Kirche. Geprägt durch seinen Großvater mütterlicherseits, der Pianist war, durchlief er schon ab 1983 eine berufsbegleitende Ausbildung zum C-Kirchenmusiker. In Mainz studierte er dann Kirchenmusik und anschließend für das Konzertfach Examen. Daneben leitete er schon Chöre um Frankfurt. 1999 bewarb er sich auf die Magdeburger Stelle, gewann, zog hierher und integrierte sich. „Ich hatte gleich gute ökumenische Beziehung mit dem Domorganisten Barry Jordan, sang im Kantatenchor mit und lernte so die hiesige Kirchenmusikszene kennen. Mit dem Orgelpunkt im Sommer im Dom und nun im Herbst in Sankt Sebastian haben wir nun ein attraktives Angebot, das gut wahrgenommen wird.“ Den Gegensatz von rheinischen Frohnaturen und zurückhaltenden Ostdeutschen will Mück so nicht gelten lassen: „Die Menschen hier sind sehr gesellig. Hier gibt es auch Karneval. Ich möchte nachdrücklich bestätigen, dass die Ostdeutschen feiern können.“, sagt er lachend. Nach 25 Jahren fühlt sich der Kirchenmusiker, der viele Konzerte, auch im Ausland spielt und so als Botschafter Magdeburgs wirkt, hier zuhause: „Meine beiden jüngeren Kinder sind hier geboren. Es ist meine Neue Heimat, hier lebe und arbeite ich.“

Magdeburg gefällt ihm: „Die Stadt hat unheimlich gewonnen, an kulturellen Angeboten, an Gebäuden. Schade, dass es mit der Kulturhauptstadt 2025 nicht geklappt hat. Doch das Leben geht weiter, die Stadt kommt voran. Und als Musiker nehme ich daran teil. Magdeburg ist vielleicht noch mehr Sportstadt als Kulturstadt mit dem 1. FCM und dem SCM. Ich gucke auch gerne Fußball!“ Auf die Frage, wie die Entwicklung gelaufen wäre, ohne die Wende 1989, sinniert Mück: „Dann wären viele Gebäude hier wohl weiter verfallen. Ich würde wohl in Westdeutschland arbeiten, Stellen gab es auch dort. Doch es war gut, dass die Vereinigung kam, ein großes Geschenk für uns alle. Auch als Westdeutscher litt man an der Teilung, konnte viele Städte nicht besuchen. Es gibt im Harz, der Altmarkt, Mecklenburg so schöne Gegenden und Städte. Nach der Wende wurde da viel erneuert. Meine Kirche beauftragte eine neue, große Orgel 1999. An ihrer klanglichen und technischen Ausgestaltung konnte ich noch mitwirken.“ Deutschland hält er heute für ein vereintes Land: „Viele Wunden sind verheilt, Vorbehalte überwunden. Für meine Kinder spielt Ost-West kaum mehr eine Rolle.“

Aus der eher unbekannten Sankt Sebastians Kathedrale gelang es Mück, einen kulturell attraktiven Ort zu machen. In der ersten Augustwoche bringt die Orgeltagung 150 Orgelfreunde nach Magdeburg, begeistert sich der Musiker: „Es wird eine Reihe Konzerte geben und wir machen Exkursionen zu umliegenden Orgel Attraktionen, etwa in Halberstadt.“ Mück spielt das Eröffnungskonzert zur Orgeltagung unter dem Motto ‚Tatort Kathedrale‘. Er freut sich, dass Magdeburg nun eine echte Orgelstadt ist mit mehreren großen Orgeln. „Der Orgelpunkt am Sonntagnachmittag zieht viele Begeisterte an. Das Modell, 50 Minuten Konzerte ohne Eintritt, hat sich bewährt. Zudem die jährlichen Telemann Tage, gutes Theater, Konzerte und Opern. Ich mag die Stadt und wohne gerne hier, mitten in der Stadt.“