Neubeginn für das Stadtbild
Annett Lorenz-Kürbis
„Ich konnte gar nicht glauben, wie sich Ereignisse in rasanter Dynamik entwickelt und überschlagen haben.“ Annett Lorenz-Kürbis blickt im Jahr 2025 auf den Wende-Herbst 1989 zurück und wirkt immer noch erstaunt. „Ein merkwürdiges Gefühl. Da waren einerseits die Freude über das Zusammenwachsen und andererseits eine große Ungewissheit. Keiner wusste genau, was sich alles ändert.“ Die heutige Niederlassungsleiterin der in vierter Generation inhabergeführten AENGEVELT Immobilien GmbH & Co. KG in Magdeburg ist zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade mit ihrem Studium beschäftigt. Sie ist in Potsdam, ihre Eltern in Magdeburg. „Wir haben miteinander telefoniert und ich habe sie ungläubig gefragt: Wie habt ihr die Nachricht zur Grenzöffnung verstanden? Was bedeutet das denn jetzt für uns?“ Heute weiß sie: Es war ein Neubeginn. Die Möglichkeit für Veränderung und völlig neue Perspektiven.
Annett Lorenz-Kürbis hat nach einem Fremdsprachenstudium mit Auslandsaufenthalten in Moskau und in Großbritannien betriebswirtschaftlich nachgelegt. Am 1. August 1992 eröffnet AENGEVELT, ein Immobilienunternehmen mit Stammsitz in Düsseldorf, eine Niederlassung in Magdeburg. Annett Lorenz-Kürbis hat da schon ihr Staatsexamen in der Tasche und blickte der bevorstehenden Verbeamtung als Lehrerin entgegen. „Die Urkunde lag zu diesem Zeitpunkt im Regierungspräsidium Dessau empfangsbereit“, erzählt sie. Doch es kommt anders. Beflügelt von den durch die Wiedervereinigung geschaffenen Möglichkeiten, entschließt sie sich, Sprache und Wirtschaft zu kombinieren und den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen. „Ich war bereit und neugierig mich den Aufgaben der Immobilienwelt, einer noch immer männerdominierten Branche, zu stellen und etwas zu erreichen, vor allem Akzeptanz. Rückblickend kann ich sagen, dass ich damals fast nur an geöffnete Türen gelangt bin.“
Seitdem gestalten sie und ihr Team die Entwicklung Magdeburgs erfolgreich mit, begleiten und beraten Investoren und sind in vielen Fällen ein verlässlicher „Türöffner“ für jene Räume, in denen die Entscheider sitzen. „Wir haben seit 1992 nicht einen Tag am Standort Magdeburg gezweifelt“, sagt die zweifache Mutter. Ohne die Ereignisse im Jahr 1989 wäre sie wohl weiter ihren Weg gegangen und Lehrerin geworden, schätzt sie heute ein. „Heute stünde ich dann wohl vor einem Whiteboard und nicht mehr vor der Kreidetafel in der Schule.“
Beruflich und privat entwickelt Annett Lorenz-Kürbis eine große Verbundenheit zu Stadt und Region. Sie liebt Magdeburg und ihre Vorzüge als Stadt der Wissenschaft und des Sports. Ihr Blick ist immer auch der einer gestandenen Unternehmerin und Maklerin. „Magdeburgs Immobilienmarktkennziffern sind nie durch die Decke geflogen. Die Stadt weist Kontinuität auf, Investoren schätzen die Berechenbarkeit unseres Marktes.“, berichtet Annett Lorenz-Kürbis. Magdeburg entwickelt sich Schritt für Schritt. Vereint ist Deutschland auch beim Blick auf immobilienrelevante Zahlen und Statistiken noch nicht, sagt Annett Lorenz-Kürbis. „Die neuen Bundesländer haben noch Aufholbedarf, beispielsweise bei den Immobilienwerten oder der Wohneigentumsquote. Da bleibt noch viel zu tun.“
Die Stadt punkte damit, gestaltbar zu sein. „Das Bild von Magdeburg hat sich ganz großartig verändert. Die Stadt ist heller und freundlicher geworden und dabei immer grün geblieben.“ Für Annet Lorenz-Kürbis ist das Ende der Fahnenstange in Sachen Potenzial und Entwicklungen noch lange nicht erreicht. „Ich wünsche mir allerdings grundsätzlich mehr Internationalität in Magdeburg, vor allem auf dem Gebiet der Wissenschaft.“ Sie weiß, dass der Zuspruch und das Interesse von Investoren vorhanden sind. „Hier gibt es noch Entwicklungsareale, hier kann man Zukunft gestalten.“ Annett Lorenz-Kürbis und das erfahrene AENGEVELT-Team wollen diesen positiven Entwicklungen weiter ein Gesicht geben. „Die Geschichte Magdeburgs ist noch lange nicht zu Ende geschrieben“, bekräftigt die Niederlassungsleiterin.
Neuaufbau zweier Hochschulen durch die Ottostadt
Professor Andreas Geiger
Das Bundesverdienstkreuz, einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Magdeburg und die Silberne Jubiläumsmedaille aus Jordanien. All diese Ehrungen wurden Andreas Geiger im Laufe seines Lebens verliehen. Geboren 1947 in Bad Pyrmont, als Kind nach Braunschweig gezogen, wuchs er nicht weit weg von der deutschlandtrennenden Mauer auf. Abgesehen davon hatte der Niedersachse keine Beziehungen in die DDR. In vier Städten studierte Andreas Geiger Sozialwissenschaften, in Göttingen promovierte er. Ab 1984 erweiterte Andreas Geiger sein Expertenwissen um den Bereich der Gesundheitsforschung in Bonn und führte Studien in beiden Bereichen durch. Als die Mauer dann fiel, war der Akademiker gerade beruflich in Paris. Die Nachricht habe er verschlafen, berichtet er, und so wurde Andreas Geiger am nächsten Morgen von seinen französischen Kollegen in Paris mit dem Ende der geschlossenen DDR-Grenzen überrascht.
Die Umbruchstimmung in Deutschland fand ihren eigenen Weg in Andreas Geigers Privatleben. Von der Wende nicht betroffen, suchte er 1991 trotzdem beruflich nach etwas Neuem. Über einen alten Kollegen erreichte ihn das Angebot, bei der neu zu gründenden Fachhochschule in Magdeburg als Dekan den Fachbereich Sozialwesen zu übernehmen. Für den Professor war die Anfrage eine willkommene Überraschung, außerdem passte sie zum Wunsch, sich beruflich zu verändern. Eine Sache sprach besonders für Magdeburg: „Was mich reizte an der Sache war, tatsächlich etwas aufzubauen.“ Also sagte Andreas Geiger zu und gründete an der Hochschule Magdeburg den Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen, damals erstmalig in Deutschland. Heute ist diese Kombination weiterverbreitet, schließlich hängen Soziales und Gesundheitliches an vielen Punkten zusammen.
Andreas Geiger prägte jedoch nicht nur den Fachbereich Sozial- und Gesundheitswissenschaften in Magdeburg. 1998 wurde er als Nachfolger von Hans-Jürgen Kaschade zum Rektor der Hochschule gewählt und zog damit final nach Magdeburg. Zu Beginn seiner Rektorenzeit gab es viele Diskussionen um die Zusammenlegung der Hochschule in Magdeburg mit der damals eigenständigen Hochschule Stendal. Die Entscheidung, mit einem Doppelstandort beide Hochschulen zusammenzulegen, setzte Andreas Geiger um. Zusätzlich engagiert er sich als Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und setzte sich dort verstärkt für das Promotionsrecht an Fachhochschulen ein. Unter ihm wurde die die Hochschule ein attraktiverer Ort zum Studieren.
Gleichzeitig setzte Andreas Geiger sein akademisches Wissen international ein. Er betreute maßgeblich ein Projekt in Jordanien, in dem dort eine Hochschule nach deutschem Vorbild aufgebaut wurde. Das Land bat um Unterstützung, und so steckte Andreas Geiger als Projektleiter über 20 Jahre lang sein Know-How in die German-Jordan University in Madaba. Für diese Zusammenarbeit wurde er von deutscher und jordanischer Seite geehrt, mit dem Bundesverdienstkreuz und der Silbernen Jubiläumsmedaille des jordanischen Königs.
Bei der Frage, ob Deutschland nach 35 Jahren ein vereintes Land ist, wird der Professor jedoch ernst: „Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich im Augenblick ziemlich große Bedenken habe.“ Damit spielt er auf den großen Zuspruch für die AfD an, den es auch in Magdeburg gibt. „Ich kann verstehen, dass vielleicht viele Bürger sich hier nicht so ernst genommen fühlen,“ meint er. Dass die Konsequenz daraus sei, so zu wählen, schmerze ihn sehr.
Unabhängig von dem Wahlergebnis findet Prof. Geiger viele positive Aspekte in der Ottostadt, die er schätzt. „Die Stadt hat sich schon immens entwickelt!“, findet er, sei es der gute Sport, die Wirtschaft oder die wissenschaftlichen Angebote. Und Magdeburg ist internationaler geworden. Diese Entwicklung gilt es in Zukunft zu bewahren und weiter zu steigern.