Familientradition für die Zukunft gestalten

Ingmar Schwan

 

Der Firmenname SCHWAN war schon zu DDR-Zeiten vielen Magdeburgern ein Begriff. Vor allem in Buckau wusste man ganz genau, wo man den traditionsreichen Laden für Bildereinrahmungen und vieles mehr findet. Die ebenfalls schon bestehende Bauglaserei lief eher so nebenbei, erinnert sich Ingmar Schwan, der heutige Geschäftsführer der SCHWAN Glaserei und Glasbau GmbH: „Nach der Wendezeit hat sich das Augenmerk des Familienbetriebes immer mehr in Richtung der Glaserei verändert. So wie man sie heute kennt, ist sie allerdings erst seit den 2000er Jahren“ beziehungsweise seitdem der Junior die Leitung übernommen und das Portfolio des Unternehmens noch einmal deutlich verändert und erweitert hat.

Zum Fall der Mauer 1989 war dieser allerdings erst 10 Jahre alt und ein ziemlicher Wirbelwind, wie er selber sagt. Zu Westdeutschland hatte er schon immer Kontakte, da ein Teil der Familie vor der Grenzschließung in den Westen gegangen war und es neben gegenseitigen Besuchen auch regelmäßig die heißgeliebten „Westpakete“ gab. Nach Beendigung der Schule absolvierte er seine Glaserausbildung und reiste dann mit der Marine um die halbe Welt. „Ich habe traditionell meinen Wehrdienst gemacht und hatte das Glück, auf der Gorch Fock zu landen. Das war eine spannende Zeit.“ Danach ging er kurzzeitig zurück in den elterlichen Betrieb, bevor er im Zuge seiner Meisterausbildung noch einmal das Familienunternehmen verließ. „Früher waren auch Glaser auf der Walz“, erzählt er. „So ist auch mein Ururgroßvater und Gründer des Familienbetriebes 1871 in Magdeburg gelandet.“ Diese Zeit an anderen Orten, Ländern und Kontinenten hat er sehr genossen und seinen „Horizont immer wieder erweitert“.

2007 wäre er dann fast ganz nach Australien ausgewandert, denn die deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit, Schnelligkeit, Qualität und Effizienz sind gerade im Handwerksbereich weltweit gefragt. Doch manchmal nimmt das Leben spontan eine andere Wendung und man muss sich neu entscheiden. „Es standen mir damals alle Möglichkeiten offen“ blickt er noch immer mit ein bisschen Wehmut zurück. „Aber ich habe mich dann doch für das entschieden, wovon ich die meiste Ahnung hatte und was mir als Verantwortung in die Wiege gelegt wurde.“ Er krempelte die Ärmel hoch, entwickelte neue Ideen und Produkte, suchte ein neues Grundstück zur Erweiterung und holte so das Familienunternehmen in der fünften Generation aus dem „Dornröschenschlaf“. Seitdem ist die Glaserei Schwan im Buckauer Straßenbild präsent und auch aus der Magdeburger Handwerkslandschaft nicht mehr wegzudenken. Als junger Unternehmer steht er für moderne und innovative Produkte. Dabei ist es ihm trotz Wachstum und Weiterentwicklung wichtig, seiner Firmenphilosophie treu zu bleiben und das Miteinander aufrecht zu erhalten.

Davon unabhängig tritt er überaus selbstbewusst auf und weiß um seine Leistungen und Möglichkeiten: „Wir haben mittlerweile mehr als genug Aufträge, denn gute Handwerker werden immer gebraucht.“ Wenn er heute durch die Stadt fährt und sieht, wo er überall mitgewirkt hat, dann erfüllt ihn das mit Stolz. „Wir haben unseren Beitrag geleistet, damit die Stadt noch lebenswerter wird.“ Dies alles wäre ohne den Fall der Mauer aber nicht möglich gewesen, ist er sich sicher. So wie er seinen Familienbetrieb zu neuem Leben erweckt hat, so haben sich auch sein Stadtteil und ganz Magdeburg gewandelt. „Wenn man immer vor Ort ist, fallen einem die Veränderungen gar nicht so auf, aber Familie und Freunde, die nur alle paar Jahre zu Besuch kommen, sind jedes Mal total überrascht.“ Er mag vor allem das Miteinander und die kurzen Wege in Magdeburg. Für die Zukunft wünscht er sich, dass wir alle wieder mehr Mut haben, nach vorn schauen und uns zu Machern entwickeln. „Dafür müssen wir über den eigenen Tellerrand blicken und offen sein für Veränderung“, ist er überzeugt. Dann werden wir nicht nur nach innen eine Einheit, sondern auch nach außen wieder die Vorreiter, die wir früher waren. „Denn ich bin selber meines Glückes Schmied und wer weiß, was das Leben noch so bringt.“


Man kann die Zukunft nur gestalten, wenn man die Geschichte kennt.

Thomas Kluger

 

Es gibt Menschen, die haben so viel erlebt, haben so viele Geschichten zu erzählen und engagieren sich in so vielen Bereichen, dass man auf die einfache Frage nach ihrer Herkunft einen historischen Abriss über die Wanderung der Hugenotten und deren Bedeutung für den Aufschwung Magdeburgs im 19. Jahrhundert sowie die Pfälzer Kolonie als eigenes Gemeinwesen innerhalb der Stadt erhält, wodurch Magdeburg schon vor rund 300 Jahren zu einem Hotspot für Zuwanderung in Preußen wurde. Zu diesen ganz besonderen Persönlichkeiten gehört Thomas Kluger, Richter am Landgericht und Antisimitismusbeauftragter bei der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg, der sich von Heidelberg aus „auf die Strümpfe gemacht hat“, wie er es formuliert, um hier an der Elbe beruflich Fuß zu fassen und vielleicht auch den historischen Spuren von Teilen seiner Vorfahren zu folgen.

Sein Vater stammte aus Oberschlesien und kannte natürlich alle Städte im Osten, die Familie seiner Frau kam 1946 aus Magdeburg in den Rhein-Neckar-Raum. So war der Osten auch im tiefsten Westen schon immer Thema für ihn und seine Familie. Im Zuge seines Jurastudiums hat er seine „Wahlstation“ als Referendar an der Deutschen Botschaft in Israel absolviert. Seine Referendarskollegen zog es damals nach Washington, London, Paris, er hatte als Wunschziele Tel Aviv, Neu-Delhi und Kairo angegeben. Rückblickend bezeichnet er diese Erfahrung als seine „spannendste Zeit im Leben“.

Die Entscheidung, für seinen beruflichen Einstieg in den Osten zu gehen, hatte etwas mit seinem eigenen Anspruch zu tun: „Ich wollte gestalten und nicht nur verwalten.“ Die Wahl für Magdeburg fiel ihm dann ganz leicht, weil er zum einen bereits diese familiäre Verbindung hatte und zum anderen, weil für ihn „Magdeburg das Zentrum Deutschlands ist. Dresden ist schön, aber es ist doch Randlage“, ergänzt er mit einem Augenzwinkern. So kam er Ende 1993 mit großer Vorfreude und Begeisterung in seiner neuen Heimat an und hat es nie bereut. Seit mittlerweile 32 Jahren ist er da, wo er immer hinwollte, am Landgericht Magdeburg.

Mit genau dieser Überzeugung engagiert er sich auch als Vorsitzender der Magdeburgischen Gesellschaft von 1990 zur Förderung der Künste, Wissenschaft und Gewerbe e.V. und tritt so in die Fußstapfen der Familie seiner Frau, die sich bereits in der Gründerzeit mit anderen Bürgern zum Wohle der Stadt zusammenschloss. An dieses „unglaubliche Mäzenatentum“, wie er es nennt, versucht er heute anzuknüpfen. In diese Position gekommen ist er durch seine Verbindung zu Heinz Gerling und Hans Schuster und seine besondere Leidenschaft für Geschichte. Die damaligen Gründer der Gesellschaft hatten das Ziel, „das Bürgerliche wieder zu beleben“, erinnert er sich. Das begeisterte ihn damals genauso wie heute. „Dinge zu gestalten, die noch nicht festgefahren sind“, das liegt ihm am Herzen. Dabei ist er überzeugt, dass man „die Zukunft nur gestalten kann, wenn man das Vergangene kennt.“ Die Magdeburgische Gesellschaft sieht er allerdings nicht als „Geschichtsverein oder Denkmalaufstellungsverein“, sondern als engagierte Gemeinschaft, die Geschichte und Zukunft verbindet.

Genau diese Gemeinschaft ist es auch, die ihn sehr schnell in Magdeburg hat ankommen lassen und die ihn insgesamt am Osten begeistert: „Hier ist dem Individualismus des Westens, der an seine Grenzen geraten ist, ein Gemeinschaftssinn entgegengesetzt worden.“ Daher empfindet er seine neue Heimat auch als ideal zum Familie gründen und Kinder großziehen. „Wir sollten diese Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen wertschätzen und nicht als etwas Trennendes betonen“, ist er überzeugt. „Deutschland war schon immer eine Vielfalt aus verschiedenen Identitäten. Diese Buntheit sollten wir als Bereicherung und Stärke sehen.“ Mit dieser Einstellung sieht er positiv in die Zukunft. Magdeburg hat so viel zu bieten – die zentrale Lage, die Verbindung zur Elbe, eine große Geschichte, hervorragende Bildungseinrichtungen und vielfältige Kulturangebote. Veränderung ist dabei Grundvoraussetzung, denn „nur wo sich was verändert, wird es nicht ältlich.“ Daher liebt er seine Stadt, die für ihn „the best of both worlds“ bereithält.