Der Drang nach Freiheit

Ulf Steinforth

 

Kurz vor dem 9. November 1989 sitzt Ulf Steinforth mit 22 Jahren in der westdeutschen Prager Botschaft, von deren Balkon aus Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 die Ausreisegenehmigung für DDR-Flüchtlinge verkündet hat. Auch er will raus aus der DDR, deren Regierung seine Brüder aus politischen Gründen inhaftiert und die die BRD freigekauft hat. Damals leben sie längst in Hamburg. „Ich wollte auch ausreisen, aber von Magdeburg aus. Ich war leidenschaftlicher Sammler und wollte so viele Stücke mitnehmen. Sie sollten mein Startkapital im Westen sein“, blickt der international erfolgreiche Box-Promoter und Brauereibesitzer mit einem Schmunzeln zurück. Als sich in der Botschaft für ihn nichts nach seinen Wünschen entwickelt, geht er zunächst zurück in seine Geburtsstadt Magdeburg. Dann wird sein Ausreiseantrag genehmigt. Sein Ausreisedatum: 14. November 1989. „Ich hatte schon alles abgemeldet zum Glück, nur meine Wohnung noch nicht“, sagt Ulf Steinforth. Und dann öffnen sich die Grenzen. „Ich hab's erst gar nicht gerafft.“ Stunden später wird er zu seiner nachts arbeitenden und noch völlig ahnungslosen Mutter sagen: „Mutti, die Grenzen sind offen.“

Als er diese Worte überglücklich ausspricht, sind seine damalige Frau und er gerade von einer ersten Stippvisite aus dem Westen zurück. „Als ich hörte, dass da was im Busche ist, sind wir ins Auto und Richtung Helmstedt gefahren.“ Da gibt es zu diesem Zeitpunkt weder Gedränge noch Stau. „Ich denke, ich war einer der ersten Zehn, die über die Grenze gegangen sind.“ Einen Tag später erleben Ulf Steinforth und seine Familie im Norden Westdeutschlands einen „gigantischen Empfang“, wie er sagt. Doch für immer ist das alles nicht. Ulf Steinforth fasst einen Entschluss: „Ich gehe zurück nach Magdeburg und mache mich selbstständig. Gott sei Dank, hatte ich meine Wohnung noch.“, schmunzelt er. Mit Spiel- und Kondomautomaten erobert er erfolgreich das neue Deutschland. „Das war eine unfassbare Aufbruchsstimmung. Wir haben nicht 24 Stunden am Tag gearbeitet, sondern 38.“ Ulf Steinforth, der geborene Macher, Manager und Organisator, denkt nie wieder darüber nach, Magdeburg zu verlassen. Lieber baut der gelernte Baumaschinist und dreifache Vater ein Box- und Bier-Imperium auf - und trägt den Namen Magdeburg in die Welt hinaus. „Ich hätte das alles im Westen niemals machen können.“

Ulf Steinforth hat nach eigener Einschätzung in Magdeburg immer Unterstützung erfahren. „Vor allem von den Menschen hier. Sport bedeutet Identität, eine lokale Biermarke auch.“ Im Jahr 2000 gründet er Sport Events Steinforth, kurz SES Boxing, und legt damit den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsgeschichte und Karriere. „Ich habe selbst nie geboxt, aber ich kann gut organisieren, kann Dinge auf die Beine stellen. Boxen ist wie ein Wanderzirkus, da bekommt man immer wieder Angebote.“ Doch sein Talent für andere einsetzen, kommt nicht in Frage. In diesem Jahr feiert SES Boxing 25-jähriges Bestehen. Die Marke ist im Boxsport eine Wucht, das Renommee riesig. Ein „Coup“, der Ulf Steinforth im Jahr 2014 auch mit der Wiederbelebung des Sudenburger Brauhauses gelungen ist. Seitdem begeistert die lokale Brauerei mit gut etablierten Nischenprodukten und schafft eine Verbindung zur Stadt und den Menschen.

Wenn er unterwegs ist und teils elitäre Veranstaltungen des Spitzensports besucht, erlebt er oft das: „Es gibt tatsächlich noch Leute, die sind nach 35 Jahren noch nie im Osten gewesen. Da fasst man sich doch an Kopp!“ Die Entwicklung seiner Herzensstadt sei „mega“. „Magdeburg ist meine Perle“, sagt Ulf Steinforth, der auch Mitglied des Stadtrates ist. „Aber ich sehe mich jetzt nicht so als Berufspolitiker. Mehr als Bürger, der mitwirken darf.“ Deutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall „schon zusammengewachsen“, ordnet Ulf Steinforth ein. „Doch man muss trotzdem sagen, dass da bei den Älteren noch Grenzen im Kopf sind. Bei der Nachwende-Generation spielt das keine Rolle mehr.“ Für seine Geburts- und Heimatstadt Magdeburg wünscht er sich einen Sport-Campus. „Sport ist Wirtschaftsfaktor und lockt Investoren. Ich glaube an Leuchttürme. Sportler sind Botschafter für eine Stadt. Und Magdeburg ist Sportstadt.“


Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind überall zu Hause

Prof. Dr. Lisa Underberg

 

Prof. Dr. Lisa Underberg ist eine Rarität in ihrem Bereich. Nicht nur, dass sie in einer absoluten Männerdomäne Elektrotechnik studiert hat, sie ist auch eine der jüngeren Professorinnen. Wenn man sie darauf anspricht, ist das nichts Besonderes, da sie einfach immer wusste, was sie wollte und ihren Weg gegangen ist: „Ich wollte etwas studieren, das mich später nicht einschränkt und mir eine gute Perspektive bietet. Elektrotechnik ist ein so breites Feld, weshalb ich mich dafür entschieden habe. Im Studium habe ich mich dann besonders für Kommunikationstechnik interessiert.“ Diese Spezialisierung ließ ihr nicht nur sehr viel Spielraum, sondern auch umfangreiche Entwicklungsmöglichkeiten.

Ihr Weg nach Magdeburg war dabei einem spannenden Forschungsprojekt geschuldet. Kurz vor der Wiedervereinigung im Ruhrgebiet geboren, hatte sie zuvor keine Berührungspunkte mit Magdeburg und auch die Diskussionen um „alte und neue Bundesländer“ hatten für sie persönlich kaum eine Bedeutung. Nach dem Studium in Dortmund und während ihrer Promotionszeit lernte sie dann das ifak, das Institut für Automation und Kommunikation kennen. „Die Arbeit des national wie international sichtbaren Teams „Funk in der Automation“ interessierte mich sehr, da das genau mein Thema war und die Kolleginnen und Kollegen hier das schon viel länger machten als ich“, erinnert sie sich. „Zudem befassten sie sich sehr anwendungsnah auch mit dem Transfer in die Praxis.“ Nach der reinen Forschung an der Universität war die angewandte Arbeit am ifak für die junge Wissenschaftlerin das ideale Arbeitsfeld. „Ich wollte etwas bewegen und mitwirken. Dafür braucht man Freiraum, den es hier am ifak gab“, sagt sie. Daher war ihre Entscheidung für das Magdeburger Institut eine naheliegende Wahl, auch wenn sie damit so Manchen in ihrem Umfeld erstmal überraschte. „Ich wollte gerne von Dr. Lutz Rauchhaupt und seinem Team lernen und mir hat Magdeburg – trotz mancher Vorurteile – gleich gut gefallen.“

Mittlerweile hat sie nicht nur sehr viel gelernt und sich weiterentwickelt, sondern Eindruck hinterlassen. Infolgedessen hat sie auch seit letztem Jahr die Professur für Digitale Automatisierungssysteme der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg inne und in diesem Zusammenhang auch die Leitung des Instituts für Automation und Kommunikation übernommen. „Diese Berufung war schon ein besonderer Moment für mich“, gibt sie zu. „Manchmal braucht man neben Kompetenz und Können auch ein bisschen Glück.“ Bei diesem rasanten Aufstieg ist sie sehr froh, ihre Kolleginnen und Kollegen des ifak immer an ihrer Seite zu haben, um mit und von Ihnen zu lernen. Darüber hinaus schätzt sie den intensiven fachlichen Diskurs mit allen Partnern. „Bei der Arbeit geht es mir immer um Zusammenarbeit, einen ergebnisoffenen Austausch und gemeinsame Lösungen“, sagt sie von sich selbst. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum sie so gut in Magdeburg aufgenommen wurde und so manche Hürde überwunden hat.

Auch wenn sie vor gut 6 Jahren, als sie nach Magdeburg kam, nur bedingt wusste, worauf sie sich einlässt – zumindest hinsichtlich der Stadt und ihrer Menschen – so hat sie diesen Schritt nicht bereut. „Vielleicht hat mir dabei auch geholfen, dass ich bis dahin wenig Berührungspunkte und damit auch keine Vorurteile hatte. So bin ich offen nach Magdeburg gekommen.“ Mittlerweile ist sie ganz begeistert von der Geschichte der Stadt, vom Campus im Wissenschaftshafen, den Sehenswürdigkeiten und Kulturangeboten, aber vor allem auch von den Menschen, die ihr immer sehr offen begegnen. „Ich habe hier nicht das Gefühl, dass ich mich als junge Frau besonders beweisen oder durchsetzen muss. Das hat vielleicht auch etwas mit der Historie in den neuen Bundesländern zu tun, wo es schon immer ganz normal war, dass Frauen arbeiten gehen und beruflich erfolgreich sind“, stellt sie in ihrer Position immer wieder fest. „Von dieser Grundeinstellung profitiere ich sehr, denn mir wird auf Augenhöhe begegnet, ich werde wahrgenommen und kann mitgestalten.“ Dieses Miteinander ist aus ihrer Sicht ein großes Potential der Stadt. „Gerade auch im Bereich der Wissenschaft sind wir weit vorn und werden das noch ausbauen“ blickt sie optimistisch in die Zukunft.