Die Weichen in der Heimat gestellt

Anja Mulkau

 

Die Magdeburgerin blickt viel über den Tellerrand, und ist sich schnell sicher: „Ich möchte vor Ort etwas gestalten.“

Als die Wende Deutschland auf den Kopf stellt, steckt Anja Mulkau mitten in ihrer Teenagerzeit. Sie erinnert sich an eine Phase, „in der Dinge passierten, für die man sonst Jahrzehnte gebraucht hätte“. Für die Magdeburgerin war es eine Zeit tiefgreifender Veränderungen – und doch überwiegt für sie bis heute ein Gefühl: Optimismus.„Ich habe die Wende für mich persönlich als sehr positiv erlebt“, sagt die Prokuristin und Abteilungsleiterin der Wohnungsbaugesellschaft Magdeburg (WOBAU). Bis zum Mauerfall hat sie kaum Berührung mit dem Westen. Nur Großonkels, die gelegentlich zu Besuch kamen – etwa zur Jugendweihe – geben einen kleinen Einblick. „Mir kam es so vor, als würden sie aus einer anderen Welt stammen“, erinnert sie sich.

Zu DDR-Zeiten schafft sich Anja Mulkaus Familie ihre eigene kleine Welt. Sie ist eng verbunden, hält zusammen, ist tief verwurzelt in Magdeburg. Der Rest der Welt wird größer – und das Kind von einst schaut über den Tellerrand. „Ich erinnere mich an eine London-Reise 1990, noch vor der Währungsunion“, erzählt die WOBAU-Prokuristin. „Wir hatten kaum Geld, waren völlig überwältigt von den Eindrücken. Noch wenige Monate zuvor wäre London für uns so unerreichbar gewesen wie der Mond.“

Anja Mulkau ist neugierig, sammelt Erfahrungen, reist und kehrt doch immer wieder zurück an die Elbe. 1993 beginnt sie in Magdeburg ihr Studium. „Ich wollte nicht wegziehen, sondern lieber hier in meiner Heimat etwas bewegen“, sagt sie. Ein leichter Start ist das nicht. Die Aufbruchstimmung der frühen Wendejahre ist vielerorts verflogen. Die Arbeitslosigkeit steigt, Ausbildungs- und Studienplätze sind begrenzt. Doch Anja Mulkau bleibt und stellt früh die Weichen für ihre Zukunft vor Ort. Für sie ist Weggehen nie eine Option. „Es hat sich für mich hier sehr viel gut zusammengefügt“, sagt sie rückblickend.

Nach dem Studium ist sie zunächst für den genossenschaftlichen Prüfungsverband der Wohnungsgenossenschaften in Sachsen-Anhalt unterwegs. Sie sieht viele Orte, lernt die Immobilienbranche von Grund auf kennen. Der Job gefällt ihr, dennoch hat sie andere Pläne – möchte „lieber selbst in einem Unternehmen etwas gestalten, als andere zu prüfen“. 2017 wechselt sie zur WOBAU, übernimmt die Leitung der Geschäftsstelle Nord – ein Heimspiel: Sie ist ein Kind des Kannenstiegs. Mit Engagement und Blick fürs Machbare entwickelt sie den Standort weiter. Später wechselt die wissbegierige WOBAU-Zweigstellenleiterin in die Zentrale, wo sie heute als Leiterin der Abteilung Finanzen tätig ist und als Prokuristin Verantwortung übernimmt.

Ihr beruflicher Wunsch hat sich erfüllt: Anja Mulkau gestaltet. Die WOBAU prägt das Gesicht der Ottostadt seit den Nachwendejahren entscheidend mit. Stadtplanerinnen und Stadtplaner denken in großen Linien und setzen Visionen um. Projekte wie das Domviertel stehen beispielhaft für die städtebauliche Transformation Magdeburgs. „Ohne Visionen kann man diesen Job nicht machen“, ist Anja Mulkau überzeugt. Heute sind es andere Ideen, die den Takt vorgeben: der Wiederaufbau von Teilen der Altstadt auf dem Prämonstratenserberg, moderne Lückenbebauung, die Pflege und Entwicklung des eigenen Wohnungsbestands.

Wenn sie durch Magdeburg geht, sieht die WOBAU-Verantwortliche mehr als nur Fassaden. Sie sieht Vergangenheit und Zukunft. „Ich vergleiche oft die Bilder von heute mit denen aus meiner Kindheit – Magdeburg hat sich in so vielen Bereichen positiv entwickelt. Die Stadtteile, das Hundertwasserhaus – es gibt viele Highlights“, sagt sie. Und auch: „Ohne die Wende wäre vieles anders gekommen.“ Vielleicht wäre sie Lehrerin geworden für Russisch und Englisch, wie sie es sich als Kind erträumte. Sie ist überzeugt: „Es ist gut so, wie es jetzt ist. Ich mag, was ich tue, habe mich immer weiterentwickelt und Herausforderungen angenommen.“ Und auch für ihre Stadt hat sie eine klare Perspektive: „Magdeburg wird sich weiter positiv wandeln. Als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort sind wir schon gut aufgestellt. Jetzt wünsche ich mir, dass noch mehr Unternehmen kommen, die junge Leute mitbringen. Dann wird Magdeburg noch vielfältiger, als es ohnehin schon ist.“


Magdeburg als Solitär zwischen Ost und West kann seine Stärken nutzen

Dr. Alexander Ruhland

 

Dr. Alexander Ruhland ist in Augsburg geboren und studierte zur Wende in West-Berlin. Aufgrund seiner verwandtschaftlichen Beziehungen in die DDR hatte er aber auch schon zuvor verschiedene Kontakte und Erfahrungen auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze. Besonders sind ihm noch die Pakete in Erinnerung, die jedes Jahr ausgetauscht wurden – von West nach Ost und von Ost nach West: „So kam ich zum Beispiel zu tollen handbemalten Indianern.“, schmunzelt er. Die Zeit nach dem Mauerfall in West-Berlin beschreibt Alexander Ruhland als sehr spannend und turbulent, voller gegenseitiger Neugierde und Aufbruchsstimmung.

Nach diversen beruflichen Stationen in den alten und neuen Bundesländern sowie seiner Rückkehr zur Promotion nach Berlin kam Dr. Ruhland 2013 nach Magdeburg. „Ich kannte Magdeburg über verschiedene Anknüpfungspunkte bereits aus meiner Kindheit“, erzählt er. Dazu gehörten etwa das Wissen aus dem Geschichtsunterricht um die Schlacht auf dem Lechfeld und die Rettung Augsburgs durch König Otto I. aus Magdeburg, die Grundlage seines späteren Kaisertums war, oder auch die Erzählungen seines Opas vom guten Börde-Boden. Auch der Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, war gebürtiger Magdeburger.

Als ihn seine neue Anstellung als Geschäftsführer bei der Trinkwasserversorgung Magdeburg GmbH dann vor gut 11 Jahren in die Stadt führte, war hier schon viel passiert. „Ich fand Magdeburg sofort beeindruckend und hatte einen positiven Eindruck.“, erinnert er sich. Die Trinkwasserversorgung Magdeburg GmbH versorgt etwa 740.000 Menschen im mittleren Sachsen-Anhalt mit Wasser. Aufbauen kann die Gesellschaft auf die bereits in den 1930iger Jahren und während der DDR-Zeit geschaffenen Versorgungsstrukturen, die seit der Wende weiterentwickelt und ausgebaut werden. „Bereits damals hatte man die Probleme der Wasserversorgung im mitteldeutschen Trockengebiet erkannt und mit großem Einsatz eine überregionale Versorgungsstruktur aufgebaut. Das ist noch aus heutiger Sicht eine immense Leistung und war für viele mit einem großen Qualitätssprung verbunden“, erklärt er. „Durch die Weitsicht hat man beste Voraussetzungen für eine Entwicklung geschaffen, woran wir heute anknüpfen können. Magdeburg verfügt über ein sehr gutes Trinkwasser und eine hohe Versorgungssicherheit. Der Erhalt und die Sicherung des Versorgungssystems, aber auch die Schaffung von Voraussetzungen für große Industrieansiedlungen, bleiben als Herausforderung.“

Neben dieser spannenden beruflichen Herausforderung ist Alexander Ruhland auch privat in Sachsen-Anhalt angekommen. Sein ältester Sohn ist jedoch nach der Schule für seine Ausbildung nach Augsburg gezogen: „Ich habe dort nach wie vor Verwandtschaft und Freunde, die ich regelmäßig besuche.“ Ansonsten fühlt er sich nach 20 Jahren Sozialisation in Westdeutschland und 25 Jahren Berufsleben in Ostdeutschland einfach gesamtdeutsch. Davon unabhängig nimmt er aber auch Unterschiede war: „Viele Dinge sind lokal geprägt und das wird auch so bleiben.“ Magdeburgs Zukunft sieht er in diesem Zusammenhang positiv, da die Stadt alle Voraussetzungen hat, um zuversichtlich nach vorn zu schauen.

Wo genau der Weg der Stadt und auch sein persönlicher noch hinführen werden, ist schwer zu sagen: „Man darf bei seinen Entscheidungen grundsätzlich optimistisch sein, es gibt ja meist nicht nur richtig oder falsch, sondern viele gute Wege. Es kommt aber darauf an, sich zu entscheiden und den gewählten Weg mit Zuversicht zu beschreiten.“ Wenn man auf diesen Wegen seine Potentiale nutzt und optimistisch bleibt, dann kann man nicht viel falsch machen. Magdeburg ist seiner Meinung nach auf alle Fälle auf einem solchen guten Weg, der noch viele Chancen bereithält. „Der Magdeburger Zusammenhalt ist dabei ein richtiges Pfund, das man weiter stärken muss.“ „Magdeburg ist wie ein Solitär zwischen Berlin und Hannover gelegen, beinahe wie eine Brücke zwischen Ost und West. Diesen Vorteil sollte die Ottostadt für sich nutzen“, ist Dr. Ruhland sich sicher. „Wenn es uns mit einer klugen Stadtpolitik gelingt, die vorhandenen Stärken wie die Hochschullandschaft, die innovativen Start-ups und Unternehmen sowie die hervorragende Lebensqualität an der Elbe zu nutzen sowie neue Strategien zu entwickeln und offen für Investoren zu bleiben, dann stehen uns alle Perspektiven offen.“