"Magdeburg ist heute Hidden Champion"
Dr. Jörg Biastoch
Fragt man Dr. Jörg Biastoch nach seiner Erinnerung an den 9. November 1989, so ist das eine ganz konkrete. „Ich kann mich relativ genau an diesen Tag erinnern, weil ich die Maueröffnung verschlafen habe“, sagt der Arzt sowie Gründer und Geschäftsführer der Humanas Pflege GmbH & Co. KG in Magdeburg. „Ich war Student und mein Sohn gerade vier Monate alt.“ Die von Günter Schabowski seinerzeit öffentlich auf einer Pressekonferenz verlesene „Reiseregelung“ können Jörg Biastoch und seine Freunde erst gar nicht einordnen. „Wir dachten gar nicht, dass sich das auf alle Menschen bezieht. Wir dachten, das ist nur für die, die ständig ausreisen wollten.“ Erst als er am nächsten Tag an die Hochschule kommt, merkt er, dass „fast niemand mehr da war“. Über die nun offene Grenze setzt ihn sein Hochschulprofessor in Kenntnis. „Das war skurril und euphorisch. Ich meine, wir waren studentisch aktiv, aber wir haben für Veränderungen innerhalb des Systems gekämpft.“ Für Jörg Biastoch und seine Kommilitonen galt bis dato: „Wir sind das Volk. Wir bleiben hier.“
Jörg Biastoch wird im sächsischen Torgau als Sohn eines Pastors geboren. „Unser Leben war von der Arbeitswelt meines Vaters geprägt“, sagt er. Von 1963 bis 1968 wohnt die Familie in Arzberg, anschließend nimmt der Vater eine Stelle in Rogätz bei Magdeburg an. Im Sommer 1973 steht der Umzug nach Magdeburg an, wo Jörg Biastoch bis heute lebt und unternehmerisch sowie vielfach ehrenamtlich aktiv ist. „Das Ding war ja, dass meine Mutter aus West-Berlin stammt. Da haben sich meine Eltern kennengelernt. Nach der Heirat 1959 siedelte meine Mutter 1960 in die DDR über.“ Als Pastorensohn habe er gelernt, „immer zehn Prozent mehr zu geben, als die anderen“. Denn obwohl er als solcher auch viele Freiräume genossen hat, so waren da auch Einschränkungen.
1991 beendet Jörg Biastoch sein Studium. 1993 kehrt er an die Hochschule zurück, um am Institut für öffentliches Gesundheitswesen zu arbeiten. Sein Steckenpferd als Mediziner ist das Blutspende- und Transfusionswesen. Es baut ihm die Brücke in die Pflegebranche, wie er heute betont. Da ihm nach der Wiedervereinigung alle Türen offenstehen, entschließt sich Jörg Biastoch 1994 nach Nottingham zu gehen und seinen Master of Public mit dem Schwerpunkt „Versorgungsforschung Pflege“ abzulegen. Alle folgenden Angebote schlägt er aus; er sieht seine Zukunft in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt. „Mein soziales Umfeld und mein Netzwerk waren und sind hier.“
Magdeburg ist heute für Jörg Biastoch, der seit 2022 auch Präsident des 1. FC Magdeburg ist, ein „Hidden Champion“. „Wie das vor 35 oder 30 Jahren war, kann man sich fast nicht mehr vorstellen. Und man kann es auch kaum erzählen.“ Die grauen Ecken seien fast alle verschwunden, Magdeburg präsentiere sich inzwischen als eine „äußerst lebenswerte Stadt“. Für das Unternehmen Humanas legt er 2006 mit Ina Kadlubietz den Grundstein und entwickelt es zu einem der modernsten Anbieter moderner Wohn- und Pflegeangebote in Sachsen-Anhalt. Mehr als 20 Standorte und mehr als 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt Humanas aktuell.
Geeint sind Ost und West nicht. Auch, weil „Deutschland in seiner ganzen Geschichte noch nie ein vereintes Land gewesen ist“, bekräftigt der sehr geschichtsinteressierte Mediziner. „Es war immer ein Vielvölkerstaat, mit all den damit verbundenen regionalen Unterschieden. Und die gibt es übrigens nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Nord und Süd.“ Bezogen auf eben diese Mentalitätsunterschiede sei es wünschenswert, „weniger den moralischen Zeigefinger zu heben“. Überall Gleichheit zu erzielen, das ginge eben nicht, sagt Jörg Biastoch. Er halte es im Leben ganz grundsätzlich überzeugt pragmatisch. „Situationen, die ich nicht ändern kann, nehme ich an und mache das Beste draus“, betont er. Einen „Vibe“, den er auf alle Lebensbereiche erfolgreich zu übertragen weiß. „Im besten Falle gilt das auch für Magdeburg und seine Entwicklung. Ich bin sicher, dass diese weiter sehr erfreulich sein wird.“ Das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und der Mut zu einer „gewissen Fehlerkultur ohne blinden Aktionismus“ – das sind für Jörg Biastoch im Leben, im Profisport und in der Stadtentwicklung entscheidende Werte.
Von grau zu hell und schön
Sabine Schramm
Im zehnten Jahr nach dem Mauerfall im November 1989 kommt Sabine Schramm zum ersten Mal nach Magdeburg. Bis 2001 ist die gebürtige Bayerin Ensemblemitglied im hiesigen Puppentheater und in sieben Produktionen zu sehen. „Ziemlich grau“ sei die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts damals gewesen, erinnert sich die aktuelle Intendantin des renommierten Magdeburger Puppentheaters. „Man sah die Verletzungen der Stadt. Als ich 1999 kam, waren viele Menschen unglücklich über ihre private und berufliche Situation“, blickt die Regisseurin, Puppenspielerin und Schauspielerin in die Vergangenheit. „Viele fragten mich damals: Was willst du als Westdeutsche hier? Ich habe mich oft im Draußen gefühlt, wie ein Zaungast.“ Das aber, ist im wahrsten Sinne des Wortes graue Vergangenheit. Denn Sabine Schramm ist zurückgekommen. Seit August 2023 leitet sie das Magdeburger Puppentheater und sagt: „Aus dem Grau ist eine helle und schöne Stadt geworden, die in Bewegung ist.“
Als kleines Mädchen beschäftigt sie eine Nachricht ihres Vaters sehr, nämlich, dass das eigene Land nach dem Krieg durch eine Mauer geteilt worden ist – auch Familien, die nun voneinander getrennt, leben müssen. „Ich war erschüttert. Diese Vorstellung war für mich kaum fassbar.“ Ihr Vater zeigte wenig Hoffnung, dass das geteilte Deutschland je wieder zusammenfinden würde. Umso bewegender war der Abend des 9. November 1989 als der Vater seine ganze Familie zu sich ruft und sagt „Das müsst ihr sehen – dieser Tag wird in die Geschichte eingehen!“
Nach der aufregenden Wendezeit und den damit einhergehenden Veränderungen in Ost- und Westdeutschland beginnt für Sabine Schramm ein neuer Lebensabschnitt. Nach dem Abitur macht sie ihr Staatsexamen in Bildender Kunst. Doch es ist die Freie Kunst im Allgemeinen und die Verflechtung von Bildender und Darstellender Kunst im Speziellen, das ihre ganze Aufmerksamkeit und ihr Interesse weckt. Sabine Schramm studiert Schauspiel in Wien und Figurentheater in Stuttgart. Ihr künstlerischer Weg führt sie durch ganz Deutschland; durch Ost und West, Süd und Nord. Neben dem Engagement in Magdeburg ist sie unter anderem in Rostock, Tübingen, München, Saarbrücken und Regensburg engagiert, ebenso auf internationalen Festivals zu sehen und lehrt an Hochschulen und Universitäten ihre Kunst. Am Theater Altenburg-Gera leitet sie mit großem Erfolg von 2011 bis 2023 die Puppentheatersparte. „Ich bin bisher 15 mal umgezogen“, sagt sie mit einem Schmunzeln. „Das Wagnis und die Neugierde sind mein täglich Brot.“
Ihre Rückkehr nach Magdeburg ist Ausdruck von Überzeugung und von dem Wunsch geprägt, hier weiterzudenken, was begonnen wurde; nicht zuletzt, weil sie die Stadt über das Puppentheater in die Welt hinaustragen will.
Aber „Kunst und Kultur sind auch Stadtentwicklung“, betont sie.
Das durch sie weiterentwickelte quartier p. sei ein Meilenstein und soll das Puppentheater Magdeburg zu einem Zentrum für europäische Puppenspielkunst und zu einem Campus wachsen lassen - ein Ort für Austausch, Forschung und neue Formen des Figurenspiels.
Sabine Schramm, für die ihr Beruf längst zur Berufung geworden ist, begegnet mitunter einem Lächeln – für ihren festen Glauben an die Wirksamkeit von Kunst. „Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem Theater die Welt ein wenig heller, offener und besser machen können“, sagt sie. „Diesen Idealismus trage ich in mir – und er scheint unverwüstlich.“
Gleichzeitig bleibt sie wach für die Brüche der Geschichte. „Wir sind noch nicht wirklich vereint. 1989 hat uns alle überrascht. Es wurde nicht genug aufeinander gehört und sensibel nachgespürt.“ Sie versteht den Schmerz vieler Ostdeutscher: „Deren gewachsene Strukturen oft nicht anerkannt wurden – stattdessen hat man neue Wertmaßstäbe darübergelegt, ohne ein gegenseitiges Zuhören oder abwägen.“
Umso mehr setzt sie auf den Dialog – über die Kunst.
Das Puppentheater ist ein städtischer Eigenbetrieb mit einem eigenen und ganz großartigen Ensemble und mannigfaltigen Möglichkeiten. Ihre Rückkehr nach Magdeburg bereut sie keinesfalls, ganz im Gegenteil. „Ich habe mir diese Aufgabe und Herausforderung ja gewünscht.“ Sie weiß: In Magdeburg hält man eine schützende Hand über die Kultur und das Theater. „Ein großartiges Signal einer Stadt, die im Aufbruch ist und ein wunderbares Zeichen für ein menschliches Miteinander.“