Die weite Welt mit dem Hafen Magdeburg

Bernd Petermann

 

Der Maschinenbauer war beruflich immer auf Achse – die Konstante blieb seine Heimatstadt

Bernd Petermann ist ein echtes DDR-Kind – und Magdeburger durch und durch. Seine Kindheit unterscheidet sich jedoch von der vieler anderer im damaligen Staat. „Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, das schon sehr früh von der kapitalistischen Marktwirtschaft geprägt war“, erzählt er. Ungewöhnlich für die Zeit, begründet durch die Tätigkeiten seines Vaters. Der ist als „Reisekader“ im Auftrag des Generaldirektors des DDR-Kombinats „Tagebau-Ausrüstungen, Krane und Förderanlagen“ (TAKRAF) weltweit unterwegs war. Zum Kombinat gehören nahezu alle volkseigenen Betriebe der Branche, dazu Zulieferer und eigene Forschungseinrichtungen. Mit der internationalen Ausrichtung des Unternehmens wird auch das Familienleben globaler. „Ich wurde von beiden Seiten geprägt“, sagt Bernd Petermann. „Ich erlebte das sozialistische Bildungssystem mit seinen Vor- und Nachteilen – und auch die andere Seite.“

Die Ambivalenz bestimmt seine Kindheit und Jugend. Als die DDR ins Wanken gerät, studierte er Maschinenbau an der Technischen Universität Magdeburg – heute Teil der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. „Das war genau die richtige Zeit. Die eine Hälfte in der DDR. Die andere Hälfte in den turbulenten Zeiten der Wende und des Umbruchs. Für einen Techniker auch der richtige Weg“, findet er heute.

Dabei ist es beinahe anders gekommen: Ursprünglich hat er einen begehrten Studienplatz in Berlin zugesprochen bekommen, wollte Außenwirtschaft studieren, um später auch im Ausland zu arbeiten. „Raus, nur raus“ – das war der Wunsch. Doch Bernd Petermann sagt ab. Aus dem einzigen Grund, der für ihn noch stärker wiegt als der Drang nach Freiheit: wegen der Liebe.

Bereut hat Bernd Petermann seine Entscheidung nie. Er liebte das Studium vom ersten Tag an. Genau wie seine Arbeit im Kult-Studentenclub „Baracke“. Mit der Wende ändern sich für ihn „glücklicherweise“ auch die Studien-Inhalte: Die stark sozialistisch geprägten Lehrpläne werden durch rein fachlich-technische ersetzt. Am 3. Oktober 1990 feiert Deutschland die Wiedervereinigung – und Bernd Petermann feiert in der „Baracke“ mit. Dann stellt das Leben die Weichen neu. Mit dem Diplom in der Tasche hat es ein Maschinenbauer 1992 zunächst schwer. Bernd Petermann startet als Vertriebsingenieur im Außendienst für Ostdeutschland. Doch in der angeschlagenen Wirtschaft Komponenten für Anlagen zu verkaufen, war nahezu unmöglich. Nach einem Jahr wechselt er zum Magdeburger Unternehmen ABP Maschinenbau. Dort gehört er zu den Pionieren im Bereich Fördertechnik – heute eines der wichtigsten Standbeine des erfolgreichen Unternehmens.

Ende 1994 beginnt er, beim traditionsreichen Schwermaschinenbauer FAM den Bereich Service aufzubauen. „Wilde Zeiten“ seien das gewesen, meint Bernd Petermann. Er fängt mit einem Trio an. Als er geht, sind daraus 1.000 Service-Mitarbeitende weltweit geworden. Fast drei Jahre verbringt er in Alberta Kanada, lernt Englisch, „Projektmanagement aus einem anderen Blickwinkel“ und viel über sich selbst. Er ist viel unterwegs: arbeitet für FAM in Nord- und Südamerika, betreut Projekte in Europa und Asien, verbringt viel Zeit auf zahllosen Flughäfen. Die Konstante bleibt Magdeburg. „Es hat mich immer stolz gemacht, zurückzukommen und auch Kunden zu zeigen, wie sich u. a. auch die Stadt entwickelt hat“, sagt Bernd Petermann.

Und wenn er beurteilen soll, was für ihn die Wiedervereinigung gebracht hat, erklärt er schnell, dass sie für ihn und seine Familie ein Glücksfall gewesen ist. „So konnten wir uns hier ein schönes Leben aufbauen und selbst gestalten.“ Harte Arbeit schreckt ihn dabei nie ab.

2018 kehrt der viel gereiste Maschinenbauer endgültig nach Magdeburg zurück, steigt bei SYMACON ein gründet mit den Gesellschaftern die Symacon System + Service GmbH (SSG). Mit der Insolvenz der Geschäftspartner und dem Corona-Jahr 2020 erlebt er eine schwierige Startphase. Er und sein Team kämpft sich durch, heute steht das Unternehmen stabil da. Die SSG führt im Rahmen der Möglichkeiten die Maschinenbau-Tradition des Standorts fort. Beim Sondermaschinenbauer mit einem hohen Grad an Automation sind mittlerweile 65 Mitarbeitern an Bord. Bernd Petermanns Fazit: „Ich habe mich für die Familie und die Firma am Standort Magdeburg entschieden. Alles war richtig und macht viel Spaß und Freude.“


Vom Glück des Aufbauens

Marcus Recksiek

 

Recksiek wuchs in Geesthacht an der Elbe bei Hamburg auf. Seine Bundeswehrzeit verbrachte er in Schwarzenbeck, unweit der innerdeutschen Grenze. Die Öffnung der Mauer verfolgte er im Fernsehen: „Es war unfassbar und berührend, wie die vielen Trabis die Grenze passierten. Das ließ mich nicht kalt.“ Er erinnert sich an die vielen Menschen, die in seiner Hamburger Bankfiliale ihre Ostmark tauschten und ihr Begrüßungsgeld abholten: „Als die Mauer offen war, arbeiteten wir samstags Extraschichten für das Begrüßungsgeld.“ 1992 ging er für fünf Jahre nach Rostock, um die Regionalfiliale der Commerzbank mit aufzubauen. „Anfangs operierte die Bank aus Bussen und Wohnmobilen, dann in Containern bis wir feste Filialen bezogen. Dann rief mich mein Chef nach Hamburg zurück, wo ich 15 Jahre verbrachte. Ab 2000 wechselte ich in das Backoffice der Bank und wir hatten da schon einen Standort in Magdeburg. Das war mein erster Kontakt mit der Stadt. Gegenüber vom Hotel Ratswaage hatten wir unsere Räume mit 30 Leuten im Backoffice. Heute arbeiten 2200 Menschen arbeiten für ComTS in ganz Deutschland, davon ungefähr 440 in Magdeburg.“

2012 zog Recksiek nach Magdeburg. „Als auch die Kreditbearbeitung für Baufinanzierungen in die ComTS verlagert wurde, sollte ein neuer Standort in Halle aufgebaut werden. Damit wurde ich beauftragt und 2013 auch Geschäftsführer der neuen ComTS Ost in Halle und der ComTS Nord in Magdeburg. Bald zog ich mit meiner neuen Partnerin nach Schönebeck; sie stammt von dort.“ Regionale Mentalitätsunterschiede erkennt er nicht nur zwischen Ost und West. „Die Bayern ticken anders als die Norddeutschen. In Rostock fühlte ich mich als Norddeutscher, eher zurückhaltend und wortkarg, wie zuhause. Die Leute sprachen ganz ähnlich wie um Hamburg. Die Menschen, die ich im Osten kennenlernte, hatten eine große Neugier und Flexibiltät. Sie zeigten Engagement. Sie konnten und wollten arbeiten. Im Westen herrschte da manchmal schon eher so eine Komfortzone: bloß nichts ändern.“

Auch Magdeburg erlebte er so positiv: „Die Leute waren sehr motiviert, haben sich der Veränderung gestellt. Mich reizte, mit Menschen zu arbeiten, die etwas verändern und erreichen wollten. Hier im Osten war mehr Bums, mehr Dynamik, mehr Aufbau. Das hat Spaß gemacht, mit solchen Menschen zu arbeiten und zu reden, auch jenseits der Arbeit.“ Dass die ComTS nach Magdeburg kam, war kein Zufall. Nach Standort-Rechenmodellen hatte die Stadt die beste Punktzahl, erläutert der Manager: „Das waren wirtschaftliche, eher unromantische Gründe. So eine Standortentscheidung macht man dann auch nicht mehr so schnell rückgängig.“

In Magdeburg erlebt er den Wandel seit 2000 als kontinuierliches Wachstum. „Das Stadtbild wird immer schöner, das passt so. Meine Kinder werden hier groß, das ist zuhause für mich. Ich bin hier in einen Freundeskreis reingewachsen.“ Als sein Sohn in der Schule die deutsche Teilung behandelte, erklärte Recksieks hier aufgewachsene Frau, wie das war. „Und ich erzählte meine ganz andere Geschichte – bis hin zur Ausbildung bei der Bundeswehr, für die die Ostarmeen Gegner waren. Ohne die Einheit hätte es unsere Kinder ja gar nicht gegeben, weil sich ihre Eltern nie getroffen hätten.“ Wäre die Mauer geblieben, wäre Recksieks Leben anders verlaufen. „Auf der beruflichen Seite konnte ich mir nichts Besseres wünschen. Statt einer Abbauarbeit mit Personalentlassungen, konnte ich hier etwas aufbauen und Leute einstellen. Das war eine dankbare Aufgabe mit Gestaltungsfreiheiten. Dazu kam der Glücksfall im Privaten mit meiner Familie hier.“

Die Zukunft Magdeburgs sieht der Banker auch in den Dienstleistungsnischen. „Die Zeiten großer industrieller Ansiedlungen sind vielleicht vorbei. Innovative Dienstleistungen, Forschung und Entwicklung könnten für Magdeburg attraktiv sein. In der digitalen und virtuellen Welt sind Metropolen weniger wichtig. Homeoffice geht von Magdeburg so gut wie in Frankfurt. Gute Lebenshaltungskosten und Lebensqualität eröffnen unserer Stadt Chancen.“