Als der Vorhang fiel: Theaterleben nach der Wende
Katrin Lange
Die Bühne im Umbruch, und die Ottostadt Magdeburg gleich mit. Katrin Lange bleibt dem Theater und ihrer Stadt treu
„Es wird überall nur mit Wasser gekocht.“ Mithilfe dieser Redensart konnte Katrin Lange schon einige Krisen ihres Lebens stemmen. Zu Zeiten der Wende war sie gerade berufstätige Mutter, die neben ihrem Job noch ein Studium im Bereich der heutigen Kulturwissenschaften in Dresden absolvierte. Fest in ihren Alltag eingespannt. Natürlich bekam sie von der Aufbruchsstimmung mit. Dennoch war Katrin Lange eher überrascht von der Wende. „Ich muss sagen, mir ging es gut in der DDR,“ stellt sie fest. „Ich habe keine Probleme gehabt, doch ich kann die Menschen verstehen, die gesagt haben, wir wollen das nicht mehr.“ Und als es schließlich anders war, da fielen ihr doch einige Vorteile auf. „Wir konnten das Potenzial, glaube ich, noch gar nicht fassen.“ Viel Geld zum Ausgeben gab es in der Familie Lange zwar weder vor noch nach der Wende, dennoch machten die neuen Einkaufsmöglichkeiten und Reiseziele Spaß.
Schon lange arbeitet sie am Theater der Ottostadt, zunächst im Außendienst. Als zur Wendezeit alles im Umbruch war und Stellen am Theater frei wurden, konnte Katrin Lange die Chance für sich nutzen. Von da an arbeitete sie als Chefkassiererin. Später bewarb sie sich auf die freigewordene Stelle als Leitung der Theaterkassen. Bei diesem Job blieb sie. Auch ihr Mann arbeitete am Magdeburger Theater. Beide verbindet die Liebe zur gelebten Kultur, zur Arbeit mit Menschen. Sie versuchen, in jede Inszenierung zu gehen – schließlich will Katrin Lange ihre Kunden ehrlich und fundiert beraten. Ihre persönlichen Favoriten sind „Das Land des Lächelns“ mit Harald Neukirch aus DDR-Zeiten und „Turandot,“ inszeniert von Michiel Dijkema aus dem Jahr 2020. Ab und zu ist ihr die Musik in neuen Stücken zu futuristisch, doch auch das ist Theater: immer wieder anders, manchmal unbequem, vor allem aber bunt und modern. Ganz ähnlich wie Magdeburg selbst.
Katrin Langes Theaterwelt wandelte sich in den Jahren nach der Wende. In der DDR war die Theaterkultur stärker mit der Arbeitswelt verbunden, es gab große Abonnementringe, Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen übernahmen große Teile der Kosten. Auch mit Schulen wurde eng zusammengearbeitet. So konnten sich viele das Theater leisten, gleichzeitig war es beinahe eine gesellschaftliche Pflicht, ins Theater zu gehen. Heute ist das anders. „Man muss das Geld übrighaben, um ins Theater zu kommen,“ weiß Katrin Lange. Nach der Wende habe sie gemerkt, dass nur Menschen kommen, die es wirklich interessiert. Ein verändertes Publikum stellt andere Anforderungen an sein Theater. Noch sei am Opernhaus ein Stamm des Traditions-Publikums erkennbar. Um mehr jüngere Menschen anzusprechen, bemüht sich das Theater um passende Angebote, wie günstigere Vorstellungen, wenn 30 Minuten vor einer Vorstellung noch Plätze frei geblieben sind. Auch das Domplatz OpenAir sieht sie als tolle Entwicklung für Stadt und Theater.
Den Kosmos rund um die Bühne beschreibt Katrin Lange liebevoll als ein „buntes Völkchen.“ Es war schon vor der Wende der Fall, dass viele Nationalitäten am Theater zusammengearbeitet haben, beschränkt auf östliche Nationen wie Ungarn, Bulgarien oder Rumänien. Heute kommen viele aus der ganzen Welt. „Dadurch war man auch immer sehr solidarisch und weltoffen,“ resümiert die Kassenleiterin ihre Erfahrungen. Einer der Gründe, warum sie immer gern ihrer Arbeit nachgegangen ist.
Genauso, wie Katrin Lange das Theater liebt, liebt sie Magdeburg. Sie habe es nie bereut, ein Leben lang hiergeblieben zu sein. Heute geht sie mit Enkeln in die Museen der Ottostadt, ist am Dom oder Kloster. „Ich bin manchmal erstaunt, dass es immer wieder Sachen gibt, die neu sind, oder was es noch zu entdecken gibt.“ Denn genau wie das Theater wandelt sich Magdeburg immer weiter, mit der Vereinigung in alle erdenklichen Richtungen.
Vanillemilch an der Transitstrecke
Ralf Stenger
Noch zu DDR-Zeiten hat Ralf Stenger die ersten Berührungspunkte mit Magdeburg. Zwar sieht er die Stadt nur aus der Ferne, denn am Steuer eines Lkw fährt er seinerzeit regelmäßig Waffeln nach West-Berlin. „Ich habe oft am Rasthof Magdeburg an der Transitstrecke angehalten und Vanillemilch gekauft“, sagt der heutige Geschäftsführer der Stenger Waffeln GmbH in Gerwisch, das zur Wirtschaftsregion Magdeburg gehört. Dort hat das Familienunternehmen inzwischen seinen Hauptstandort samt Logistikzentrum. Stenger Waffeln gehen von Gerwisch aus an Kunden auf der ganzen Welt, etwa in die USA, nach Australien oder Japan. „Am Gymnasium hatten wir ‚DDR-Unterricht‘, der natürlich sehr polemisch war“, erinnert sich Ralf Stenger weiter. „Und während meines Grundwehrdienstes habe ich Erfahrungen mit dem ‚Feind Rot“ gesammelt.“ Als die Mauer 1989 fällt, hat der Unternehmer aus dem Westen Deutschlands „noch das alte System im Kopf“, wie er sagt. „Ich war deshalb überrascht, wie schnell das alles ging.“
Ralf Stenger kommt in Lüdenscheid im Sauerland zur Welt, wo sich sein Großvater 1928 mit einer Waffelfabrik selbstständig macht und damit den Grundstein für das heutige Großunternehmen legt. „Der Mauerfall war insofern auch einschlägig, weil im November 1989 meine Tochter geboren ist“, erzählt Ralf Stenger. „Ich war beeindruckt, wie die Menschen rebelliert und ihre Freiheit durchgesetzt haben. Das System DDR konnte so nicht mehr weiter funktionieren. Das war der Moment, und Helmut Kohl hat ihn erkannt.“ Noch zwischen Weihnachten und Neujahr 1989 reist Ralf Stenger nach Berlin, sieht die „Mauerpicker“ und knüpft erste geschäftliche Kontakte im Osten der Stadt. „Da waren die ersten Leute schon daran interessiert, Eiswaffeln zu kaufen.“ Die großen Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 1990 verfolgt er mit Interesse und einem guten Gefühl, zeitgleich wird in Mayen in Rheinland-Pfalz ein Logistikzentrum mit integrierter Produktionsstätte als neue Zentrale von Stenger Waffeln eingeweiht.
Anfang der Neunzigerjahre gehen die ersten Waffeln an Kunden in Magdeburg. 1993 übernimmt Ralf Stenger nach dem Rückzug seines Vaters Peter die Geschäfte. „2009 fiel der Entschluss, in den Standort Gerwisch bei Magdeburg zu investieren. 2012 haben wir Eröffnung gefeiert“, berichtet der Unternehmenschef, der jetzt auch eine Wohnung in Magdeburg hat. „Aktuell überlegen wir, hier ein Haus zu bauen.“ „In Magdeburg habe ich inzwischen einen Freundeskreis, der mir sehr wichtig ist. Und ich bin hier sehr sportverbunden“, sagt der Fan des 1. FCM und SCM mit einem breiten Lächeln.
Die Wirtschaftsregion Magdeburg, zu der auch Gerwisch im Landkreis Jerichower Land gehört, punktet Stenger zufolge vor allem durch die Lage. „Das ist ein guter Standort, vor allem für die Logistik.“ In Gerwisch produziert Stenger Waffeln täglich etwa zwei Millionen Eis- und Süßwaffeln für den Endverbraucher. „Wir existieren in einer Nische in perfekter Lage.“ Geht es um Wirtschaftsfragen, sind die neuen Bundesländer nach der Erfahrung von Ralf Stenger „oftmals viel flexibler“ als die im Westen. „Sachsen-Anhalt ist da top. Die Wirtschaftsförderung des Landes funktioniert.“
Auch 35 Jahre nach dem Mauerfall ist die Vereinigung von Ost und West ein „Zeitprozess“, sagt Ralf Stenger. „In vielen Bereichen ist das schon gelungen, in anderen nicht.“ Die „neue Generation der Ostdeutschen“ nehme sich gar nicht mehr als Ostdeutsche wahr. „Die haben ihre Vergangenheit längst abgelegt.“ So wie die Stadt Magdeburg, die ihre Pluspunkte gekonnt ausspielt und für die, die da sind, viele Chancen bietet. „Und natürlich auch für die, die neu kommen. Seien es Menschen oder Unternehmen. Ich wünsche mir, dass diese Entwicklung so weitergeht.“